Basel

Alleine wohnen trotz Behinderung: Zukunft der Wohnschule ist ungewiss

Anja Sarti und Lars Krarup bereiten sich in der Wohnschule auf ein Leben in den eigenen vier Wänden vor.

Anja Sarti und Lars Krarup bereiten sich in der Wohnschule auf ein Leben in den eigenen vier Wänden vor.

Seit 30 Jahren begleitet die Wohnschule Menschen mit Behinderung in die Selbstständigkeit. Doch nun steht die Zukunft der Einrichtung auf der Kippe.

Schnellen Schrittes geht Lars Krarup die Holztreppe in den ersten Stock hoch und führt in sein Zimmer. Er trägt eine kurze Hose und ein Cap auf dem Kopf. An der Wand über dem Bett hängen Poster; von Harry Potter, der Band Green Day und verschiedene Zeitungsausschnitte von Greta Thunberg. «Ich bewundere Greta», sagt Krarup.

Der 23-Jährige hat atypischen Autismus, eine Entwicklungsstörung, verwandt mit dem Asperger-Syndrom der Klimaaktivistin Thunberg. Krarup wohnt derzeit in der Wohnschule Basel im Gundeli, ein Angebot der Stiftung Mosaik. Seit nun 30 Jahren werden hier Menschen mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung in die Selbstständigkeit begleitet mit dem Ziel, ihnen den Traum einer eigenen Wohnung zu erfüllen.

Die meisten finden eine eigene Wohnung

Doch die Wohnschule ist kein Heim. Die Bewohnerinnen und Bewohner leben in dem dreistöckigen Haus wie in einer Wohngemeinschaft. Sie teilen sich ein Wohnzimmer mit Fernseher, Bad, Küche und Veranda, die Hausarbeiten sind per Ämtliplan untereinander aufgeteilt. Am Morgen gehen sie einer Arbeit nach, am Nachmittag werden sie zu Hause unterrichtet. Dabei nehmen auch einige Schülerinnen und Schüler teil, die nicht im Haus wohnen.

Sie lernen, wie man den Haushalt schmeisst, ein eigenes Konto eröffnet, das Handy sinnvoll nutzt oder sich bei Krankheit versorgt. Aber auch Konflikte austragen und zwischenmenschliche Beziehungen sind Teil des Unterrichts. Gerade im Haus kann es manchmal krachen. «Wir sind nicht immer einer Meinung», sagt Lars Krarup mit einem Augenzwinkern zu seiner Mitbewohnerin Anja Sarti. «Aber es klappt gut.» Am Sonntag schauen sie sich zusammen den Tatort an. Am meisten Freude bereite ihm das Kochen. «Nur mit der Konzentration klappt es nicht immer.» Das Abendessen kochen die Bewohner selbstständig, nur auf Wunsch werden sie von einer Fachperson begleitet. «Wir wollen den Menschen hier die Möglichkeit geben, ihr Leben selber zu gestalten», sagt die Leiterin der Wohnschule, Jeannette-Maria Merki. Eigenverantwortung werde dabei grossgeschrieben.

Die pädagogisch-therapeutische Beraterin hat das Projekt vor drei Jahrzehnten mitbegründet. Seither haben 110 Personen im Erwachsenenalter in der Wohnschule gelebt, 91 davon sind nach dem Aufenthalt direkt in eine eigene Wohnung gezogen. Doch nun steht die Zukunft der Einrichtung auf der Kippe. Das Haus, gedacht für sechs Bewohnerinnen und Bewohner, war bislang immer ausgebucht. Seit wenigen Jahren geht die Nachfrage jedoch zurück. Aktuell leben einzig Lars Krarup und Anja Sarti in der Wohnschule, die anderen sind vergangenen Herbst ausgezogen. Für das neue Schuljahr ab Oktober gibt es bisher keine Anmeldungen.

«Das gibt mir schon zu denken», sagt Merki. «Wenn wir es nicht schaffen, vier der sechs Plätze zu besetzen, können wir dieses Angebot nicht länger weiterführen.» Die Wohnschule hat einen Leistungsauftrag mit dem Kanton Baselland, wo die Stiftung ihren Sitz hat. Die Wohnplätze finanzieren sich über Invalidenrente und Ergänzungsleistungen der Bewohner. Ein Grund für den Rückgang vermutet Merki in dem wachsenden Angebot. Heute gibt es in Basel eine Reihe von Institutionen für Menschen mit Behinderung. Viele davon, gerade auch grössere wie das Bürgerspital Basel oder das Wohnwerk, bieten ambulant begleitetes Wohnen oder Wohngruppen an.

Als die Wohnschule 1990 ihren Betrieb aufnahm, gab es nichts dergleichen. Anders als in gewöhnlichen Heimen verzichtete die Wohnschule von Anfang an auf eine Betreuung rund um die Uhr, ab 20 Uhr sind die Bewohner auf sich allein gestellt. «Das hat uns damals viel Empörung entgegengebracht», erinnert sich Merki. Georg Mattmüller, Präsident des Behindertenforums Basel, bestätigt dies. «Früher gab es für Menschen mit Behinderung nur die Optionen, ins Heim zu gehen oder alleine zu wohnen, wenn sie dazu in der Lage waren», so Mattmüller. «Heute gibt es mehr Zwischenlösungen.»

Selbstständiges Wohnen noch zu wenig gefördert

Trotzdem ist er der Ansicht, dass das selbstständige Wohnen vom Kanton noch gezielter gefördert werden sollte, etwa indem auf mögliche Wohnformen hingewiesen werde. «Es gibt noch immer genug Menschen mit Behinderung, die allein leben könnten, wenn sie stärker gefördert würden.» Die Wohnschule kann laut Jeannette-Maria Merki dazu beitragen und eine Lösung für jene sein, die sich von einer grossen Institution ablösen wollen. Ausserdem sei es bis heute einmalig: «Es vereint Wohnen, soziales Zusammenleben und Erwachsenenbildung auf einem Raum.» In der Wohnschule investiere man viel Zeit in das Erlernen der Selbstständigkeit, «aber genauso wichtig ist es, dass die Bewohner auch selber ausprobieren können». Für Bewohner Lars Krarup hat sich der Aufenthalt auf jeden Fall gelohnt: Vor wenigen Tagen hat er den Vertrag seiner ersten eigenen Wohnung unterschrieben. Im Oktober wird er dort einziehen.

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