Alltag in der Pandemie

Teil 2: Isoliert zusammen mit meiner schwarzen Wolke

In Quarantäne mit den eigenen Gedanken.

In Quarantäne mit den eigenen Gedanken.

Die 30-jährige Sara berichtet bz-Autorin Lea Meister, wie die Pandemie ihr Leben verändert hat. Ein Leben, das seit langer Zeit von psychischen Problemen begleitet wird und durch Corona nicht einfacher geworden ist.

Ich öffne meine Augen. Ich bin Sara, 30 Jahre alt und psychisch krank. Normalerweise würde ich jetzt aufstehen, duschen, mich anziehen, schminken und das Haus verlassen. Die schwarze Wolke, die seit Jahren über meinem Kopf schwebt, bleibt dann oft an meinem Türrahmen hängen, denn nichts ist heilsamer für mich als Abwechslung und unter Menschen zu sein. «Normalerweise» gibt es im Moment aber nicht. Ich bleibe also liegen, meist bis 5-10 Minuten vor Arbeitsbeginn im Homeoffice.
 
Dann schaffe ich es irgendwie, mich aus dem Bett zu schälen und duschen zu gehen. Die schwarze Wolke ist wasserdicht. So begleitet sie mich in den Tag hinein. Gedanken, die ich sonst in den Hintergrund schieben kann, setzen sich jetzt in aller Ruhe neben mich und starren mich den ganzen Tag lang an. Seit Corona, seit dem Lockdown, seit Homeoffice bin ich ihnen ausgeliefert. Den ganzen Tag.
 
Wie ernst die Situation ist, wurde mir erstmals bewusst, als ich realisierte, dass ich als Asthmatikerin zur Risikogruppe gehöre. Ich soll also das Haus nicht mehr gross verlassen dürfen, dachte ich damals. Und dann klopfte sie an, die Angst. Isoliert sein zusammen mit meiner schwarzen Wolke? Eine Horrorvorstellung. Die ersten Tage im Homeoffice hatten noch etwas Aufregendes, etwas Neues an sich. Dann kam der grosse Einbruch. Feierabend. Was nun? Am meisten vermisse ich Umarmungen. Lange, intensive Umarmungen, die mich und meine Gedanken ins Leben zurückholen.
 
Normalerweise würde ich Menschen treffen, die mir guttun. Jetzt? Ich habe keine Ahnung. Ich hasse Telefonate. Ich lege mich wieder hin. Meine Wohnung, die mir bis anhin Sicherheit und Geborgenheit gab, ist zum Gefängnis geworden. Ich sitze in einer Doppelzelle mit meiner Psyche. Und ich will einfach nur weg. Flüchten vor meinen eigenen Gedanken, die mich mehr und mehr vereinnahmen. Jeden Tag muss die Routine aufrechterhalten werden. Für manche wohl ein Klacks, für mich eine Anstrengung sondergleichen. Eine Anstrengung, die dazu führt, dass ich am Abend zusammenbreche. Immer und immer wieder.
 
Hätte Die Coronakrise ein Ablaufdatum, es wäre nur halb so schlimm. Hat sie aber nicht. Und ich keinen Anhaltspunkt. Was mich über Wasser hält, sind die Therapiestunden, die ich über Facetime in Anspruch nehmen kann. Manchmal gehe ich «mit meiner Therapeutin in der Hand» auf dem Blumenfeld spazieren. So funktioniert das Telefonieren auch für mich irgendwie. Auch mein engstes Umfeld gibt mir wahnsinnig viel. Das wohl einzig Positive aus meiner Sicht: Ich sehe, wieviel ich meinen Liebsten wert bin. Etwas, das ich über die Krise hinaus mitnehmen möchte.

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