Theaterstück

Alltag in einem der berüchtigtsten Gefängnisse der Welt – zu sehen in der Kaserne Basel

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Palmasola ist eines der berüchtigtsten Gefängnisse der Welt. Regisseur Christoph Frick war dort und zeigt nun seine Recherche in Basel.

Palmasola: Das Wort weckt Ferienträume. Der Name steht jedoch nicht für einen palmengesäumten Sandstrand, sondern für eines der brutalsten Gefängnisse der Welt. Es liegt im Süden des Stadtzentrums der Zweimillionenstadt Santa Cruz in Bolivien. Eine doppelte Mauer und Stacheldraht begrenzen ein Areal, über dessen Eingang geschrieben steht: Centro de Rehabilitacion, Zentrum für Wiedereingliederung. Wer jedoch an diesen Ort kommt, wird nicht in die bolivianische Gesellschaft ein-, sondern in die Hölle ausgegliedert.

Innerhalb der Mauern ist seit den Achtzigerjahren eine kleine Stadt entstanden. Auf Druck der USA wurden damals die Drogenbosse hier eingebuchtet. Mit ihren Narco-Dollars errichteten sie innerhalb der Mauern ihren eigenen Ort mit eigenen Gesetzen.

Zuerst kommt man in die Vorhölle

Wer hierher gebracht wird, kommt zuerst ins berüchtigte Locutorio, das Wartezimmer. Der Name erinnert nicht von ungefähr an das Purgatorio, die Vorhölle. Hier lernt der frische Insasse in einem hygienisch desolaten, völlig überfüllten Sektor, dass in Palmasola klare Regeln herrschen. Wer ein Bett oder gar eine Zelle möchte, bezahlt. Wer seines Lebens sicher sein möchte, bezahlt. Wer essen möchte, bezahlt. Wer sich ein Stück Boden kaufen möchte, bezahlt. Wer hier leben muss, muss zum Unternehmer werden.

Beim Eintritt in das eigentliche Gefängnis, stellt der Ankömmling dann fest, dass Vieles ist wie draussen: Es gibt Restaurants, Bars, einen Videoverleih, Schreiner- und Schlosserwerkstätten, grössere und kleinere Liegenschaften, Glückspiel und Prostitution. Rund 400 Frauen leben in einem eigenen Trakt, viele mit Kindern, die sie verstecken, einige mit ihren Männern und den Kindern als Familie.

Die Behörden haben in diesem Staat im Staat wenig zu sagen. Rund fünfzig Polizeibeamte sind für rund 6000 Gefangene zuständig. Die genaue Anzahl kennt niemand. Die Jobs der Wärter sind begehrt. Palmasola ist eine Geldmaschine für alle, die in der Rangordnung oben stehen: die Capos und die Beamten. Siebzig Prozent der Gefangenen warten hier auf ihre ordentliche Verurteilung, die nur gegen Bezahlung zu haben ist. Ist die Strafe abgesessen, muss zahlen, wer raus will. Glücklich, wer da nie reinkommt.

Das Palmasola ist vollkommen überfüllt: Im «Rehabilisationszentrum» genannten Gefängnis wohnen achtmal mehr Häftlinge als ursprünglich geplant. (Archiv)

Das Palmasola ist vollkommen überfüllt: Im «Rehabilisationszentrum» genannten Gefängnis wohnen achtmal mehr Häftlinge als ursprünglich geplant. (Archiv)

Dieser Ort nimmt keine Rücksicht

Christoph Frick war drin in dieser düsteren Parallelwelt, freiwillig. Der Theaterregisseur und Mitbegründer der Basler Gruppe Klara beschäftigt sich in seiner Arbeit mit den Rändern der Gesellschaft, hat mit Obdachlosen und Immigranten gearbeitet. Aber so etwas wie Palmasola hat auch er noch nie gesehen. «Beim ersten Besuch hatte ich unheimlich Schiss», erzählt der 59-Jährige in einer Probepause in der Kaserne Basel. «Ich fragte mich, wieso ich das mache, ob ich eine verspätete Midlife-Crisis habe, an unkontrollierter Sehnsucht nach Abenteuer leide.»

Die Abenteuerlust hat ihn schon vor 32 Jahren nach Südamerika gebracht. Als Schulabbrecher packte er seinen Rucksack für sechs Monate – und blieb zwei Jahre. Eine prägende Zeit, wie er sagt, eine irgendwie unabgeschlossene Episode in seinem Leben. Vor drei Jahren dann kam die Gelegenheit, nicht als Tourist, sonder beruflich nach Südamerika zurückzukehren. Der Leiter des Goethe-Instituts in Santa Cruz lud Frick für eine Recherche ein. Bald begann er sich für das legendäre Gefängnis zu interessieren. «Auch, weil mir klar wurde, dass ich damals als Jugendlicher mit etwas weniger Glück auch an einem solchen Ort hätte landen können.»

Mit Kameras ausgerüstet

Frick castete vor Ort ein Team mit Kompetenz: Der bolivianische Dramaturg hat Palmasola bereits als Journalist besucht. Eine Schauspielerin hat den Ort durch karitative Projekte kennen gelernt, ein Schauspieler war zweimal in Palmasola inhaftiert. Dank guten Kontakten gelang es dem Team, Zugang für mehrere Tage zu erhalten. «Wir waren die Ersten, die mit fünf Kameras und für so lange Zeit da rein konnten», erzählt Frick.

Die Theatercrew hat nicht einfach gedreht, sondern mit interessierten Häftlingen vier Workshops durchgeführt. Die Ausgangslage sei ihm klar gewesen. «An den ganz schlimmen Orten waren wir nicht. Aber uns wurde davon erzählt», sagt Frick. Man sprach und arbeitete mit denjenigen Häftlingen, die erzählen wollten, nicht mit den Vielen, die bereits resigniert hatten.

Fesselnde Geschichten gab es dennoch. Diejenige der Frau, die ihren Vater umbrachte, weil er sie vergewaltigt hatte. Oder die alternde Ballerina, inhaftiert wegen Veruntreuung, die ihre tippelnde Kunst in der Zelle demonstriert. Oder die Mennoniten-Gemeinde, die ihren Glauben inmitten der Hölle aufrecht erhält.

Die Polizei hat das Gefängnis gestürmt

Eigentlich wollte Frick zu Beginn vor allem mit den Kindern arbeiten, die in Palmasola aufwachsen. Aber dieser Ort nimmt keine Rücksicht auf die Planung von Schweizer Theatermachern. Am 14. März 2018 stürmten die Militärpolizei und Spezialeinheiten das Gefängnis. Ziel war es, die Herrschaft des Gefangenenführers El Oti zu brechen und kurze Zeit später den Mord an ihm zu arrangieren. Palmasola wurde durchkämmt, alle Besitztümer beschlagnahmt und die Kinder mitgenommen.

«Einen Moment lang wollten wir aufgeben», sagt Frick. Aber die Insassen an den Workshops hatten das Bedürfnis über die äusserst brutale Razzia zu sprechen. Wie viele Tote und Verletzte es gab, dazu gibt es keine verlässlichen Zahlen.

Die Ereignisse des 14. März bilden nun den mittleren Teil von Fricks Stück, das morgen in der Kaserne Basel Europapremiere feiert. Die Einführung in dieses unheimliche Universum geschieht aus der Perspektive eines Schweizers. Der Zürcher Claudio Q. war selbst wegen Drogenhandel in Palmasola inhaftiert. Auch er war Teil dieser abenteuerlichen Recherche.

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