Interview
Alle streamen, und doch gilt für Benedikt von Peter, Direktor am Theater Basel: «Das reale Erleben ist unersetzbar»

Benedikt von Peter, Direktor am Theater Basel, sagt im Interview, wieso er vorsichtig mit Streamings ist, warum er erst ab April weiterplant, wie es um die Finanzen steht und wie wir mit unserer Todesangst umgehen.

Mathias Balzer
Drucken
Teilen
Direktor Benedikt von Peter

Direktor Benedikt von Peter

Juri Junkov

Herr von Peter, was macht ein Theaterdirektor, wenn sein Theater für Monate geschlossen ist?

Benedikt von Peter: 14 Stunden am Tag arbeiten! Wir haben über Weihnachten bis Anfang Januar zwar unsere Proben gestoppt. Aber ich hab diese Zeit genutzt, um mir in Ruhe verschiedene Varianten zu überlegen, wie es weitergehen könnte. Es zeichnete sich ja schon ab, dass die Massnahmen verlängert werden. Ab dem 4. Januar haben wir dann die Planung angepasst.

Das Ensemble ist nicht am Proben?

Wir haben diese Tage mit «Mobby Dick» und «La Traviata» angefangen. Beides wahrscheinlich Produktionen für die nächste Spielzeit. Wir spielen mittlerweile eine Art Tetris mit drei Spielzeiten, schieben Produktionen hin und her, disponieren laufend um.

Aber Sie müssen sich auch auf die Wiedereröffnung vorbereiten.

Das Ensemble arbeitet teilweise. Produktionen wie diejenige der Reines Prochaines oder das Schauspiel «Square» oder «Die Zauberflöte» haben wir im Dezember noch intern oder vor kleinem Publikum gezeigt. Diese Produktionen haben wir im Sack. Die können wir im April, Mai und Juni zeigen. Daneben müssen wir uns überlegen, was noch Sinn macht zu produzieren, was überhaupt noch Platz hat in dieser Saison. Und das hängt natürlich wieder mit der Dauer der Massnahmen zusammen.

Sie rechnen mit April?

Wir disponieren mal ab April, haben aber Produktionen bereit, falls wir schon im März öffnen können.

Benedikt von Peter

Benedikt von Peter ist Intendant und künstlerischer Leiter der Oper am Theater Basel. Er wurde 1977 in Köln geboren, studierte in Bonn Musikwissenschaft, Germanistik, Jura und Gesang. Nach einigen Jahren in der Freien Szene inszenierte er unter anderem am Theater Basel, an der Oper Frankfurt und an der Deutschen Oper Berlin. Von 2012 bis 2016 leitet Benedikt von Peter die Musiktheatersparte des Theaters Bremen. 2016 bis 2020 leitete er das Theater Luzern. Er wurde unter anderem mit dem Götz Friedrich-Preis, dem Theaterpreis «DER FAUST» sowie mit dem Kurt Hübner-Preis ausgezeichnet. (bal)

Ist Proben überhaupt möglich angesichts der neuen Virus-Variante?

Proben sind derzeit erlaubt. Seit letzter Woche jedoch ausschliesslich mit Maske, in allen drei Sparten. Die Masken dürfen nur an einzelnen Terminen abgesetzt werden, davor müssen sich die Sänger, Schauspielerinnen und Tänzer jedoch testen lassen.

Warum setzt das Theater Basel nicht auf Streamings wie beispielsweise das Schauspielhaus Zürich?

Weil Streamings teuer sind und es derzeit auch darum geht, keine Ressourcen zu verbrennen. Für Streamings braucht es den ganzen Apparat, also Bühnen- und Maskenbildner, Kostümabteilung, die Technik etc. Kommt hinzu, dass mit den Corona-Massnahmen eine Aufführung unter sehr erschwerten, aufwendigen Bedingungen abläuft. Wir überlegen uns derzeit trotzdem einige digitale Projekte für Februar und März. Wir müssen das aber noch durchkalkulieren, da wir das Geld ja nicht einfach zum Fenster rausschmeissen sollten.

Gutes Stichwort: Was bedeutet der Kultur-Lockdown finanziell?

Wir haben bereits im Oktober eine Hochrechnung gemacht mit nur maximal 50 Zuschauern pro Aufführung bis einschliesslich März. Ab April dann mit einer Minimalauslastung von 45 Prozent. Damals haben wir schon festgestellt, dass es für die öffentliche Hand gleich viel kostet, ob wir produzieren oder komplett schliessen. Im einen Fall käme das Geld über die Ausfallentschädigung, im anderen über die Kurzarbeit. Wir haben uns entschieden, unserem Leistungsauftrag nachzukommen und zumindest zu proben, in der Hoffnung in dieser Saison irgendwann auch noch spielen zu können.

Und wie sieht es aktuell aus?

Erstaunlicherweise bleibt die Rechnung etwa gleich, wenn wir mit der Wiederaufnahme im April kalkulieren. Das hängt mit der Kurzarbeit aber auch mit der mittlerweile schon wieder veränderten Planung zusammen.

Also übersteht das Theater die Krise finanziell?

Das wissen wir noch nicht genau. Wir haben bis jetzt noch keine Ausfallentschädigung eingereicht, die Kurzarbeitsbedingungen haben sich für Freischaffende wieder verändert. Bis das nicht alles durch ist, schläft man schon nicht so ruhig.

Bleiben die Menschen bei Netflix, oder haben sie die Schnauze voll davon?

(Quelle: Benedikt von Peter)

Was hören Sie von Kollegen, überstehen die Theater das alles?

