Recycling

Allschwil sammelt Plastikmüll – wirklich hilfreich ist das aber nicht

Plastikmüll ist das Sorgenkind des Recycling.

Plastikmüll ist das Sorgenkind des Recycling.

Die Menschen wollen ihren Kunststoffabfall separat entsorgen und recyclen lassen. Doch das können sie in der Region fast nirgends. Zu schwer abschätzbar ist derzeit noch der ökonomische und ökologische Nutzen von Plastiksammlungen.

Alle zwei Wochen sind die Allschwiler Strassen voll gelber Säcke. Darin befindet sich der Kunststoff aus Haushalten, den die Gemeinde abholt. Der Pilotbetrieb wurde letzten Sommer vorzeitig zum definitiven Betrieb umgewandelt. «Wir wurden von der Nachfrage überrannt», sagt der Umweltbeauftragte der Gemeinde, Andreas Dill. 2018 stellten die Allschwiler 143 Tonnen Kunststoff auf die Strasse, hauptsächlich Lebensmittelverpackungen. Das sind 7 Kilogramm pro Einwohner. Die gelben Säcke sind kostenpflichtig.

«Allschwil ist keine besonders grüne Gemeinde», sagt Dill. «Und trotzdem machen 40 Prozent der Bevölkerung im grossen Stil mit.» Für ihn ist deshalb klar: Kunststoff Sammeln ist gut für die Umwelt und die Leute machen mit. «Es ist ein grosses Bedürfnis, in der Bevölkerung, den Kunststoff aus dem Hauskehricht zu nehmen und zu recyceln», sagt er.

Und trotzdem ist Allschwil der einzige Ort in beiden Basel mit einer eigenen Kunststoffsammlung. Denn es gibt erhebliche Bedenken dagegen. So warnt das Bundesamt für Umwelt: «Gegenüber der separaten Sammlung von gemischten Kunststoffabfällen sind wir skeptisch, da der stofflich hochwertig verwertbare Anteil des Sammelgutes tief ist.» Tatsächlich wird nur ein Teil des gesammten Haushalt-Kunststoffs zu neuem Plastik verwertet. Und man macht damit auch nicht neue Lebensmittelverpackungen, sondern hygienisch unbedenkliche Produkte wie Leitungsrohre oder Stossstangen. Streng genommen, ist das nicht Recycling, sondern Downcycling – es entsteht ein minderwertigeres Produkt.

Basel ist kritisch

Und der Anteil des tatsächlich wiederverwerteten Kunststoffs (Recyclingquote) schwankt. Je höher, desto besser der ökologische Nutzen. Denn was die Sensoren in den Sortieranlagen nicht eindeutig einer Plastikart zuordnen können, wird schlicht verbrannt. Es passiert mit einem Teil des separat gesammelten Plastiks also kaum etwas anderes, als wenn er im normalen Kehrichtsack entsorgt worden wäre. Hinzu kommt der logistische Aufwand. Das ist ein Unterschied zur Sammlung von Flaschen aus PET oder PE, die rein gesammelt werden und aus denen wieder Flaschen werden.

«Längst nicht alles, was gemischt gesammelt wird, kann rezykliert werden», sagt André Frauchiger, Mediensprecher des Basler Tiefbauamts. Er verweist auf die Studie «KuRVe» von Carbotech, welche den Nutzen des Plastikrecyclings infrage stellt. «Ein beachtlicher Teil landet am Schluss im besten Fall wieder in der Verbrennung, meist in Zementwerken. Unter dem Strich hat die gemischte Sammlung von Kunststoffabfällen bei hohen Kosten also einen nur geringen ökologischen Nutzen», sagt Frauchiger. Basel kennt deshalb keine separate Sammlung von Kunststoffen.

Solche Überlegungen haben auch Frenkendorf 2017 dazu gebracht, auf eine separate Sammlung zu verzichten. Einer der angeführten Gründe: Die Basler Kehrichtverbrennungsanlage hat einen ausserordentlich hohen Wirkungsgrad. In der Region gesammelter Kunststoff wird dort also sinnvoll zu Wärme verwertet. Ähnlich argumentierte vor einem Jahr die Birsstadt in einer gemeinsamen Stellungnahme. Das Fazit der sieben Gemeinden: «Es besteht derzeit kein ökologischer und wirtschaftlicher Anlass, eine gemischte Kunststoff-Sammlung zu lancieren, zumal auch das Kosten-/Nutzen-Verhältnis schlecht ist.»

