Interview

Aids-Pionier und Ehrendoktor Ruedi Lüthy: «Abgehärtet war ich nur am Anfang»

2004 eröffnete Ruedi Lüthy eine Klinik für HIV-Kranke in Simbabwe. Gestern bekam er den Ehrendoktortitel. Dabei steht er gar nicht gerne im Mittelpunkt und findet, dass die Ehre vor allem seinem Team zugute kommt.

Ruedi Lüthy (78) ist Schweizer Aids-Spezialist erster Stunde. Am Universitätsspital in Zürich gründete er die Abteilung für Infektionskrankheiten, die er zwanzig Jahre leitete. Anfang der 90er Jahre stellte Lüthy das «Lighthouse» mit auf die Beine, ein Zürcher Hospiz, das anfänglich Aidskranken offenstand. Kurz vor seiner Pensionierung entschied er sich, 2004 in Simbabwe, einem der am meisten von HIV betroffenen Länder Afrikas, eine Klinik zu eröffnen.

Bereits vor seiner Ehrendoktorwürde in Basel hat er mehrere Auszeichnungen für sein Engagement bekommen, demnächst steht die Verleihung des Schweizer Menschenrechtspreises an. Auch einen Ehrendoktor hat Lüthy bereits: Denjenigen der Universität Bern, den er bereits kurz nach der Eröffnung der HIV-Klinik Newlands Clinic bekommen hat.

Herr Lüthy, Ärzte haben den Ruf, ein bisschen eitel zu sein. Was bedeutet Ihnen die Verleihung der Ehrendoktorwürde?

Ruedi Lüthy: Ich habe Mühe mit solchen Ehrungen, denn ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt. Für mich ist es zentral, dass das Team die Arbeit macht. Es braucht vielleicht einen, der vorausläuft und die Philosophie vorgibt. Aber das war auch meine Leistung. Was täglich unter schwierigsten Umstände läuft, das ist die Leistung des Teams.

Ihre Auftritte in der Öffentlichkeit sind auch ein bisschen contre-coeur, um auf Ihre Stiftung aufmerksam zu machen und Spendengelder zu generieren?

Mit Medienauftritten habe ich weniger Probleme. Mehr Mühe bereiten mir solche Ehrungen – da ist mir einfach etwas unwohl.

Es gibt auch Menschen, die Ehrungen zurückgewiesen haben. Bob Dylan hat den Nobelpreis für Literatur nicht abgeholt. Das könnten Sie ja auch.

Das war wohl aus einem anderen Grund. Nein, eine Ehrendoktorwürde ist unter Ärzten eine grosse Ehre. Ich habe 2003 schon eine von der Uni Bern bekommen. Aber die hier hat mich völlig überrascht. Das freut mich schon. Aber die lobenden Worte brauche ich nicht.

Wobei Sie diese sicher verdient haben. Seit 1981 sind Sie als Aidsforscher tätig, haben viele Menschenleben retten können mit Ihren Behandlungen. Haben Sie eigentlich eine Ahnung, wie viele es sind?

Nein. Mir ist das wichtig, was ich im Moment machen kann. Wenn ein Mensch kommt und sich bedankt, weil er oder sie dank mir noch am Leben ist, das bedeutet mir etwas. Aber darüber Statistik zu führen, ist sinnlos. An den einzelnen Leben hängen ja noch viele andere, die Familien der Betroffenen. Wir haben am Anfang, als wir die Klinik in Simbabwe eröffnet haben, ganz spezifisch Frauen ausgesucht für die Behandlungen. Ich habe das Waisenprävention genannt. Wenn wir eine junge Frau wieder genesen können, dann kann sie ihre Kinder aufziehen. In Simbabwe gibt es über eine Million Waisen. Viele dieser Kinder befinden sich in einem täglichen Kampf, leben auf der Strasse, haben keine Kleider und kein Wasser. Bei uns in der Klinik sind wir auf ganze Familien ausgerichtet. Bedingung ist daher, dass die Partner miteinander offen kommunizieren, was ihre Krankheit angeht.

Das klingt selbstverständlich.

Ja, aber in Simbabwe ist es nicht so. Viele nehmen ihre Medikamente heimlich ein und verschweigen ihre HIV-Krankheit gegenüber ihrem Partner.
Ein mancher Arzt tut viel Gutes, und trotzdem sind es die einzelnen Fehler, die ihm immer wieder den Schlaf rauben. Welche Fehler haben Sie gemacht?

