An ihrem ersten Arbeitstag in der Schweiz gab es «Klöpfer-Risotto». Der Reis im Teller vor Agnes Hauser war rot gefärbt vom Tomatenmark und gespickt mit klein geschnittenen Cervelat-Stücken. Nur das Dessert am Vorabend, eine Heidelbeerwähe, habe besser geschmeckt, erinnert sich die 81-Jährige. Als ob sie den Duft heute noch riechen könnte, beugt sie sich über den Esszimmertisch, atmet tief ein. «Es war himmlisch. Solch gutes Essen kannten wir zu Hause nicht.»

Als Agnes Hauser ihre neuen Arbeitgeber kennenlernte, war sie 18 Jahre alt. Statt weiterhin in einer deutschen Fabrik Zigarren zu drehen, putzte, wusch und kochte sie fortan bei einer jüdischen Familie in Basel. Als deren Hausangestellte zog sie bei ihnen ein, in die kleine Mansarde unter dem Dach.

Diskutierten Wissenschaftler intensiv die italienische Einwanderung, blieb die Migration von deutschen und österreichischen Frauen in die Schweiz lange unerforscht. Das hat Andrea Althaus mit ihrer Dissertation geändert. Die Historikerin befragte Zeitzeuginnen, wälzte Akten der Fremdenpolizei und durchforstete Zeitungsarchive. Sie kommt zum Schluss: Zwischen 1920 und 1960 haben im Schnitt um die 30 000 Deutsche und Österreicherinnen in Schweizer Privathaushalten und Gastwirtschaften gearbeitet. Zeitweise beschäftigte jeder neunte Haushalt eine Angestellte.

Althaus spricht von einem «Massenphänomen», das auch Politik und Öffentlichkeit stark beschäftigte. Eine Germanisierung und «geistige Überfremdung» drohe, lautete der jahrzehntelange Tenor.

Von solchen Ressentiments wusste Agnes Hauser nichts, als ihr Zug am 15. August 1954 im Badischen Bahnhof einrollte. Ein kleines Empfangskomitee von früher eingereisten Schulfreundinnen wartete auf sie. Auch ihre Cousine wohnte bereits seit zwei Jahren in Basel. Sie war es, die ihr die Arbeitsstelle vermittelt hatte. Schwierig wäre es auch sonst nicht geworden. «Die Zeitungen waren voll mit Inseraten, in denen Hausmädchen gesucht wurden», sagt Hauser. Einige Familien unternahmen gar Rekrutierungsfahrten nach Deutschland, um junge Frauen anzuwerben.

Hausmädchen: dringend gesucht

Kam die Cousine für einen Besuch nach Hause, trat für Hauser die weite Welt ins kleine Dorf. Endlich konnte jemand ihre Fragen beantworten. Wie schmeckt ein Joghurt? Was ist Mayonnaise? Es waren solche Begriffe, die Anfang der 1950er-Jahre in der südbadischen Gemeinde Rust exotisch klangen. Dort wuchs Hauser als älteste von drei Schwestern auf. Wie die anderen Kinder des Dorfes besuchte sie die Schule, bis sie 14 Jahre alt war. Danach musste sie in die Fabrik, Geld verdienen. Zehn Stunden pro Tag fertigte Hauser im Akkord Zigarren an – und träumte von der weiten Welt. Wenn nicht Amerika, dann die Schweiz.

Diese gehörte von Beginn bis Mitte des 20. Jahrhunderts zu den beliebtesten Zielen der deutschen Auswanderer, schreibt die Historikerin Althaus. Von den beiden Weltkriegen verschont geblieben, habe das Land «mit gutem Essen, hohen Löhnen, idyllischen Landschaften und unzerstörten Städten» gelockt. An Stellen mangelte es nicht, die Personalnot von Hausangestellten war ein Dauerthema. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg debattierte die Schweizer Politik und Öffentlichkeit über die «Dienstbotenfrage».

Als Agnes Hauser 1954 vorschriftsgemäss bei der Fremdenpolizei ihren Pass abgab, hatte die Basler Regierung den Normalarbeitsvertrag für den Hausdienst bereits verabschiedet. Er schreibt Rahmenbedingungen vor, die heute undenkbar sind: Neun Stunden Nachtruhe und eine «wöchentliche Ruhezeit von acht Stunden». Wer länger als ein Jahr angestellt war, hatte Anspruch auf zwei Wochen Ferien. Damit legalisierte der Kanton 15 Arbeitsstunden pro Tag; und eine Arbeitswoche mit sechs Tagen.

Die Familie von Hausers Cousine schöpfte die laxen Vorgaben erbarmungslos aus. «Fräulein Agnes» hatte mehr Glück. Um 19 Uhr war Feierabend; am Mittwoch- und Sonntagnachmittag hatte sie frei. Obwohl sie die Kleider in kochendem Wasser auf dem Herd wusch, stundenlang mit dem glühenden Bügeleisen die Hemden plättete, Böden schrubbte, sagt Hauser: «Ich hatte stets das Gefühl, in den Ferien zu sein.»

Trat sie als Fabrikarbeiterin ins Elternhaus ein, wartete die Mutter bereits mit Hausarbeit; und als Kind musste sie zuerst die Arbeiten auf dem Hof erledigen, bevor sie die Hausaufgaben lösen durfte. Auch die Ferien versprachen keine Freizeit: Es galt, zu heuen, Kartoffeln zu ernten oder dem Vater die Hemden zu nähen. Er war Schlosser, um sich selber zu versorgen, betrieb die Familie einen kleinen Bauernhof.