Zumindest Letzterem widerspricht Dill. Für die Gemeinde Allschwil ist die Plastiksammlung finanziell gesehen ein Nullsummenspiel. Für die Haushalte ist sie sogar ein Gewinn, weil die gelben Säcke weniger kosten als die normalen Kehrichtsäcke. Dass eine Gemeinde Kunststoff ohne finanziellen Verlust sammeln kann, darauf setzt auch die Gruppe von Bürgern, die in Muttenz das Allschwiler Modell einführen will. Sie hat für die Gemeindeversammlung im März einen Vorstoss eingereicht. «Die Rückmeldungen darauf sind gut», sagt Mitinitiator Peter Hartmann, Co-Präsident der lokalen Grünen. Als Mitglied der Gemeindekommission stellt er fest: «Nicht nur Grüne finden eine Kunststoffsammlung eine gute Sache.»

Ersatz für Kohle

Bisher kennen in der Region neben Allschwil nur die Gemeinden des Unteren Fricktals eine eigene Kunststoffsammlung. In die Lücke sind aber private Anbieter gesprungen. So ist im Oberbaselbiet, aber auch in Aesch, das Entsorgungszentrum Bubendorf (EZB) tätig. Das Unternehmen verkauft spezielle Säcke für Kunststoff aus Haushalten, inklusive Gebühren. Diese kann man an verschiedenen Orten abgeben. Das EZB leert die Sammelstellen, das System funktioniert unabhängig von den Gemeinden.

«Die Nachfrage ist auf jeden Fall da», sagt der stellvertretender EZB-Geschäftsführer Tobias Zurfluh. «Das Echo auf unsere Sammlungen ist durchwegs positiv.» Er ist überzeugt: Bald wird man Plastik flächendeckend im ganzen Kanton über private Firmen entsorgen können. Auf 40 bis 50 Prozent beziffert er die Recyclingquote von Innorecycling, wo das EZB seinen Kunststoff bringt. Der Rest landet als Brennstoff in einem Zementwerk, als Ersatz für Kohle. «Mir ist es wichtig, den Werdegang des Kunststoffs nachvollziehen zu können», sagt er. «Wir müssen hinter dem, was wir anbieten, stehen können.»

Das sagt er im Wissen, dass nicht bei allen Anbietern klar ist, was mit dem Kunststoff genau passiert. So berichtete der «Beobachter» letztes Jahr von Entsorgungsunternehmen, die mit unrealistischen Recyclingquoten von 80 Prozent und einem völlig übertriebenen ökologischen Nutzen werben. Deutsche Studien hätten reelle Quoten von unter 30 Prozent zutage gebracht. Und bis vor kurzen importierte China gebrauchten Kunststoff, der in unbekannte Kanäle versickerte.

In Allschwil ist sich der Umweltbeauftragte bewusst, dass es unter den privaten Kunststoffabnehmern schwarze Schafe gibt. Die Gemeinde liefert ihr Material an eine Firma ins deutsche, die es selber vor Ort zu Granulat verarbeitet. Letzteres ist für Dill ein entscheidender Punkt. Die Rheinfelder Firma hat Interesse daran, die Recyclingquote hoch zu halten, um mehr Granulat verkaufen zu können. Und die Gemeinde Allschwil sieht genau, was mit ihrem Kunststoff passiert, weil Rheinfelden in der Region ist. Die Recyclingquote betrage derzeit rund 65 Prozent, sagt Dill. Das kommt nahe an die 70 Prozent, ab denen laut Bund die Sammlung von gemischtem Kunststoff anfängt, wirklich ökologischen Nutzen abzuwerfen.

Unterflurcontainer getestet

Für Dill ist aber etwas anderes wichtig: Die Gemeinde mache mit ihrem Angebot einen Schritt in die richtige Richtung. Aus anderen Gemeinden ist zu hören, man wolle «noch» keine Plastiksammlung einführen. Auch für das Basler Tiefbauamt ist das Thema nicht abschliessend abgehakt. Sprecher Frauchiger: «Die Situation könne sich im innovativen Umfeld im Bereich des Recyclings von Wertstoffen ändern.» Die Stadt testet bald Unterflurcontainer in den Quartieren, in die verschiedene Abfallsorten gebracht werden können. Erweise sich das neue System als umsetzbar dann wäre nicht nur eine flächendeckende Biomüllabfuhr denkbar, sondern auch eine Kunststoffabfuhr – sofern «ökologisch und wirtschaftlich» sinnvoll», wie er betont.

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