Alltag in der Pandemie

Teil 5: «Ich möchte diesen Käfer nicht haben»

So einfach wie auf dem Bild geht es zur Zeit nicht: «Heute denke ich anders», sagt Horst Heckendorn.

So einfach wie auf dem Bild geht es zur Zeit nicht: «Heute denke ich anders», sagt Horst Heckendorn.

Horst Heckendorn (54) aus Bennwil arbeitet als Rettungssanitäter bei der Rettungsdienste Nordwestschweiz AG. Deren Ambulanzen transportieren auch Covid-19-Verdachtsfälle, etwa zum Baselbieter Corona-Referenzspital Bruderholz. Hier berichtet er bz-Autor Benjamin Wieland von seinem Alltag.

«Die spinnen doch alle!» Das war meine Reaktion, als der Bundesrat alles dicht machen liess. Heute denke ich anders. Bekannte sind infiziert, die haben nicht einfach die Grippe. Kürzlich habe ich einen 48-Jährigen gefahren. Ein Bär von einem Mann, zwei Meter gross, 120 Kilo schwer, Covid-19-positiv: beidseitige Lungenentzündung, 40 Grad Fieber. Dem geht’s verschissen. Also ich möchte diesen Käfer nicht haben.

Für uns im Rettungsdienst ist alles aufwendiger geworden. Kam früher die Meldung: «Grossmutter mit Verdacht auf Lungenentzündung», so bist du hingefahren, hast sie im Wagen versorgt und dann ab ins Krankenhaus. Geht heute nicht mehr. Du musst dich komplett verhüllen bei Verdacht auf Covid-19. Du musst auch die Oma komplett verhüllen. Du kannst nicht mehr ins Spital hineinspazieren wie früher. Nach dem Transport eines Verdachtsfalls geht’s zurück auf die Wache. Dort wird der Rettungswagen desinfiziert. Dann umziehen. Das alles kostet Zeit. Ein Einsatz dauert jetzt zweieinhalb Stunden statt eine. Und wir haben Personalausfälle. Die Angst, sich anzustecken, ist immer da. Noch reicht unsere Schutzausrüstung aus. Aber auch wir müssen sparsam sein.

Die Massnahmen des Bundesamtes für Gesundheit halte ich für gut. Ich muss der Schweiz ein Kränzchen winden. Sie hat schneller gehandelt als zum Beispiel Deutschland. Wir kommen wohl mit einem blauen Auge davon. Ich bin Berufsoptimist – wir schaffen das! Die Welt ist entschleunigt. Auch mein Leben ist gemächlicher geworden. Alle meine Lesungen wurden abgesagt. Wenn ich frei habe, schreibe ich an meinem vierten Buch. Wäre schön, wenn wir davon etwas mitnehmen könnten für nach der Coronakrise. Doch da bin ich weniger optimistisch.

Wenn alles vorbei ist, gehe ich als Erstes mit meiner Frau aus. Wieder mal richtig fein essen – ja, darauf freue ich mich!

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