Analyse

Als die Welt noch unser Vorort war: Basel, der Rheinschwumm und das Chiasso des Nordens

Blick auf den Rhein in Basel am 31. Juli 2020: Ein ruhiger Abend nach abgesagter Bundesfeier.

Blick auf den Rhein in Basel am 31. Juli 2020: Ein ruhiger Abend nach abgesagter Bundesfeier.

Basel ist tatsächlich museal geworden. Die Stadt, die sich nach aussen vor allem ihres Rheinschwumms und ihrer Museen lobt, muss sich ändern. Das würde angesichts einer ans Limit gelangenden Symbiose mit der lokalen Politik auch den Druck von der Pharma nehmen.

Eine interessante Folge der Coronamassnahmen ist ja, dass man plötzlich in der eigenen Stadt gestrandet ist. Mit den Hürden beim Reisen (Rückkehr-Quarantäne, überlaufene Inland-Destinationen, Maskenpflicht etc.) setzt man sich als Tourist im eigenen Heim dann eben mit Attraktionen im Lokalen auseinander. Umso interessanter ist das an einer Verkehrsdrehscheibe wie Basel, von wo man sonst so schnell weg ist, wie man auch wieder zurückkommt.

Und siehe da: Je länger man die Stadt betrachtet, desto beschaulicher wird sie. So beschaulich, dass kritische Artikel von Medien, die keine Verankerung in der Stadt haben, rasch zu kollektiver Schnappatmung der politisch Etablierten führen. So beschaulich, dass aber auch ein Exponent der Basler Grossbürgerpartei LDP auf dem lokalen Medienportal «Onlinereports» sagt, dass ihm Basel «zum Teil etwas museal» vorkomme.

Alles an seinem Ort? Mitnichten

Er hat recht. Doch in einem Museum zu leben, hat seine Vorteile: Alles ist am richtigen Ort, im Idealfall wohlfeil kuratiert und hängt doch einmal ein Bild schief, wird es alsbald wieder gerade gerückt (wie es allerdings im Magazin unten aussieht, interessiert lange Zeit kaum jemanden, es sei denn, man verlauert seine teure Briefmarke namens «Basler Dybli»). Es ist ja sehr beruhigend – und auch baslerisch –, zu wissen, dass alles an seinem Ort ist und es noch lange sein wird. Wie der Rhein.

Doch Corona zeigt: Das wird es nicht. Zwischen all diesen museal anmutenden Wertanlagen von teils architektonisch herausragender Klasse, den Renditeobjekten und Versicherungswerten, den Finanz- und Verwaltungsvermögen privater und staatlicher Natur stagniert es. Wohl kommen insbesondere die Pharma- und Immobilienbranche gut durch die Krise, aber alles, was jenseits globaler Märkte spielt, darbt: der Handel, die Gastronomie, die kleinen Dienstleister. Ob sie angesichts ihrer Relevanz für die Lebensqualität«too big to fail» seien?, schrieb bz-Chefredaktor Patrick Marcolli. Seine Antwort: «Ja».

Ein bisschen Rhein als touristisches Highlight

Diese Stadt braucht neuen Schwung – jetzt erst recht. Es reicht nicht, den Rheinschwumm als grösstes touristisches Highlight einer Stadt zu verkaufen. Es reicht nicht, seine unzähligen, aber bis auf ganz wenige Ausnahmen um internationalen Anschluss ringenden Museen zu Markte zu tragen. Es reicht nicht, stets von Innovation zu reden, aber nur die Pharma machen zu lassen. Zumal gerade dort physisch entbehrliche Arbeitsplätze international ins Homeoffice verlagern werden. Davon haben am Schluss weder Gastronomie noch Hotellerie oder Detailhandel etwas.

Vielleicht ist also angesichts dieser Krise eine Wachstumsstrategie gar nicht mehr so angezeigt, wie sie es noch vor Corona war. Vielleicht wäre es sogar an der Zeit für eine Konsolidierung und damit für die Frage: Braucht das von potenten Pharmakonzernen verwöhnte Basel künftig nicht doch eine stärker aufs KMU-Gewerbe ausgerichtete Strategie als bisher? Das würde angesichts einer ans Limit gelangenden Symbiose mit der lokalen Politik auch den Druck von der Pharma nehmen – und sogar Innovation jenseits der Gesundheitsbranche befeuern. Ganz zu schweigen vom Geschäftsgang der Läden, der Gastronomie, der Hotellerie.

Nutzen wir die Möglichkeiten, statt uns auf ihnen auszuruhen. Schaffen wir neue Gelegenheiten, statt uns in endlosen Umverteilungsdebatten zu ergeben. Lassen wir Basel nicht zu einem etwas gepflegteren Chiasso des Nordens werden: Einer polierten Verkehrsdrehscheibe, die sich einst ein bisschen zu lange in der Tatsache gesonnt hatte, dass dank mächtiger Konzerne und glanzvoller Messen die Welt nur ein Vorort war.

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