Wenn ich zurückblicke zum Anfang der 80er Jahre, war es für mich schwer, die Leute in den Tod zu begleiten, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. Das hat zu einer Verzweiflung geführt, bis ich langsam erfahren habe, dass es nicht nur das ist, was mich als Arzt definiert, was ich an Medikamenten abgebe, sondern wie ich mit den Patienten umgehe. Wenn man sich öffnet, wird man verletzlich, gerade bei diesen Patienten, die oft sehr wütend waren, vom HI-Virus betroffen zu sein. Deshalb habe ich oft zugemauert, habe abgeblockt. Dabei war ein wesentlicher Teil der Arbeit als Arzt, dem Patienten zu zeigen, wie er mit der Krankheit umgeht und sie versteht. Erst später kam ich damit klar, dass ich den Verlauf der Krankheit nicht ändern konnte, aber immerhin ihre Atemnot, ihre Schlaflosigkeit lindern und was sie an Verlust des Umfelds erleiden, mit unserem Personal etwas kompensieren.

Sie sind professioneller geworden. Waren Sie mit der Zeit abgehärtet, wenn Sie Menschen sterben sahen?

Abhärten wäre eher das, was ich vorhin beschrieben habe; dass man eine Mauer um sich herum aufbaut. Das war ja eher am Anfang der Fall. Aber es gibt den Spruch, der mir in den vergangenen drei Jahrzehnten viel geholfen hat. «Gott schenke mir die Kraft, das zu tun, was ich vermag. Und zu lassen, was ich nicht verändern kann. Und die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden.» Das ist für mich der springende Punkt. Es gibt immer wieder Situationen, die mir schauderhaft weh tun. Die heutige Situation in Simbabwe etwa bringt mich in die Knie. Ich darf mich da nicht reinziehen zu lassen.

Wie ist die Situation in der Klinik?

Sie ist eine Insel. Es gibt so viel, das auch Freude macht. Was im Land selber läuft, ist traurig, zum Teil fast unerträglich. Die Bevölkerung leidet dermassen. Von elf Uhr abends bis morgens um fünf haben wir Strom. Die meisten Gebiete haben kein Wasser. Wir haben eine Inflation. Anfangs Jahr war ein Simbabwe-Dollar einen US-Dollar wert, jetzt ist es ein Zwanzigstel. Die Löhne sind aber nicht gestiegen. Ein Arzt bekommt noch 20 US-Dollar im Monat, das reicht nicht mal fürs Busticket in die Stadt. Das Ärztepersonal streikt seit Anfang September. Die Leute werden ins Spital eingewiesen und bekommen nicht die Behandlung, die sie brauchen.

Kann man, so zynisch es klingt, fast von Glück sprechen, wenn man HIV-infiziert ist und bei Ihnen in die Klinik darf?

Das ist nicht zynisch, das ist so. Menschen bekommen bei uns eine sehr gute Betreuung, zu essen, für die Jugendlichen, die psychische Probleme haben, gibt es Psychotherapie. Wir kümmern uns sehr gut um sie.

Besteht nicht die Gefahr, dass sich die Menschen absichtlich mit HIV anstecken, um dem Leid zu entfliehen, das sie auf der Strasse erfahren?

Nein. Es gibt verantwortungslose Menschen, die das Risiko bewusst eingehen. Aber auf der anderen Seite sind die Menschen hier auch von HIV geprägt. Fast jede Familie hat einen Verlust hinnehmen müssen. Ich habe noch nie so viele Witwen gesehen wie in Simbabwe.

Inwiefern spielt der Glaube oder gar der Aberglaube eine Rolle?

Die Ahnenwelt ist in Simbabwe für viele fast genauso wichtig wie die Gegenwart. Man verlässt sich darauf, dass die Ahnen zu einem schauen. Diese Traditionen führen zu einer Verlangsamung des gesellschaftlichen Wandels. Nehmen wir zum Beispiel die Ehe: Wenn der Mann das Brautgeld nicht bezahlen kann, dann geht alles schief. Wenn jemand nicht an eine Beerdigung geht, dann muss er sich bewusst sein, dass er verwünscht wird. Das glauben auch gut ausgebildete Menschen, sogar solche, die bei mir in der Klinik arbeiten. Aber sie können das gut trennen von ihrem Job.

