Niklaus von Flüe

Als die Basler Katholiken in Rom weinten

1947 nicht in Rom, aber zehn Tage später bei den Feierlichkeiten zur Heiligsprechung in Obwalden zugegen: Bundesrat Philipp Etter (links) mit Bundesrat Enrico Celio.

1947 nicht in Rom, aber zehn Tage später bei den Feierlichkeiten zur Heiligsprechung in Obwalden zugegen: Bundesrat Philipp Etter (links) mit Bundesrat Enrico Celio.

Mehrere tausend Schweizer Katholiken pilgerten an Auffahrt 1947 zu Papst Pius XII. nach Rom. Niklaus von Flüe, der Einsiedler aus der Innerschweiz, wurde heiliggesprochen. Mitgereiste Basler Katholiken waren tief bewegt. Das offizielle Verhalten der Schweizer Regierung hingegen irritierte.

Die Bedrohung des Zweiten Weltkrieges sorgte in der Schweiz für einen politischen und konfessionellen Burgfrieden. Der freisinnig-sozialdemokratisch-konservativ-katholische Zusammenschluss hielt das Land geeint. Mit Kriegsende auferstanden nicht nur die politischen, sondern auch die konfessionellen Gegensätze. Höhepunkt eines neuen kleinen konfessionellen Kulturkampfes zwischen Katholiken und Reformierten war die Heiligsprechung von Bruder Klaus vor 70 Jahren.

Niklaus von Flüe, dessen 600. Geburtstag dieses Jahr landauf landab gefeiert wird, zog sich im Alter von 50 Jahren aus dem weltlichen Leben in die Einsamkeit zurück. Als Bruder Klaus war er ein gefragter Ratgeber, etwa 1481, als in der Eidgenossenschaft mehrere Stadt- und Landorte kurz vor einem Bürgerkrieg standen. Er gab den politischen Vertretern einen Ratschlag, der zu einer Einigung führte, dem Stanser Verkommnis. In der Folge wurden Freiburg und Solothurn in die Eidgenossenschaft integriert.

Der Kupferstich unbekannter Herkunft zeigt Niklaus von Flüe, auch bekannt als Bruder Klaus (1417–1487), vor seiner Klause im Ranft.

Der Kupferstich unbekannter Herkunft zeigt Niklaus von Flüe, auch bekannt als Bruder Klaus (1417–1487), vor seiner Klause im Ranft.

Zunächst «nur» ein Seliger

Bruder Klaus wurde zum «Pater Patriae», dem Vater des Vaterlandes. Bereits zu Lebzeiten soll der Einsiedler von vielen Geistlichen und Adligen, die bei ihm Rat suchten, als heilig erachtet worden sein. Zu mehr als einer Seligsprechung 1649 reichte es aber lange nicht. Erst im Oktober 1935 besuchte Papst Pius XI. sein Grab in der Pfarrkirche Sachseln und zeigte damit seine Bereitschaft, eine Heiligsprechung zu prüfen.

Da Bruder Klaus nicht als Märtyrer gestorben war, brauchte es den Nachweis eines Wunders für seine Heiligsprechung. Innerhalb von zwei Jahren ereigneten sich zwei offiziell anerkannte Wunder. Eine Frau, die an einer chronischen Neuritis und einer eiternden Wunde am Arm litt, besuchte das Grab des Bruders Klaus und sei danach geheilt worden. Eine zweite Wunderheilung ereignete sich im solothurnischen Egerkingen. Eine Frau war an einem Hirn- und Rückenmarksleiden erkrankt.

Der behandelnde Arzt und Medizinprofessoren der Heiligen Kongregation sahen keine guten Heilungschancen. Als die Frau Bruder Klaus anbetete, sei auch sie plötzlich und vollständig geheilt worden. Verschiedene Kommissionen des Vatikans mit Ärzten, Juristen, Theologen und Kardinälen prüften 1942 und 1943 die Wunder und empfahlen eine Heiligsprechung von Bruder Klaus. Der Papst liess sich überzeugen. Am 15. Mai 1947 fand die Heiligsprechung in Rom statt.

