Domenico Scala
Als Fifa-Reorganisator stand er plötzlich weltweit im Rampenlicht – nun lenkt er Davidoff

Domenico Scala war in verschiedenen Konzernen tätig, bis er als Fifa-Reorganisator plötzlich im internationalen Rampenlicht stand. Seit kurzem präsidiert er auch den Zigarrenkonzern Davidoff.

Stefan Schuppli
Merken
Drucken
Teilen
Domenico Scala: Multi-Verwaltungsrat, vorübergehend Fifa-Beauftragter, Standortförderer, Saftwurzel.

Domenico Scala: Multi-Verwaltungsrat, vorübergehend Fifa-Beauftragter, Standortförderer, Saftwurzel.

KEYSTONE

Der 2. Juni 2015 war ein denkwürdiger Tag. Fifa-Direktor Joseph Blatter kündigte seinen Rücktritt an, verschwand und überliess das Podium einem anderen: Domenico Scala. Er war der neue starke Mann, der es beim Fussballverband richten sollte. Seine Aufgabe: Aus dem intransparenten Mauschelklub mit schwer erklärbaren Machtstrukturen eine Firma mit sauberem Geschäftsgebaren machen. Scala war plötzlich in sämtlichen TV-Stationen zu sehen, in allen Welt- und Provinzblättern.

Scala war damals schon drei Jahre im Audit & Compliance Commttiee. Geholt hatte ihn der Basler Strafrechtler Mark Pieth, der sich seit Jahren mit Fragen von Bestechung und intransparenten Strukturen befasste. Die beiden kannten sich nicht, hatten aber offensichtlich sehr rasch einen guten Draht. Während Pieth die juristischen Kniffe lieferte, brachte Scala seine Führungserfahrung ein. Mit seinem selbstsicheren Auftreten und seiner beeindruckenden Körpergrösse war klar: Der Mann wirkt. Auch die Prise Sarkasmus fehlt ihm nicht. Bei der Frage Blatters, ob er die Fifa-Funktion übernehmen wolle, soll er, so die Legende, gesagt haben: «Ja, ich sage zu. Unter einer Bedingung: Sie dürfen mich nicht loben.» Es ist offen, ob Blatter den Joke je kapiert hat. Aber gelobt hat er ihn tatsächlich nie.

Ein Abgang mit Knall

Schon ein knappes Jahr später knallt es. Gianni Infantino, der neue Fifa-Chef, entmachtet in einem Fifa-Kongress in Mexiko die unabhängigen Committees, die die Aufgabe hatten, für Ordnung zu sorgen. Mitglieder der Ethik-, der Rekurs-, der Audit & Compliance Kommission konnten ab sofort vom Fifa-Council rausgeschmissen werden – eine Domestizierung der Committee-Mitglieder.

Da war’s vorbei mit Scalas Humor: Er trat zurück. «Ich bin über diesen Entscheid konsterniert, da damit eine zentrale Säule der Good Governance der Fifa untergraben und eine wesentliche Errungenschaft der Reformen zunichtegemacht wird», schrieb Scala in seinem Rücktrittsbrief. Scala ging damit zu jenem Zeitpunkt an die Öffentlichkeit, als Infantino und seine Fifa-Crew im Jet von Mexiko nach Europa sassen. Als sie landeten, wurden sie von einem Tsunami unangenehmer Fragen empfangen. Infantino wollte die Wogen glätten und sprach von Missverständnissen. Scala sollte aber mit seinen Unkenrufen recht behalten. Im Mai dieses Jahres stellte der Fifa-Kongress zwei unbequeme Mitglieder der Ethikkommission raus.

Rätseln um Davidoff

Der mit seiner Familie in Oberwil wohnende Scala ist ein Mann mit Prinzipien. Man darf gespannt sein, wie er jetzt beim Zigarrenhersteller Davidoff agieren wird, wo er seit kurzem Verwaltungsratspräsident (VRP) ist und und dort Andreas Schmid ersetzte. Wie es zu diesem Revirement kam – auch CEO Hans-Kristian Hoejsgaard wurde abgelöst – wurde nicht kommuniziert. Die Firma ist sehr verschwiegen. Die bz berichtete, es habe unterschiedliche Meinungen über die künftige Strategie des Konzerns gegeben. Es seien wahrscheinlich die jüngeren Familienaktionäre gewesen, die einen Turnaround gewünscht hätten. Scala will sich zu seinen Plänen mit der Firma, die in diesen Tagen in das neue Domizil an der Nauenstrasse einzieht, noch nicht äussern. Etwas bringt er sicher mit: er ist ein Genussmensch.