Eine schwierige Frage. Wir wissen nicht, wie sich das Publikum nach der Krise orientiert. Gibt es einen Run, einen Tanz auf dem Vulkan, wie nach dem Zweiten Weltkrieg? Wie schnell verschwindet die Angst aus dem Körper? Haben wir uns bereits an eine gewisse Entkulturalisierung gewöhnt? Bleiben die Menschen bei Netflix, oder haben sie die Schnauze voll davon? Wir werden es sehen. Ich würd auf jeden Fall gerne weitermachen.

Im Oktober sagten Sie noch, man müsse die Corona-Massnahmen differenzieren, es sei ein wirtschaftlicher, kein kultureller Entscheid. Sehen Sie das heute auch noch so?

Ja. Ich bin immer noch der Meinung, dass wenn wir für 50 oder 100 Leute öffnen könnten, wir nicht massgeblich zum Infektionsgeschehen beitragen würden. Das bleibt Fakt. Natürlich geht es auch um eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung, und mittlerweile gelten glücklicherweise die gleichen Regeln wieder für alle. Wir sind aber schon dabei, die Situation unter infektiologischer Perspektive zu untersuchen. Wir versuchen die Grundlage für eine andere Beurteilung zu formulieren, damit wir gleich mit mehr als 15 Zuschauern starten können. Dazu haben wir mit den anderen Basler Theatern eine Arbeitsgruppe gebildet, die zuhanden von Regierungsrat Lukas Engelberger ein Raster ausarbeitet, wie man zwischen den verschiedenen Kulturinstitutionen unterscheiden könnte.

Deutschland, wo Sie herkommen, greift rigoros durch. Wie sehen Sie den eher gemächlichen Schweizer Weg?

Zum Leben ist es sicher angenehmer hier! Aber das Ganze ist schon schwierig zu beurteilen. Es gibt mittlerweile dermassen viel Storytelling rund um die Pandemie. Einerseits funktioniert das Prinzip Eigenverantwortung in der Schweiz gar nicht so schlecht. Jeder ist aufgefordert, sich selbst richtig zu schützen, und das geht auch. Wir hatten unter den 400 Leuten im Theater seit März nur acht Ansteckungen. Wenn sie andererseits nach Spanien schauen: Da tragen alle überall Masken und trotzdem gehen die Zahlen durch die Decke.

Wirklich wichtig ist, dass wir uns sehen und berühren können

(Quelle: Benedikt von Peter)

Sie sprechen das Storytelling über die Pandemie an: Welches Stück würden Sie zur Corona-Krise auf den Spielplan setzen?

Das Stück «Wie wichtig Berührung ist».

Das ist aber noch nicht geschrieben...

Nein, aber wenn ich etwas gelernt habe in dieser Zeit, dann nämlich dies, dass ich genau im richtigen Metier tätig bin. Trotz aller technischen Gadgets und wertvollen Zoomsitzungen: Wirklich wichtig ist, dass wir uns sehen und berühren können, dass wir uns von Angesicht zu Angesicht austauschen können. Das Theater erzählt genau von dieser Sehnsucht.

Also ein Statement für die analoge Welt.

Der ganze digitale Schub während der Pandemie hat mich nochmals darin bestärkt, dass das reale Erleben unersetzbar ist. Körper, Berührung, Atem, Schulter an Schulter zusammenstehen, das macht uns aus.

Sie sind mit einer Oper über Francesco d’Assisi, den Naturmystiker, in Ihre Ära gestartet. Nun bremst die Natur die Menschheit aus. Wie interpretieren Sie als Theatermensch die Pandemie?

Wir erleben gerade die Angst vor der Natur und dem Sterben und erschaffen uns Sicherheitsparameter. Wir sperren uns aus Angst vor der Natur weg. Das ist natürlich richtig, gleichzeitig aber auch wahnsinnig. Vor hundert Jahren hätte das niemand für möglich gehalten und wir hätten es uns damals gar nicht leisten können.

Sehen Sie einen Weg, wie wir aus dieser Angst wieder rauskommen?

Das berührt eine spirituelle Frage. Wir müssen mit dem Tod leben. Der Tod ist das naturhafteste, das uns begegnen kann. Auch wenn wir uns gerne erhaben darüber fühlen. Zivilisation und Tod stehen in einem Klinsch. Aber das ist natürlich extrem, so was zu sagen, denn ich will ja auch nicht, dass meine Mutter stirbt. Vielleicht gibt es aber auch irgendwann den Moment, wo es nicht mehr anders geht, als den Tod zu akzeptieren. Kommt darauf an, wie lange die Pandemie noch dauert. All unsere Schutzmassnahmen sind ja auch eine Frage des Geldes.

Vielleicht wird eine Art spirituelle Kraft in Zukunft wieder wichtiger.

(Quelle: Benedikt von Peter)

Zurzeit dürfen wir hoffen, dass mit den Impfungen ein Ende in Sicht ist.

Ja, klar. Aber wir wissen jetzt noch nicht, wie wir reagieren werden, wenn in fünf Jahren die nächste Pandemie kommt. Sicher werden wir technologisch noch besser darauf vorbereitet sein. Aber irgendwie erinnert das Ganze auch an das Mittelalter, als die Menschen während der Pest gar keine andere Möglichkeit hatten, als auf Gott zu hoffen. Vielleicht passiert in diesem Sinne ja auch eine Verschiebung. Vielleicht wird eine Art spirituelle Kraft in Zukunft wieder wichtiger.

Was machen Sie als Ausgleich zu Ihren 14 Stunden Arbeit?

Die Familie pflegen, ab und zu mit dem Auto aus Basel raus fahren. Schlafen. Verdrängen. Pläne schmieden. Mich sortieren. Versuchen, Diffusität und Angst loszuwerden. Dafür nützt manchmal auch ein Gespräch, das einem Selbstvertrauen gibt. Oder ein gut sortierter Computer.