Kein Offizieller in Rom

Rund 5000 Schweizer Katholiken wohnten der Feier im Vatikan bei und hinterliessen bei der einheimischen Bevölkerung tiefen Eindruck. Selten sei eine Heiligsprechung so ruhig verlaufen, schrieb der Korrespondent des katholischen Basler Volksblatts am Tag danach. Der Papst würdigte in seiner Predigt die Vermittlungskünste von Bruder Klaus. Dieser christliche Geist könne auch die aktuellen internationalen Probleme lösen und den Frieden zwischen den Völkern herbeiführen.

An die Anwesenden appellierte der Papst, die Heiligen nicht nur zu bewundern, sondern im Alltag ihre Tugenden nachzuahmen. Die Römer, die der Feier beiwohnten, waren von den Nachkommen des neuen Heiligen, welche die Prozession begleiteten, schwer beeindruckt. In ihren gestickten Hirtenhemden und ihren «wetterharten, bärtigen Gesichtern» standen sie im Kontrast zu den edlen Uniformen der päpstlichen Schweizergarde.

Für Irritation bei den Schweizer Katholiken sorgte das Verhalten der eigenen Regierung. Aus Rücksicht auf den konfessionellen Frieden schickte die Schweiz keinen offiziellen Regierungsvertreter in den Vatikan. CVP-Bundesrat Enrico Celio nahm zwar an der Feier teil, war aber als Privatmann nach Rom gefahren, wie überall betont wurde. Der Basler Pfarrer von St. Clara, Franz Blum, könnte seinen Ärger und seine Enttäuschung nicht verbergen.

In einem Artikel im Pfarrblatt schrieb er noch rund drei Wochen nach der Heiligsprechung über den «tiefen Schmerz über unser Vaterland», den er und alle Katholiken im Herzen trügen. Das Verhalten der offiziellen Schweiz stiess bei den Katholiken auf wenig Verständnis. Die Regierungen von Ob- und Nidwalden hingegen wohnten der Heiligsprechung vollzählig bei.

Sie dürften das Ende der Zeremonie ähnlich erlebt haben wie Franz Blum, der im Basler Volkskalender 1948 in emotionalen Worten schilderte: «Zuletzt erteilte der Heilige Vater der Stadt Rom und dem ganzen Erdkreis den Segen und dann fing es plötzlich irgendwo an: ‹Trittst im Morgenrot daher›, und wie Sturm klang es durch den Petersdom. ‹Betet, freie Schweizer, betet ...›.

Da sind viele Augen nass geworden.» Die Heiligsprechung von Bruder Klaus war für die Katholiken – trotz Fernbleiben der offiziellen Schweiz – ein erfreuliches Ereignis. Sie bedeutete aber auch, dass aus ihm ein katholischer Heiliger wurde, der nur noch bedingt als Landesvater für die gesamte Bevölkerung dienen konnte.

Heiligsprechung als Beleidigung

Die Heiligsprechung von Bruder Klaus provozierte verbale Auseinandersetzungen zwischen katholischen und reformierten Schweizern. Bruder Klaus hatte für die Reformierten nie die gleiche Bedeutung gehabt wie für die Katholiken.

In der Zwischenkriegszeit diente der Innerschweizer Einsiedler aber als «Pater Patriae» einer demokratischen, föderalistischen und mehrsprachigen Schweiz, wie der Historiker Urs Altermatt nachgewiesen hat. Mithilfe von Bruder Klaus sei das eidgenössische Nationalbewusstsein revitalisiert worden, schreibt Altermatt.

Der katholische Bundesrat Philipp Etter befasste sich an der Bundesfeier 1941 und in seiner Neujahrsansprache 1942 mit Bruder Klaus und beschrieb ihn als Retter des Vaterlandes. Aufmerksam und besorgt nahmen die Reformierten diese Äusserungen zur Kenntnis.

Der gleichzeitig laufende Vorbereitungsprozess der Heiligsprechung liess die Alarmglocken läuten. Die Reformierten befürchteten einen Versuch der Katholiken, die Schweiz an den katholischen Glauben und an Rom binden zu wollen. Auch Alphons Köchlin, Prediger in St. Martin und Präsident des evangelischen Kirchenrates von Basel, ärgerte sich.

