Es erinnert wenig an den 1. August 1919, der wohl als schwärzester Nationalfeiertag in die Basler Geschichte einging. Nur bei der Beiz «Zum alte Schluuch» hängt eine schwarze Plakette. Auf dieser steht, kurz, knapp und in Versalien:

BASEL ERSTER AUGUST 1919
FÄRBERSTREIK FÜNF TOTE
NIE WIEDER ARMEE-EINSATZ GEGEN DIE BEVÖLKERUNG

Ein Eintrag von Fritz Baur in der Basler Chronik erzählt – reichlich obrigkeitsgläubig gefärbt – die Geschichte von jenem Tag.

Die Firma Clavel Lindenmeyer ist berüchtigt, ihren Arbeitern die schlechtesten Löhne der Stadt zu zahlen. In einer Branche, in der die Arbeitnehmer mit ihrem Lohn kaum über die Runden kommen und dafür unter miesen Arbeitsbedingungen schuften, während die Besitzer grosse Gewinne erzielen.

Am 31. Juli rebelliert die Arbeiterschaft und fordert von der Geschäftsleitung die Entlassung eines Meisters. Einen gewissen Einfluss dürfte haben, dass sich auch in Deutschland Färber auflehnen. Es kommt zu Einigungsverhandlungen, die aber scheitern. Die Quellen sind sich uneins darüber, wer daran die Schuld trägt. Sicher ist: Grosse Teile der Basler Bevölkerung schlagen sich auf die Seite der Färber. Bald solidarisiert sich die gesamte chemische Industrie und Seidenbranche mit den Arbeitern. Am 1. August 1919 legen sogar Staatsangestellte ihre Arbeit nieder.

Maschinengewehr auf dem Militärauto

Die Regierung sucht Hilfe beim Bundesrat und dieser bietet ein Infanterieregiment sowie «etwas Kavallerie» auf. Den ganzen Tag durch versammeln sich Menschen zu grösseren Gruppen und liefern sich Kämpfe mit der Polizei, der Grenzwache und der Armee.

Zu einer ersten Eskalation kommt es in der Greifengasse. Streikende brechen Pflastersteine aus der Strasse und bewerfen damit Truppen. Diese eröffnen das Feuer, ein Mann stirbt, 20 weitere Personen werden teils schwer verletzt. Regierungsrat Fritz Hauser schildert später bürgerkriegsähnliche Zustände mit unberechenbaren Militärs und Bürgerwehren. Die «NZZ» schreibt von einem Maschinengewehr, das auf dem Militärauto stationiert ist.

Das Kleinbasel wird zum Zentrum des Aufstands. Der Claraplatz ist besetzt, der öffentliche Verkehr kommt zum Erliegen. Am Abend treffen vor der Kaserne Truppen auf streikende Arbeiter. Wieder fallen Schüsse, drei Menschen sterben. Weshalb die Armee plötzlich das Feuer eröffnet, wird trotz militärgerichtlicher Untersuchung nie geklärt werden. Die «NZZ» führt die blutige Auseinandersetzung auf «tumultuarisches Vorgehen der Menge» zurück.

Der Streik dauert noch mehr als eine Woche an. Am Ende unterliegen die Färber: Als sie die Arbeit wieder aufnehmen, ist kaum eine Forderung erfüllt. Sie erhalten zehn Prozent mehr Lohn. Es reicht nicht einmal, um die damalige Teuerung auszugleichen.