Führt die Schicksalsgläubigkeit zu Arglosigkeit? Dass man sich also denkt: Dem Schicksal bin ich ausgeliefert, da nützt auch Verhütung nichts.

So gut beurteilen kann ich das nicht. Gespräche über Heiler und Ahnen sind nicht etwas, wo man schnell herankommt. Ich habe lange gebraucht, bevor ich eine Antwort bekommen habe, die ich verstanden habe. Darüber reden die Simbabwer nicht, schon gar nicht mit Weissen.



Als Sie vor 15 Jahren die Aids-Klinik eröffneten: Wurden Sie mit offenen Armen empfangen?

Anfangs hatten wir mit bürokratischen Hürden zu kämpfen. Aber in der Bevölkerung selber wird man mit einer Offenheit empfangen, das ist unglaublich. In Zürich kannten wir ja die Nachbarn kaum. Das wäre in Harare undenkbar.

Sie hätten die Möglichkeit gehabt, sich ein gemütliches Rentnerleben zu machen. Warum haben Sie sich dagegen entschieden?

Ich wollte ja eigentlich nach dem Medizinstudium nach Afrika reisen mit meiner Frau. Dann wurde mir gesagt, in diesen Spitälern brauche es erfahrene Ärzte. Dann habe ich das vertagt. Der Anlass war letztlich, dass ich im Jahr 2000 an einem internationalen Aids-Kongress in Südafrika teilgenommen habe. Ein Richter vom obersten Verfassungsgericht hat eine Rede gehalten und gesagt, dass die Menschen im Zweiten Weltkrieg weggeschaut hatten wie die Menschen heute beim Aids. Im südlichen Afrika leben momentan 30 Millionen HIV-Infizierte ohne Therapie, die würden mit grosser Wahrscheinlichkeit viel zu früh sterben. Er sagte: «Wenn ihr nach hause geht und sagt, ihr wollt nichts damit zu tun haben, dann ist das gleich wie beim Holocaust oder der Apartheid». Das hat bei mir irgendwas ausgelöst. Ich hab das mit meiner Familie besprochen - drei Jahre später begann ich in Harare.

Wo Sie mittlerweile fast heimisch sind. Einen Grossteil des Jahres verbringen Sie in Simbabwe. Sind Sie mittlerweile selbst ein halber Simbabwer?

Nein, ich bin durch und durch Schweizer. Diese Ordnung, dieser Fleiss. Das sind Qualitäten, die man wirklich schätzen lernt, wenn man dort tätig wird. Ich bin glücklich, dass ich Schweizer bin, weil mir dies das Privileg gegeben hat zu studieren und einen gescheiten Beruf zu machen. So viel Geld zu verdienen, dass ich davon leben kann. Nehmen wir die Rechtssicherheit. Mir war das gar nicht so bewusst, was das bedeutet. Bis ich in Simbabwe gesehen habe, wie die Polizei an Demonstrationen Leute zusammenschlägt oder erschiesst. Und niemand wird belangt. Wenn mir jetzt einer sagen würde, ich müsste mich für die Schweiz oder für Simbabwe entscheiden, dann müsste ich nicht überlegen.

Sie haben das Stiftungspräsidium Ihrer Foundation Ihrer Tochter übergeben und auch die Geschäftsleitung an Jüngere übertragen, sind aber immer noch stark engagiert. Bereitet es Ihnen Probleme, sich zurückzuziehen?

Ja! Das Team, das so engagiert arbeitet. Die Patienten, die so dankbar sind. Und die Natur, die wilden Tiere. Es gibt für mich nichts Schöneres, während den Ferien in den Nationalpark zu gehen und die Tiere anzuschauen. Aber das Land hat grosse Probleme, wo ich beim besten Willen keinen Ausweg sehe.

Impressionen aus Simbabwes Hwange-Nationalpark von 2017:



Welche Rolle haben Sie jetzt in der Klinik?