Er sah den konfessionellen Frieden belastet. Vor der Abgeordnetenversammlung des evangelisch-reformierten Kirchenbundes in Liestal 1944 hielt er deshalb fest, dass die bevorstehende Heiligsprechung nur eine innerkatholische Angelegenheit sein könne. Das Volk als Ganzes sei nicht daran beteiligt, und die evangelische Schweiz würde Niklaus von Flüe niemals als Landesvater anerkennen.

In verschiedenen reformierten Zeitungen und Zeitschriften äusserten sich Vertreter der reformierten Kirche ähnlich. Der Theologe Karl Barth stellte die Heiligsprechung grundsätzlich infrage. Die reformierte Kirche kennt keine Heiligen. Die Heiligsprechung sei eine Beleidigung der göttlichen Gnade und ein Angriff auf Bruder Klaus.

Der Papst schockiert Reformierte

Diese Interpretation wiederum stiess bei den Katholiken auf Unverständnis. Roman Pfyffer, Pfarrer von St. Joseph im Kleinbasel, sah eine Einmischung in eine katholische Angelegenheit und entgegnete im Pfarrblatt vom 22. Juni 1945, dass sich Katholiken und Reformierte in der Frage der Heiligsprechung nie einig werden könnten. Er begründete die Ernennung von Heiligen mit der Bibel. Die Heiligen seien «Freunde bei Gott». Es sei für die Katholiken eine grosse Freude, dass ein «urchiger» Schweizer wie Niklaus von Flüe in die auserwählte Schar aufgenommen werde. Des einen Freud ist des andern Leid.

Während Schweizer Katholiken mit Freudentränen in den Augen der Heiligsprechung in Rom beiwohnten, erlebte die reformierte Schweiz einen Schock, wie Literaturwissenschaftler Peter von Matt anfangs Mai in einem Interview mit «kath.ch» gesagt hat. Bei den Basler Katholiken sorgte Bruder Klaus dieser Tage hingegen für einen ungewöhnlichen Ansturm: Über 500 Personen meldeten sich für die diesjährige Auffahrts-Wallfahrt nach Flüeli-Ranft an.

Vier Wochen nach der Feier in Rom nahmen dreihundert Basler Katholiken an einer zweitägigen Wallfahrt zu Bruder Klaus nach Sachseln teil. Am Abend des 14. Juni 1947 feierte Franz Blum mit den Teilnehmern einen Gottesdienst in der Pfarrkirche Sachseln. In der Vorbereitung der Wallfahrt war Blum nicht müde geworden, eine enge Verbindung von Bruder Klaus zur Region Basel herzustellen.

In einem Artikel im Pfarrblatt vom 9. Mai 1947 erzählte Blum die Geschichte, wie Bruder Klaus in die Region Basel kam. Als Bruder Klaus mit sich rang, ob er dem Ruf Gottes folgen sollte, machte er sich auf den Weg ins Elsass und kam in die Nähe von Liestal. Da sei das Städtchen ganz rot erschienen, und Bruder Klaus wandte sich fragend an einen Bauern in der Nähe. Er kam mit dem Bauern ins Gespräch und erzählte von seinen Plänen.

Dieser riet ihm ab, ins Ausland zu gehen. Es sei gescheiter, in der Heimat Gott zu dienen. In der folgenden Nacht hatte Bruder Klaus eine Erscheinung und kehrte nach Hause zurück. Bruder Klaus kam noch ein zweites Mal in die Region Basel. Im Mai 1940 wurde eine Himmelserscheinung bei Waldenburg von Augenzeugen als Hand von Bruder Klaus gedeutet, welche die Schweiz vor dem Krieg beschützen sollte.

* Benedict Pfister ist Basler Historiker. In seiner Publikation «Die Katholiken entdecken Basel. Der Weg aus dem Milieu in die Gesellschaft» hat er sich mit der Bedeutung von Bruder Klaus für Basel auseinandergesetzt. Heute betreibt er die Sportbeiz Didi Offensiv am Erasmusplatz.

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