Es war ein furchtbarer Knall, der am Mittwoch, 10. August 1927, Basel erschütterte. Wie die «Neue Zürcher Zeitung» kurz darauf berichtete, habe ein Unbekannter zwischen 8.35 und 8.40 Uhr abends in einer Telefonkabine im Wartesaal des Tramhäuschens am Barfüsserplatz eine Bombe gelegt.

«Gegen fünfzehn Personen, darunter hauptsächlich Kontrolleure und Billetteure der Basler Strassenbahn, wurden mehr oder weniger schwer verletzt», so die «NZZ». Einer der Verletzten verstarb wenig später. Wartehalle, Telefonkabinen und Stationsbüro wurden zerstört.

Anschlag war ein Tabubruch

Die Bombenleger von 1927 sind bis heute nicht ermittelt. Das Attentat gehört zu den ungeklärten Fällen der Basler Kantonspolizei, die dieses Jahr ihren 200. Geburtstag feiert. Dabei war der Anschlag ein Tabubruch. Es sei das erste Mal, dass in der Schweiz bei einem Bombenanschlag ein Mensch ums Leben gekommen sei, so die «NZZ» damals. «Wohl hat sich die Bundesanwaltschaft seit dem Erlasse des Sprengstoffgesetzes von 1894 mit rund 90 Sprengstofffällen zu befassen gehabt (...), aber keines unter den bisherigen Delikten reicht in seinen Folgen an die Grausamkeit des Basler Attentats heran.»

Beim Anschlag habe es sich wohl um einen Racheakt gehandelt, spekulierte die Presse. Denn die Basler Strassenbahnen hätten sich geweigert, ihren Betrieb einzustellen – aus Solidarität mit einer Protestkundgebung, die am selben Tag auf dem Barfi stattfand.

Protest gegen Todesurteil

Die Demonstration war eine der grössten, die Basel bis anhin erlebt hatte. Über 12 000 Personen hatten sich an jenem 10. August 1927 auf dem Barfüsserplatz versammelt, um gegen die für diesen Tag angesetzte Hinrichtung der beiden italienischen Anarchisten Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti in den fernen USA zu protestieren.

Die beiden waren 1921 wegen eines in Massachusetts verübten Raubmordes schuldig gesprochen und 1927 zum Tode verurteilt worden. Prozess und Schuldspruch erfolgten unter fragwürdigen Umständen. Die Schuld von Sacco und Vanzetti war nicht bewiesen. Da das Vorgehen der US-Behörden politisch motiviert schien, regte sich weltweit Protest. Der Fall «Sacco & Vanzetti» wurde zu einer Cause célèbre.

Als die Nachricht vom Schuldspruch bekannt wird, gehen in den USA und Europa Hunderttausende auf die Strassen. Prominente wie Thomas Mann und Albert Einstein bemühen sich um eine Begnadigung. Der Papst interveniert ebenso wie diverse europäische Parlamente. Unruhen erschüttern London und Kopenhagen. Protestzüge formieren sich in Italien, Spanien, Belgien, Portugal, Deutschland und eben auch in der Schweiz. In Paris explodiert eine Bombe vor der amerikanischen Botschaft. In Lissabon wird eine Bombe vor der Explosion entdeckt und beseitigt. Die in Basel gelegte Bombe explodiert mit verheerenden Folgen.

Der weltweite Aufschrei gegen das Todesurteil Saccos und Vanzettis nutzte nichts. Die beiden wurden am 22. August 1927 hingerichtet. Erst 50 Jahre später liess der damalige Gouverneur von Massachusetts und spätere demokratische US-Präsidentschaftskandidat Michael Dukakis Sacco und Vanzetti rehabilitieren. Dies geschah wegen schwerwiegender Verfahrensfehler während des Prozesses. Die Frage nach Schuld und Unschuld von Sacco und Vanzetti bleibt bis heute umstritten.

Politisch bewegt das Attentat Basel noch lange. Während die bürgerlichen Parteien in einem Manifest «gewerkschaftlichen Terror und revolutionäre Propaganda» für die Bombe verantwortlich machten, verwehrten sich Sozialdemokraten und Kommunisten gegen die «reaktionären Hetzer», welche den Veranstaltern der Demonstration für Sacco und Vanzetti die Schuld am Attentat zuschoben. Sie vermuteten einen «Agent Provocateur» am Werk.