Bahnverkehr
Alle zwei Stunden von Basel nach Lugano: Die Südostbahn schielt nach Nordwest

Neue Konkurrenz für die SBB: Die Südostbahn will von Lugano über den Gotthard bis nach Basel fahren

Benjamin Wieland
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Über den Gotthard, inklusive Blick aufs «Chileli vo Wasse»: Die Südostbahn plant neue Verbindungen ab Basel. (Archivbild)

Über den Gotthard, inklusive Blick aufs «Chileli vo Wasse»: Die Südostbahn plant neue Verbindungen ab Basel. (Archivbild)

Keystone

Geht es nach der Schweizerischen Südostbahn (SOB), besteigen die Zugreisenden in der Nordwestschweiz bald ihre silbrig-roten Waggons. Die SOB will ab 2018 alle zwei Stunden von Basel SBB nach Lugano fahren – ohne Umsteigen und über die Gotthard-Bergstrecke: Das Transportunternehmen mit Sitz in St. Gallen hat sich für die Ende 2017 auslaufende Fernverkehrs-Konzession für die Gotthardbahn beworben und tritt somit in direkte Konkurrenz zu den SBB.

Ebenfalls zur Offerte der Ostschweizer gehören die jeweiligen Zubringerstrecken ab Zürich und Basel. Aus der Nordwestschweiz wäre es somit auch nach der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels möglich, ohne Umsteigen in das touristisch interessante Gotthardgebiet zu gelangen. Es entstünden auch neue Direktverbindungen ab der Region Basel, etwa in die Leventina.

Andere Pläne verfolgen die SBB, welche die Gotthardbahn derzeit bedienen. Kommt ihr Angebot zum Zug, so müssten Reisende ab Basel SBB künftig in Erstfeld umsteigen. Wollen sie über die Bergstrecke ins Tessin fahren, stehen weitere Zugwechsel an.

Eine Toilette pro Zug

Auch beim Komfort schneidet die Offerte der SBB schlechter ab als jene der SOB. Zwar wollen die Bundesbahnen an Sommer-Wochenenden einen Panoramazug einsetzen, der von Flüelen bis Bellinzona/Lugano verkehrt. Für den Regelbetrieb sind jedoch zwischen Erstfeld und Lugano Vororts-Triebzüge vorgesehen. Laut «Pro Bahn», der Interessenvertretung der Kunden des öffentlichen Verkehrs, befände sich somit künftig kein Begleitpersonal mehr an Bord, und es gäbe in diesen Zügen jeweils genau eine einzige Toilette.

Offensichtlich legen die SBB den Fokus nach der fahrplanmässigen Inbetriebnahme des Gotthard-Basistunnels Ende dieses Jahres auf die neue Tunnelstrecke – die SOB jedoch würde investieren: Wie eine Nachfrage der bz zeigt, hat das Unternehmen im Sinn, für den Betrieb der Bergstrecke modernste Kompositionen von Stadler Rail einzusetzen. «Wir sind zurzeit», sagt SOB-Sprecherin Ursel Kälin, «im Beschaffungsprozess für neues Rollmaterial.»

Für Willi Rehmann von «Pro Bahn Nordwestschweiz» steht fest: «Das SOB-Angebot ist massiv besser als dasjenige der SBB.» Was die SBB planten, sei «schlicht lieblos». Die Bundesbahnen hätten kein echtes Interesse daran, die Gotthard-Bergstrecke zu betreiben. «Die Südostbahn hingegen», sagt Rehmann, «ist in der Lage, attraktive Verbindungen anzubieten. Den Beweis dazu hat sie mit dem Voralpen-Express Luzern–St. Gallen längst erbracht.»

Bei der Interessengemeinschaft öffentlicher Verkehr Nordwestschweiz (IGöV) zeigt man sich ebenfalls optimistisch, dass die Pläne der SOB aufgehen könnten, dies würden andere Beispiele zeigen. «Die BLS hat mit der Lötschberg-Bergstrecke ein ähnliches Konzept realisiert», sagt IGöV-Sprecher Christoph Wydler. «Diese Verbindungen kommen gut an.» Nach Inbetriebnahme des Lötschberg-Basistunnels 2007 übernahm die Bern-Lötschberg-Simplon Bahn die Bergstrecke von den SBB. Seither fährt die BLS mit ihrem «Regioexpress Lötschberger» von Bern über Kandersteg und Goppenstein ins Wallis.

«Nennenswerter Nutzen»

Vergeben wird die Konzession vom Bundesamt für Verkehr (BAV). Laut BAV hat die SOB ein erstes Dossier eingereicht. Ein Aspekt stehe für die Vergabe im Vordergrund, sagt Mediensprecherin Olivia Ebinger: «Für die Bahnkunden muss ein nennenswerter, klar definierbarer Nutzengewinn erzielt werden, damit wir eine Konzession an einen neuen Anbieter vergeben.» Einen Zeitpunkt der Vergabe kann das BAV nicht nennen.