In Basel tauchte die junge Frau in eine neue Welt ein. Sie studierte die Auslagen in den Schaufenstern, besuchte Museen. Ihre Chefin habe sie mit einem Schwamm verglichen, der alles aufsauge, sagt Hauser. Ihre ersten Arbeitgeber lebten im Zentrum von Basel, nahe dem Marktplatz. Der Sohn studierte in Fribourg, die Eltern führten einen kleinen Laden mit Herrenkleidern.

Wie klar die Rollen verteilt waren, zeigte sich, dass Hauser jeweils alleine in der Küche essen musste. Kühl sei die Beziehung indes nicht gewesen: «Ich hatte grosses Glück. Die Familie war sehr nett zu mir. Bereits am ersten Abend schenkte mir meine Chefin weisse Sandalen von ihr. Ich fühlte mich wie im Himmel.» Zwei Jahre lang arbeitete sie für das Ehepaar. Als 1956 eine Grippewelle über Basel rollte, infizierte sich der Mann mit dem Virus und starb.

Anfeindungen und Belästigung

Hauser wechselte in eine andere Familie, die drei Kinder hatte. Fortan musste sie weniger kochen, dafür mehr auf die Kleinen aufpassen. Ihre zweiten Basler Arbeitgeber waren wiederum jüdisch. Wie sprachen sie über Hausers Nationalität, den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust? «Gar nicht», sagt Hauser, «darüber wurde nicht geredet.» Anders als die Mehrheit der von Althaus befragten Frauen hatte sie keine Fremdenfeindlichkeit erlebt. Weder auf der Strasse noch in der Familie oder dem Freundeskreis ihres späteren Mannes.

Das ist die Ausnahme. Die Historikerin zeigt in ihrer Untersuchung, dass jahrzehntelang eine anti-deutsche Stimmung in der breiten Bevölkerung herrschte, obwohl die deutschen und österreichischen Hausangestellten unter den Arbeitgeberinnen beliebt waren. In den Wirtschaftskrisen wurde ihnen vorgeworfen, arbeitslosen Schweizerinnen den Arbeitsplatz wegzunehmen. Ab Mitte der 1930er-Jahre wurden sie «im Zuge der geistigen Landesverteidigung als nationale Bedrohung» angesehen, schreibt Althaus. Die Angst ging um, sie würden den ihnen anvertrauten Kindern die nationalsozialistische Ideologie einimpfen und dadurch die Schweizer Souveränität unterwandern. Anfang des 20. Jahrhunderts war derselbe Vorwurf erklungen, damals wegen ihres angeblich monarchistischen Gedankenguts.

Obwohl die Stellenanzeigen überquollen und das Lamento über fehlende Hausmädchen das Land durchzog, hielt sich eine fixe Idee: Es hiess, die eingewanderten Frauen suchten hierzulande einzig einen Ehemann, um an den Schweizer Pass zu kommen. Dieses Denken war nicht nur an den Stammtischen verbreitet, sondern auch in der Verwaltung. So antwortete die Fremdenpolizei auf ein entsprechendes Schreiben der Allschwiler Gemeindekanzlei im Jahr 1945, dass «die Gefahr des ‹Männerfanges› durch deutsche Dienstmädchen natürlicherweise bestehe». Aufgrund der Personalnot müsse «diese unliebsame Begleiterscheinung» aber in Kauf genommen werden.

Für zahlreiche Hausangestellte blieb das Vorurteil der «leichten Beute» nicht ohne Folgen: Mehrere Frauen berichteten Althaus von sexueller Belästigung.

Grenzerfahrung bei Sanitätern

Zusätzlich zur Angst der ideologischen Unterwanderung kam nach dem Zweiten Weltkrieg noch jene vor ansteckenden Krankheiten. Die Schweizer Regierung beschloss, die «sanitarischen Grenzkontrollen» zu verschärfen. In Basel untersuchten Grenzsanitäter ab 1949 die Frauen. Der Auftrag: «Die Ermittlung von übertragbaren Krankheiten sowie der Behaftung mit Ungeziefer».

Fündig wurden die Sanitäter nur selten. Zwischen 1949 und 1952 wiesen sie 0,2 bis 0,5 Prozent aller Personen zurück. Trotzdem musste auch noch zwei Jahre später Agnes Hauser ihre Lungen röntgen, um die Grenzen passieren zu dürfen. Das war es ihr Wert. Ebenso die Schufterei für einen Lohn von neunzig Franken pro Monat, den sie grösstenteils nach Hause schickte. Wieso? «In Basel fühlte ich mich erstmals richtig frei.»

Anders als ihre Cousine blieb Hauser. Sie verliebte sich, heiratete. Als Schweizerin durfte sie überhaupt erst den Beruf wechseln und begann, im selben Labor wie ihr Mann zu arbeiten. Inzwischen ist sie mehrfache Grossmutter – und kocht bis heute den «Klöpfer-Risotto» nach dem Rezept ihrer ersten Basler Chefin.

Die Ausstellung «Mädchen, geh in die Schweiz und mach dein Glück» ist bis zum 1. Oktober im Dreiländermuseum in Lörrach zu sehen. Das Buch "Vom Glück in der Schweiz? Weibliche Arbeitsmigration aus Deutschland und Österreich (1920–1965)" von Andrea Althaus ist im Campus Verlag erschienen.