en PASSant

Alle ausser Frankreich sind bereit

Céline Feller
Euphorisch: Fans der «roten Teufel» in der Innenstadt von Lyon. Cfe

Euphorisch: Fans der «roten Teufel» in der Innenstadt von Lyon. Cfe

Während der Fussball-Europameisterschaft bereist bz-Redaktorin Céline Feller neun Städte und besucht neun Spiele in vier verschiedenen Stadien. Im Blog «en PASSant» erzählt sie von den Nebenschauplätzen der EM – von Streiks, Sicherheitsmassnahmen und Sauftouren.

Nein, Frankreich ist nicht bereit. Dieses Fazit muss ich leider nach einer knappen Woche im Land des EM-Gastgebers ziehen. Mittlerweile sind wir in Nizza, unserer dritten Stadt nach Marseille und Lyon, und das Bild des Gastgeberlandes wird nicht besser. Ja, die Leute sind freundlich, sie versuchen zu helfen und bemühen sich. Aber: die Piloten streiken, die Guides in den jeweiligen Städten haben noch weniger Ahnung als wir und die Züge – über die müssen wir gar nicht erst reden.

Wir hatten – abgesehen von einer sehr spontanen Planänderung und einer Verspätung von 20 Minuten – Glück. Aber unsere Kollegen blieben zwischen der Schweiz und Frankreich stecken. Hatten Verspätungen und Komplikationen. Für ein Land, das gute Schlagzeilen dringend nötig hat, ist das ein Armutszeugnis. Und ein unnötiger Störfaktor.

Wer hingegen bereit ist, das sind die Fans. Ganz egal von welchem Land und für einmal ungeachtet der Ereignisse, die sich in Marseille zwischen englischen und russischen Hooligans zutrugen. Alleine in Nizza fanden wir Trinkkumpane aus Nordirland, England, Frankreich, Amerika oder Schweden. Die Stimmung? Unglaublich. Unglaublich freundlich, positiv und euphorisch. Alleine die belgischen Fans sind eine Klasse für sich. Vor dem Spiel der belgischen Red Devils gegen Italien war ganz Lyon in der Hand der belgischen Supporter. Und alles war friedlich. Sie tranken mit italienischen Fans, malten ihnen die belgische Fahne auf’s Gesicht und sangen mit ihnen «Ti amo» in der Metro. Von Animositäten keine Spur. Harmonie und unglaubliche Vorfreude herrschte. Genau das, was man von so einem Anlass erwartet.

Der Höhepunkt war wohl der Moment, in dem die italienische Hymne im Stadion gesungen wurde – und die komplette belgische Anhängerschaft klatschte. Die ganze Hymne durch. Aus Respekt. Die belgischen Fans, sie scheinen diesen Monat nur geniessen zu wollen. Und ihn nie vergessen zu wollen. Das beste Beispiel dafür lieferte mein Bruder. Er verliess vor dem Spiel zwischen Belgien und Italien das Lokal, in dem wir Bier tranken. Mit seinem Trikot der Schweizer Nati. Zurück kam er mit einem Trikot von Belgien, bedruckt mit dem Namen Eden Hazards. Der belgische Fan habe tauschen wollen. Weil man solche Momente nie vergisst. Und ohne dabei gewesen zu sein, war das bislang eines meiner absoluten Highlights dieses EM-Abenteuers.

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