Dunkle Zeiten bei Nobel Biocare

Dass es auch in einem Firmen-VR zugehen kann wie im hölzernen Himmel, kennt Scala aus eigener Erfahrung. 2006 kam Scala in den VR der schwedisch-schweizerischen Nobel Biocare. Er traf auf eine Firma in kritischem Zustand. Die Herstellerin für Zahnimplantate hatte unter Heliane Canepa ein forsches Wachstum hingelegt und wurde von der Börse gehätschelt. Doch es passierten Fehler, die von aussen zunächst nicht gesehen wurden: zu viele Akquisitionen, zu hohe Lagerbestände. Noch schlimmer: mit ihrer aggressiven Verkaufspolitik hatte die Firma ihre Kunden, die Zahnärzte, massiv verärgert.

2007 übernahm er die operative Leitung. Es sollte ein dunkles Kapitel für Scala werden. Er hatte auch nach zwei Jahren den Turnaround nicht geschafft. Mit ein Grund waren sicher auch die dauernden Auseinandersetzungen zwischen den Schweden und den Schweizern im VR. «Die Firma hatte einen Geburtsfehler», sagt ein Insider. Als Scala restrukturierte und in Göteborg 100 Stellen abbaute, sei von den Schweden als Kriegserklärung aufgefasst worden.

Scala wurde aufgerieben. Im Februar 2011 musste, wollte er gehen. Das hatte ihn persönlich mitgenommen. «Er hatte Tränen in den Augen», sagt eine Journalistin, die ihn bei seinem Abgang kurz interviewte. «Er zeigte hier seine emotionale Seite.» Zu seiner Zeit bei Nobel Biocare will er sich heute nicht mehr äussern.

Ein schwacher Trost für Scala, dass seine Nachfolger ebenfalls glücklos blieben. 2014 wurde Nobel Biocare vom US-Konzern Danaher zu einem Preis von 2,2 Milliarden Dollar übernommen. Wenige Jahre zuvor hatte die Firma noch einen Börsenwert von acht Milliarden.

Interessant ist ein Blick auf den Basler Konkurrenten Straumann. Dort wurden strategische Kurskorrekturen umgesetzt, die ursprünglich auch bei Nobel Biocare vorgesehen waren, nämlich den Einstieg in das preisgünstigere «Value»-Segment und die von Scala begonnene Digitalisierung der Produktionsprozesse (Cadcam etc.). Die wichtige Figur bei Straumann heisst Petra Rumpf. Zur Firma stiess sie vor zwei Jahren – von Nobel Biocare. Sie leitet sehr erfolgreich den Value-Bereich Instradent von Staumann, u.a. mit den Firmen Medentika und Neodent.

Im Dienst der Regio-Wirtschaft

Scala ist auch Präsident der Standortförderung Basel Area. Kollidiert dieses öffentliche Amt nicht mit seinen privaten Interessen als Mehrfach-VR? - Nein, heisst es dort. Für diese Funktion wurde jemand gesucht, der sehr viel praktische Erfahrung eben gerade aus der Wirtschaft mitbringt, regional gut vernetzt ist und die regionale Wirtschaft, Life Science und Medtech aus dem ff kennt. Beispiele? Er ist VRP der Jungfirma Basilea Pharmaceutica mit 230 Angestellten, die forscht, aber erst wenig Umsatz macht. Er ist VRP der BAK Basel, die neben Konjunkturprognosen auch regionale Quervergleiche («Benchmarks») und Branchenstudien erstellt. Er befasst sich intensiv mit der Digitalisierung der Industrie und deren Folgen für die Region. Und er weiss, dass auf die hiesigen Spitzenkonzerne riesige Herausforderungen zukommen. Er nimmt kein Blatt vor den Mund: «Vielleicht heisst die nächste grosse Pharmafirma Google», meinte er Anfang Jahr provokativ in einem bz-Interview.