In Basel kennt man Alexander Gröflin: glattrasiert, Anzug, Seitenscheitel. Die bz trifft ihn in Kribi, an der Westküste Kameruns: Bartstoppel, Badehose, Flipflops.

Herr Gröflin, was machen Sie hier?

Alexander Gröflin: Ich bin hier mit dem Verein Give a Chance in Kamerun. Wir wollen Schulen bauen, um das Bildungsniveau anzuheben.

Wie kamen Sie zu diesem Projekt?

Auf der Abschlussfeier nach meinem Studium in London hiess es: «Macht etwas damit.» Das ist mir lange nachgegangen. Ich habe dann Yannick Hohn kennengelernt, der bei «Give a Chance» war. Er bat mich, die Vereinsstrukturen aufzubauen. Das war anfangs 2014 und genau das Richtige. Wenig später ging ich zum ersten Mal nach Kamerun.

Inzwischen waren Sie sechs Mal hier. Hat es sie reingesogen?

Zu Beginn war ich lediglich neugierig: Ich wollte sehen, wie Entwicklungshilfe in einem solchen Land funktioniert. Dann konnte ich feststellen, dass das hier gut läuft, dass das Geld ankommt. Wir haben ein Dreiphasenmodell: Zuerst erstellen wir die Infrastruktur, dann bringen wir das Schulmaterial und schliesslich organisieren wir Lehreraustausche. Zudem begleiten wir die Kinder, beobachten ihre Entwicklung.

Ein Fahrer ist an Malaria erkrankt, das Team von «Give a Chance» organisiert ihm Medizin. Auf der Hotelanlage erschlägt ein Arbeiter eine Giftschlange. Jeden Tag trifft die Gruppe auf neue Formen der Korruption. Es sind keine einfachen Bedingungen in Kamerun.

Haben Sie ein feu sacré, das Sie antreibt?

Ich bin ein Macher. Ich hatte nie Berührungsängste mit Herausforderungen.

Kann man als reiner Pragmatiker Entwicklungshilfe leisten?

Ich stosse schon an meine Grenzen, wenn ich für das Drucken von zwanzig Seiten Papier drei Stunden benötige. Was mich aber motiviert, sind die Gespräche mit den Leuten hier. Wenn ich mit der Direktorin dieser Schule hier reden kann und ich ihre Freude sehe, entschädigt mich das für viele Strapazen. Das sind ausgezeichnete Gespräche, das wird mir auch persönlich helfen, mein Leben zu bestreiten. Ich lerne so viel.

Was ist Ihnen wichtiger, Politik oder «Give a Chance»?

«Give a Chance», eindeutig. Politik war für mich immer nur ein Nebengeleise, das wollte ich nicht auf Dauer machen. Ich stieg sehr jung in die Politik ein, war Grossrat mit 21 Jahren. Das war nicht nur gut. Jetzt werde ich ohnehin einen Job brauchen, dann wird die Zeit für die Politik knapp.

Ist es seltsam, dass ein SVP-Politiker in Afrika Entwicklungshilfe leistet?

Ich glaube nicht. Wenn man über etwas urteilen will, muss man sich auch damit befassen.

Müssen Sie sich oft erklären?

Nein, eigentlich entspräche es ja der Meinung der Partei, dass die Probleme anderer Länder vor Ort gelöst werden sollen. Dem leiste ich mit meinem Engagement Folge. Klar habe ich auch schon Kritik gespürt, Leute die sich fragen: «Was macht der dort?» Manche sagen auch: «Das bringt doch nichts.» Das sind meist jene, die noch nie so etwas gesehen haben. Dennoch identifiziere ich mich immer noch mit meiner Partei.

Sie haben vielleicht etwas mehr gesehen als andere. Welches Gefühl gibt Ihnen das?

Viele haben keinen Rundumblick. Ich war immer offen für alle Eindrücke. Es ist wichtig auf dieser Erde, dass wir nicht nur für uns schauen.

Was ist mit Ihren Vereinskollegen: Reden Sie mit Ihnen über Politik?

Nein, das versuche ich zu vermeiden. Ich trenne knallhart zwischen diesen beiden Teilen meines Lebens. Jeder hat eine eigene Meinung, das gilt es zu respektieren.

Bei der Schule albert Gröflin mit den Kindern herum, die Direktorin begrüsst er jeden Tag ganz aufgeregt. An möglichst jede Verhandlung geht er mit, schlägt sich mit Schulfranzösisch auf dem Markt durch.

Fällt Ihnen der Kontakt hier leicht?

Die Leute hier sind sehr offen. Man sieht mir ja sofort an, dass ich nicht von hier bin, vielleicht hat das etwas damit zu tun. Vielleicht bin auch ich anders in der Schweiz, vielleicht bin ich dort auch mehr der bornierte Schweizer.

Was sind die prägendsten Eindrücke, die Sie mitnehmen?

Ein Kind aus unserer ersten Schule in Mbengue hat begonnen zu weinen, als es uns sah. Der Knabe sagte: «Wenn Ihr wieder im schönen Europa seid, werdet Ihr uns vergessen.» Als wir wiederkamen, brach er in Tränen aus. Das spiegelt die Mentalität hier wieder, die Leute wurden zu oft betrogen, das System ist kaputt.

In der Gruppe fällt Gröflin eigentlich nicht gross auf, das Sagen überlässt er anderen. Aber er ist überall dabei, probiert alles aus: Stachelschwein-Eintopf in der Schule, Tanzen zu Trommeln am Strand in der Nacht, Fussball im Sand.

Welche Veränderungen haben die Eindrücke hier bei Ihnen ausgelöst?

Ein Beispiel ist der Umgang mit Abfall. Hier wird alles einfach irgendwohin geworfen und das landet dann irgendwann im Meer. Grauenhaft. Dessen bin ich mir zu Hause sicher noch bewusster geworden. Oder auch, mit wie wenig man glücklich werden kann. Ich frage mich manchmal: Brauche ich das wirklich? Zuletzt habe ich dann auf eine neue Stereoanlage verzichtet.

Gibt es auch Veränderungen bezüglich ihrer politischen Haltung?

Gute Frage. (Überlegt lange.) Vielleicht... Wenn es darum geht, jemandem eine zweite Chance zu geben, bin ich jetzt eher dazu bereit. Aber es ist schwierig, dies konkret mit einer Abstimmung in Verbindung zu bringen. Ich kann nicht sagen: Deshalb habe ich so gestimmt. Was mich vielleicht von meiner Partei unterscheidet: Ich glaube nicht, dass sich das Modell Schweiz 1:1 hierhin übertragen lässt. Wer einmal hier war weiss, dass das nicht funktioniert.

Wie geht man nach solchen Erlebnissen wieder zurück in den Grossen Rat und diskutiert über Parkplätze?

Als ich in der Märzsitzung sass, kurz nach meinem letzten Aufenthalt hier, da musste ich lachen. Das ist schon auch wichtig. Das Niveau, auf dem wir jammern, ist aber sehr, sehr hoch.

Würden Sie irgendwann gerne Politik und Ihr Engagement verbinden und dies zu ihrem Beruf machen?

Mich interessiert alles, zuerst muss ich allerdings meine Doktorarbeit fertig schreiben. Ich weiss ehrlich gesagt noch nicht, wo ich einmal landen werde. Mein Engagement für «Give a Chance» wird aber sicher weitergehen.