Die eines Beraters. Vor fünf Jahren haben wir einen administrativen Direktor eingestellt, der mir einen riesigen Teil der Arbeit abgenommen hat. Vor zwei Jahren hat Stefan Zimmerli meine Nachfolge angetreten. In dieser Funktion ist er während drei Monaten in Harare - während seiner Abwesenheit gleiche ich etwas aus, gebe auch mal Ratschläge, wenns das braucht. Gerade jetzt, wo es Simbabwe wirtschaftlich schlecht geht, geht es oft darum: Wen nehmen wir in der Klinik auf, wen nicht?

Sind das nicht ohnehin die schwierigsten Entscheidungen. Menschen mit HIV abzuweisen, weil die Kapazität fehlt?

Es funktioniert zum Glück nicht so, dass wir die einen Patienten abweisen und andere aufnehmen. Die Patienten werden zumeist von Ärzten oder Organisationen überwiesen. Wir haben einen Schwerpunkt für die medizinisch schwierigen Fälle, hier auch von der Oberschicht, wenngleich diese die Therapie auch bezahlen müssen. Ansonsten: Zwei Drittel sind Frauen, ein Drittel Kinder.

Sie haben sehr viele Menschen sterben sehen. Hat das die Angst vor dem Tod eher gesteigert oder gesenkt?

Als ich in den 90er Jahren im «Lighthouse» (Palliativzentrum in Zürich, d.Red.) angefangen habe, kam ich mit der Idee, herauszufinden, wie es gewisse Leute schaffen, ruhig dem Tod entgegen zutreten. Das war eine Hybris. Aber ich habe gelernt, dass das Hadern mit der Umgebung am meisten zehrt, wenn man eine solche Diagnose bekommt. Ich selber hatte viele schwierige Krankheiten. Und mittlerweile kann ich sagen: Ich hadere nicht mit allem, was mir passiert ist.

Sie sind 79 Jahre alt. Wie lange werden Sie noch arbeiten?

Das hängt nicht nur von mir ab, sondern auch von meiner Frau. Für sie ist es nicht nur leicht, immer wieder nach Simbabwe zu reisen. Sie ist dort ziemlich isoliert. Wenn ich merke, dass ich nichts mehr bieten, nichts mehr eingeben kann, dann kehre ich zurück.



Sie werden Simbabwe und Ihre Klinik aber bestimmt vermissen, wenn Sie dem Land dereinst den Rücken kehren?

Das mit Bestimmtheit, und ich glaube auch, dass mich die Leute in Simbabwe vermissen werden. Sie erweisen mir zwar nicht in dem Sinn die Ehre, dass ich einen Ehrendoktortitel erhalte. Aber viele Angestellte der Klinik kommen immer wieder auf mich zu und sagen: «Ohne Sie wäre ich nicht, wo ich heute bin. Meine Kinder sind gesund, es geht uns gut und ich kann jeden Tag etwas Sinnvolles machen.» Was wollen Sie mehr?

Wenn man so vielen Menschen geholfen hat. Verschwimmt im Verlauf von über dreissig Jahren Tätigkeit alles oder gibt es einzelne Erinnerungen, die herausstechen?

Ja, eine Erinnerung sticht besonders heraus. Ich bin ja nicht Kinderarzt, aber aus der Not heraus haben wir bereits im ersten Jahr Kinder zu therapieren begonnen. Und zu sehen, wie sich diese nach einer Woche erholt hatten, es ihnen viel besser ging, diese Freude vergisst man nicht. Natürlich freut einen das auch bei Erwachsenen, aber bei den Kindern kommt es anders zum Ausdruck. Kinder sind allgemein nicht bös, Erwachsene hadern, sind aggressiv, müssen die Aggressionen rauslassen. Das gibts bei den Kindern nicht. Ich habe ein Bild von einem dreijährigen Mädchen, das seinen Arm zur Krankenschwester hinhält. Sie spürt die Liebe.

Sind Sie zuversichtlich, was die Entwicklung der HIV-Bekämpfung in Simbabwe angeht? Oder könnte das Chaos, das derzeit herrscht, zu einem Rückschritt führen?

Ich bin optimistisch, wenngleich nicht ganz so wie die WHO, die vom Ausrotten spricht. Dazu wohnen die Leute zu weit weg. Wenn man diesen nicht beharrlich nachgeht und verständlich macht, warum sie die Tabletten nehmen müssen, dann wirds nicht funktionieren. Dazu braucht es einen riesigen Aufwand, den das Land in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren nicht stemmen können wird.

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