«In fünf Minuten geht es los. Yystoh!» Der Obmann der Schotte Clique fordert seine Jungs auf, ihre Instrumente zu fassen, die Larven anzuziehen und ihre Plätze im Zug einzunehmen. Der Cortège steht kurz bevor. Gleichzeitig erhebt der Obmann der Wagenclique Rhyschlappe Waggis seine Stimme. Auch er ruft seine Leute zusammen. Die Aufforderung geht an mich, denn ich versuche heute zum ersten Mal, als Waggis eine gute Falle zu machen. Ich habe vor, in den nächsten Stunden - hoffentlich - die Augen der Kleinsten, die mit ihrem Mami am Strassenrand warten, zum Strahlen zu bringen.

bz-Redaktorin Muriel Mercier zieht das «Goschdyym» der Rhyschlappe-Waggis an.

bz-Redaktorin Muriel Mercier zieht ihr «Goschdyym» für den Auftritt mit den Rhyschlappe-Waggis an.

Die Mimösli sparen

Zuerst erhalte ich Instruktionen vom Rhyschlappe-Obmann. Mit den Mimösli soll ich sparsam umgehen. Von den Dääfeli nicht alle aufs Mal werfen - und wichtig: Wenn Kinder an den Wagen treten und nicht «Bitte» sagen oder die Sachen zurückwerfen, weil sie nicht diese wollen, auf keinen Fall etwas anderes schenken. Ich nehme mir die Tipps zu Herzen.

Die Rhyschlappe besteigen in Gladiatoren-Kostümen ihren riesigen Wagen. Ich mache meine ersten Schritte als aktive Fasnächtlerin im traditionellen Waggis-Kostüm hinter dem Gefährt. Dieses setzt sich langsam in Bewegung, die Schotten schränzen los und folgen uns. Unsere Route beginnt in der Webergasse, vorbei am Roten Kater. Bei der Kreuzung zur Greifengasse biegen wir nach rechts ab und über die Mittlere Brücke. Ich versuche, durch die Sehschlitze unter der pinkigen Waggisnase den Weg zu finden, um nicht über meine Füsse zu stolpern. Ich muss mich an den beschränkten Sichthorizont zuerst gewöhnen.

bz Redaktorin Muriel Mercier nimmt auf dem Wagen der Rhyschlappe am Cortège teil

bz-Redaktorin Muriel Mercier auf dem Wagen der Rhyschlappe.

Und dann seh ich zig Ärmchen, die sich mir entgegenstrecken. Mütter und Väter schultern ihre kleinen Waggis, tragen sie nahe an den Wagen und bedanken sich, wenn ein Gladiator ihren Schützlingen ein Sugus in die Hand drückt. Einige der Binggis vergraben ihr Gesicht am Hals ihrer Mutter, andere strahlen einen an.

Auf der Grossbasler Seite angekommen, steige ich auf den tuckernden Wagen. Eine Herausforderung. Aber es klappt. Nun stehe ich vor einem Kartonberg Wurfgeschosse. Rechts Schläggstängel, Colafröschli und Carameldääfeli, daneben Orangen, hinter mir Mimösli-Sträusse und Rosen. Ich entscheide mich für eine Hampfle Süssigkeiten und zwei Früchte. Nun gilt es ernst. Noch ein bisschen verkrampft lasse ich meinen Blick genau über die Cortège-Besucher schweifen. Wer bekommt was?

Nicht alle Orangen kommen an

Ich entscheide mich, die Orangen in die hinteren Reihen zu werfen. Wegen meines eingeschränkten Blickfeldes ist es schwierig, die Distanz zwischen mir und den Damen zuhinterst abzuschätzen. Nicht alle Zitrusfrüchte kommen dort an, wo sie hin sollten. Wie gewohnt sind die Mimösli und Rosen am Beliebtesten. Am Anfang bin ich sparsam. Dann sehe ich aus dem linken Sehschlitz heraus, dass meine Gladiatoren-Kollegen kräftig die gelben Blumen verschenken. Also los, dann beglücke ich vor allem die Frauen mit einem Mimösli. Und heimse zwischendurch ein Dankeschön oder ein Zuwinken ein.

Langsam aber sicher fühle ich mich wohl unter meiner Larve. Die Schotte Clique direkt hinter mir sorgt für tolle Stimmung, ich ertappe mich, wie ich im Takt mitwippe. Wir fahren über den Marktplatz, vorbei an der Hauptpost und in die Gerbergasse. Vor dem Manger & Boire zieht der Chauffeur die Bremse. «Pause!» ruft der Rhyschlappe-Obmann. Die Schotte bauen Holzbänke auf und machen es sich bequem. Die Rhyschlappe haben sich etwas Originelles überlegt, um den Durst zu löschen. In einem Rohr mischen sie Cola und Whiskey. Nun muss man nur unten den Hebel drehen, dann fliesst der Drink auch schon in den Becher. Fasnacht ist eben etwas für die Kreativen.