Ausstellung
Als man noch an die Muba TV schauen ging

Im historischen Museum wird die Geschichte des Fernsehens und dessen Basler Beziehung lebendig.

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Schweizer Fernsehgeschichte im Historischen Museum Basel
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Machte neugierig: Der Studioeingang des Versuchsbetriebs in Münchenstein im Jahr 1952.
Mäni Weber, «begehrtester Junggeselle der Schweiz», moderierte Sendungen mit hohen Einschaltquoten.
Auch Heidi Abel war sehr beliebt, unter anderem mit «Heidi Abel sucht Plätze für Tiere» im «Karussell».

Schweizer Fernsehgeschichte im Historischen Museum Basel

SF DRS

Das Fernsehen hat unseren Alltag tiefgreifend verändert – etwa in der Art, wie wir es derzeit mit den Smartphones erleben. Das Fernsehen lässt praktisch keinen Lebensbereich aus, beeinflusst die Politik, Kultur, Lebensstil, Wissensvermittlung.

Als nach dem Zweiten Weltkrieg das Fernsehen auch breitere Schichten erreichte, löste dies im Gegensatz zur Smartphon-Manie eine breitere politische Debatte aus. TV wurde von konservativen Kreisen als schädlich und unmoralisch angesehen.

Erinnerung an Vergessenes

Eine Ausstellung im Historischen Museum Basel rollt die Geschichte des Schweizer Fernsehzeitalters auf, wirft Streiflichter ins Ausland, erinnert an Pioniertaten und Vergessenes, riskiert einen Blick in die Zukunft und untersucht die Kraft der bewegten Bilder zwischen Illusion und Wirklichkeit. Und sie stellt einen interessanten Bezug zur Region Basel dar, die eine kurze Zeit lang eine nicht unwesentliche Rolle innehatte.

Versuchsbetrieb an der Muba

Während beispielsweise der Bundesrat den ersten Schweizer Fernsehversuch in Zürich plante, entwickelte die Radio-Genossenschaft Basel ab 1951 einen eigenen Fernseh-Versuchsbetrieb. «Die Bevölkerung wäre vorerst vom Fernsehempfang ausgeschlossen, es sei denn, sie begäbe sich nach Zürich», schreibt sie an die Regierungsräte. Daraufhin erhält sie von den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Land Subventionen.

Gegen den städtischen Kredit in Höhe von 55 000 Franken ergreifen jedoch vier Basler Studenten das Referendum – und zwar erfolgreich: Die Vorlage wird am 2. März 1952 an der Urne abgelehnt.

Dennoch geht der Versuchsbetrieb während der Basler Mustermesse vom 19. bis 29. April 1952 auf Sendung, geleitet vom Radiojournalisten Heiner Gautschy (1917 - 2009), der in New York einen Kurs in Fernsehregie besucht hat. Aus einem improvisierten Fernsehstudio in Münchenstein (Bild rechts) wird das Signal per Richtstrahl zum Gempenturm übermittelt und von dort ausgestrahlt. Die Zuschauer bestaunen die Sendungen in einem auf dem Messegelände eigens errichteten Zelt.

Big Business TV-Werbung

Da private Spenden die Subventionen des Kantons Baselland ergänzen, kann die Radiogenossenschaft vom 18. Mai 1952 an ihren Fernseh-Versuch tatsächlich starten. An drei Abenden pro Woche strahlt sie ein zweistündiges Abendprogramm in die 24 «Fernsehstuben» in öffentlichen Gebäuden, Schulen und Gemeindehäusern aus. Doch das Publikum blieb aus. Aus Geldmangel schliesst der Sender am 12. Juli 1952.

Zu einem riesigen Business wurden die Sportübertragungen, zunächst für die Werbebranche, aber auch für die Vereine. Mit allen Mitteln versuchte die Werbebranche, ihre Botschaften ins Bild zu bringen. Die Fernsehverantwortlichen wehrten sich zunächst heftig gegen die Trittbrettfahrer. Um das Anbringen von Werbebannern zu bekämpfen, werden in den Anfangsjahren die Kameras an der Tour de Suisse oft erst in letzter Sekunde montiert.

Als 1976 führende Schweizer Fussballclubs, darunter auch der FC Basel, Trikotwerbung einführen, stoppt das Fernsehen seine Berichterstattung über die Spiele dieser Clubs für ein volles Jahr. Doch Kommerzialisierung des Sports setzte ihren Siegeszug fort. Eine Zweiklassengesellschaft aus Amateuren – ohne Werbeverträge – und hoch bezahlten Profis entsteht. Beim FCB war das bislang wenig bekannte Reisebüro Guarnaccia der Schnellste, der sich den prestigeträchtigen Platz auf dem Tricot sichern konnte.

Für die Ausstellung wurden hunderte von Bild-, Ton- und Filmdokumente aus SRG-Beständen gesichtet und ausstellungsgerecht aufgearbeitet. Auch ein gutes Dutzend der ersten im Handel erhältlichen Flimmerkisten sind zu sehen, mit klingenden Namen wie Crosley (1949), Motorola und Autophon (1953).

Boulevardmedien als Feind

In einem amüsanten Kurzfilm lässt sich der Kabarettist Ces Keiser von der Moderatorin Gudrun Krieger das Filmstudio erklären. Auszüge aus Protokollen belegen, dass der erste Programmchef in Zürich 16 000 Franken pro Jahr verdiente. Die Boulevardmedien schossen lange Jahre und immer wieder aus allen Rohren gegen die Langweiligkeit und Biederkeit des neuen Mediums (und neue Konkurrenz).

