Markthalle

Als Apfelverkäufer und Astrophysiker im Kampf für Menschenrechte

In der Markthalle verkauft Lukas Labhardt das Obst und Gemüse der Demeter-Gärtnerei Berg.

In der Markthalle verkauft Lukas Labhardt das Obst und Gemüse der Demeter-Gärtnerei Berg.

Lukas Labhardt von der Demeter-Gärtnerei Berg verkauft Gemüse in der Markthalle. Er hat den Doktor in Astronomie und kämpft mit Amnesty International Basel unermüdlich für die Menschenrechte.

In der Markthalle hängt Curry-Duft in der Luft. Am Thai-Stand richten zwei Köchinnen mit wirbelnden Holzlöffeln ein Mittagsgericht an. Schilder preisen indisches und pakistanisches Essen an, künden von Salat und Brot, Pizza und Pasta, Falafel und veganer Vielfalt.

Gleich beim Haupteingang steht am Stand der Demeter-Gärtnerei Berg hinter einem breiten Holztisch ein grosser Mann. Langes Haar und ein weiss gesprenkelter Bart verdecken sein freundliches Gesicht. Das ist Lukas Labhardt, Doktor der Astronomie, derzeit Verkäufer von Gemüse und Früchten in der Markthalle.

Dass er dereinst in der Markthalle Gemüse verkaufen würde, war in seinen jungen Jahren kaum zu erwarten. Schon als Jugendlicher wusste er, dass er einmal Astronom werden wollte. Es war die Zeit der ersten Mondlandungen und grossen technischen Errungenschaften. Er schaute mit einem Fernrohr in den Himmel und sah nicht nur Planeten und Sterne, sondern eine neue Welt.

Chile ist besser als Zermatt

Ein Physikstudium und Doktortitel später weiss er: Die Schweiz ist ein schweres Pflaster für Astronomie. Das hat nichts mit den Menschen zu tun, sondern mit dem Wetter. Das Klima ist schlicht ungeeignet für ungetrübte Blicke ins All. Trotzdem verbrachte Labhardt im Sommer und Winter viele Wochen auf dem Gornergrat, oberhalb von Zermatt. Wenn er Glück hatte, waren ein paar Nächte gut. Kein Zweifel: Es gibt bessere Orte, um professionell die Sterne zu beobachten.

Zum Beispiel die Atacamawüste im Norden Chiles, auf dem Berg Cerro Paranal. Da ist die Atmosphäre ausserordentlich trocken, deshalb steht dort ein Observatorium. Idealere Bedingungen für Astronomen gibt es nicht.

Labhardt blickt in Chile aber nicht nur in die Sterne, er schaut sich auch das Land an. Es ist die Zeit, in der Diktator Augusto Pinochet mit harter Hand regiert. Labhardt beginnt, sich für die Menschen in Chile zu interessieren und trifft Menschenrechtler. Das ist kein Zufall, bereits als Student gründete er in Basel mit anderen Amnesty International Basel.

Zurück in der Schweiz bleibt er nicht nur der Astronomie treu, sondern auch Amnesty. Er wird Präsident von Amnesty International Schweiz und setzt sich auch hierzulande für die Menschenrechte ein. Denn bis in die 80er-Jahren sieht das Militärgesetz unter Kriegsrecht immer noch die Todesstrafe vor. Labhardt trifft den damaligen Verteidigungsminister Kaspar Villiger und weibelt als Fachmann im Nationalrat. 1992 wird die Todesstrafe in der Schweiz vollständig abgeschafft.

Sternstunde bei Amnesty

Nach der Jahrtausendwende findet Labhardts wissenschaftliche Laufbahn ein abruptes Ende: Die Universität Basel schliesst das astronomische Institut zugunsten der boomenden Life-Sciences. Labhardt nimmt Abschied von der Forschung und macht sein Engagement für Menschenrechte zum Beruf. Elf Jahre ist er für Amnesty International in Bern und London tätig.

Eine Sternstunde ist die Aufnahme von zwei Uiguren in der Schweiz. Die beiden Brüder waren fast acht Jahre ohne Anklage und Urteil im umstrittenen Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba festgehalten worden. Ob es ihm nichts ausmache, sich täglich mit Diskriminierung, Folter oder der Todesstrafe auseinanderzusetzen? «Es gibt Leute, die zerbrechen daran. Ich funktioniere anders», entgegnet er. Jeder kleine Erfolg gebe ihm Kraft weiterzumachen.

Während der Zeit bei Amnesty International verändert sich Labhardts privates Umfeld: Seine Frau stirbt und er wird Grossvater. Weil er seine Enkel heranwachsen sehen will, kündet er seine Stelle. Einen Tag in der Woche steht er in der Demeter-Gärtnerei Berg in Binzen und packt mit an. Durch die sporadische Mitarbeit in der Gärtnerei findet er in die Markthalle. Der Gemüsestand ist gut besucht. Labhardt findet trotzdem genug Zeit für alle Kunden - er erklärt und hört zu. Es gibt auch viel über das Gemüse zu erzählen.

Als die Standleute im Herbst in die Markthalle einzogen, herrschte Gartenzaundenken. Das habe ihn gestört, «jeder schaute nur für sich.» Er sorgte dafür, dass die Standleute miteinander reden und sich austauschen. Schneller als es ihm recht war, wird er zu ihrem Sprachrohr. Ob es ihm schwer falle keine Verantwortung zu übernehmen? «Das ist keineswegs das Problem.» Aber viele seien im Umgang mit einer Verwaltung nicht geübt. «Es macht doch Sinn, dass ich dies übernehme, oder?»

«Es hört nie auf»

Im Juni ist Schluss mit dem Gemüseverkauf. Während Gleichaltrige ihre Pensionierung planen, sieht Labhardt dazu keinen Anlass. Er habe nie einen normalen Alltag gehabt, daher könne er gar nicht in Ruhestand treten.

Dazu kommt, dass er sich weiterhin für Menschenrechte stark machen will: «Das hört nie auf». Er sieht noch viel Arbeit vor sich: «Es gibt immer noch Länder, die die Todesstrafe vollstrecken, Homosexuelle diskriminieren und Menschen die gefoltert oder Opfer häuslicher Gewalt werden.» Im Sommer aber will Lukas Labhardt wieder auf Reisen gehen. Diesmal zieht es ihn nach Island. Zwei bis drei Monte lang will er durch das Land wandern. Genaueres weiss er noch nicht.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1