HMB – Museum für Geschichte, Barfüsserkirche, Dienstag bis Sonntag 10–17 Uhr, Montag geschlossen
Die Ausstellung dauert noch bis zum 8. Februar.

Das Fernsehen in Europa, in der Schweiz: Eine Chronologie aus der Frühzeit

17. Mai 1945: Die Kapitulation der deutschen Truppen. Der Moskauer MTVC nimmt als erster europäischer Fernsehsender seinen regulären Betrieb wieder auf.
September 1950: Die eidgenössische Kommission für Fernsehfragen, die auf Initiative des Post- und Eisenbahndepartements gegründet wurde, hält ihre erste Sitzung ab.
März – Juni 1951: «Télé-Lausanne» produziert, unterstützt von der Polytechnischen Hochschule Lausanne, etwa hundert Sendungen: Theaterübertragungen, Nachrichten, Dokumentarberichte. Der Testbetrieb richtet sich gegen die Zentralisierungstendenz des neuen Mediums.
Januar 1952: Der Bund bewilligt einen dreijährigen Fernseh-Versuchsbetrieb in Zürich. Die «Post-, Telefon-und Telegrafenbetriebe», PTT, übernehmen die Technik, die «Schweizerische Radio Gesellschaft», SRG, das Programm. Zusätzliche Beiträge, unter anderem vom Kanton und der Stadt Zürich, sichern ein Budget von 3,5 Mio. Franken.
April 1952: Ein Versuchsbetrieb während der Basler Mustermesse ging auf Sendung, dies trotz einem erfolgreichen Referendum gegen einen Kredit von 55 000 Franken des Kantons Basel-Stadt.
21. Dezember 1952: Das staatliche Fernsehen der DDR nimmt aus Anlass von Stalins Geburtstag seinen Betrieb auf.
25. Dezember 1952: Die «Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland», ARD, startet ein regelmässiges Fernsehprogramm.
29. August 1953: Premiere der Schweizer Tagesschau. Sie zeigt zwei Berichte: einen Beitrag über die Eröffnung des Flughafens Kloten und einen über die Radbahn-WM in Zürich-Oerlikon. Die Stimme der Sprecher ertönt aus dem Off.
1954: Die beliebte Baslerin Heidi Abel beginnt beim Fernsehen. Sie moderiert Quotenrenner wie «Ein Herz für Tiere» und Kindersendungen. Durch ein Legat Abels konnte das Ökozentrum Langenbruck gegründet werden.
25. April 1954: Erste Übertragung eines Fussball-Länderspiels: Die Schweiz spielt im St. Jakob-Stadion gegen Deutschland.
6. Juni 1954: Eurovision: Ein provisorisches Richtstrahlnetz von 6000 Kilometern Länge verbindet 44 Sender in acht Ländern: Schweiz, Frankreich, Belgien, Italien, die Bundesrepublik, die Niederlande, Grossbritannien und Dänemark.
4. Juli 1954: Das Finale der Fussball-WM wird aus dem Berner Wankdorf-Stadion in alle europäischen Länder live übertragen. Es endet mit einem Sieg Deutschlands: 3:2 gegen Ungarn.
20. März 1956: Mit einer Interpellation fordert der FDP-Nationalrat Kurt Bucher mit 19 Fraktionskollegen den Bundesrat auf, gegen das Fernsehen einzuschreiten: Die Tagesschau-Kommentare seien «offensichtlich gezielte Propaganda für den Kommunismus».
24. Mai 1956: Im Kursaal Lugano wird der 1. Grand Prix Eurovision de la Chanson ausgetragen und europaweit ausgestrahlt. Lys Assia aus der Schweiz gewinnt mit ihrem Lied «Refrain».
27. Dezember 1957: Die SRG erhält vom Bundesrat eine Fernsehkonzession für zehn Jahre und übernimmt ab 1. Januar 1958 offiziell den Fernsehbetrieb. Für die Technik zeichnet die PTT verantwortlich. Sie erhält dafür 30 Prozent der Empfangsgebühren.
4. Juli 1959: Die SRG-Generalversammlung wählt Basel zum Fernseh-Standort der deutschsprachigen Schweiz. Fünf Monate später übergeht das Post- und Eisenbahndepartement in Bern diese Entscheidung und wählt Zürich. In der Romandie fällt die Wahl auf Genf, im Tessin auf Lugano.
1963: Der beliebte Basler Moderator Mäni Weber beginnt mit der Moderation des Ratespiels «Dopplet oder nüt», welches bis 1970 im Programm ist-
1. November 1965: Die Bauarbeiten am Fernsehstudio in Zürich-Leutschenbach beginnen.
8. September 1968: Im Stadttheater Basel protestieren prominente Schweizer Schriftsteller gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei am 21. August 1968: Das Fernsehen DRS überträgt die von Theaterdirektor Werner Düggelin geleitete Versammlung direkt.
30. September 1968: Durch tägliche telefonische Befragungen erforscht die «AG für das Werbefernsehen» ab jetzt die Sehgewohnheiten des Fernsehpublikums sowie das Programm.
20./21. Juli 1969: 900 00 Fernsehzuschauer verfolgen in der Schweiz die weltweite Übertragung der ersten Mondlandung: Um 21.18 MEZ landen die Astronauten der Apollo 11 mit der «Eagle» auf dem Mond.
4. Januar 1974: Die von Roger Schawinski gegründete Sendung «Kassensturz» wird zum ersten Mal ausgestrahlt. Dank der Recherchen und Reportagen über alle Facetten des Konsums gehört «Kassensturz» noch heute zu den populärsten Schweizer Fernsehsendungen.