Der Lörracher Regionalhistoriker und ehemalige Schulamtsleiter Hansjörg Noe hat mit dem Buch «Nun kann ich darüber sprechen ...» ein eindrückliches Dokument über die Zeit des Nationalsozialismus in Lörrach verfasst. Er wertete dafür Gespräche mit Zeitzeugen, Tagebücher und autobiografische Dokumente aus.

Entstanden ist es als Auftrag des Lörracher Stadtparlaments. Bereits 2013 hatte der Historiker Robert Neisen die Zeit des Nationalsozialismus für die Stadt wissenschaftlich aufgearbeitet. Insbesondere bei der Ausstellung, die dazu im Dreiländermuseum gezeigt worden war, hatte sich gezeigt, dass es ein Bedürfnis von Zeitzeugen gab, sich zu dieser Phase der Lörracher Geschichte zu äussern.

Noe hat an dem ehrenamtlich entstandenen Buch über ein Jahr gearbeitet. Meistens dauerte die erste Befragung mehrere Stunden und er machte bis zu vier Besuche, die er protokollierte und die die Befragten gegenlesen konnten. Die meisten waren über 80 Jahre alt.

70 Jahre zeitlicher Abstand

«Der zeitliche Abstand macht es möglich, dass heute Zeitzeugen eher bereit sind, ihre Erinnerungen an die damalige Zeit mitzuteilen, und dass breitere Bevölkerungsschichten daran Interesse haben», schreiben die Herausgeber Andreas Lauble, Leiter des Stadtarchivs, und Markus Moehring, Leiter des Dreiländermuseums, in ihrer Einführung.

Bei den Lebensbildern, die entstanden, wurden Opfer und Mitläufer stärker berücksichtigt als die Täter. Es ist beeindruckend, dass sich auch Personen zu Wort meldeten, die zu ihrer damaligen Haltung stehen. So berichtet ein 89-jähriger Mann, der namentlich nicht genannt werden wollte. «Ich war gerne bei der HJ, auch beim Arbeitsdiensts, habe mich freiwillig zum Wehrdienst gemeldet. Dann im Krieg habe ich gemerkt, was mit uns gemacht worden ist. Und heute schäme ich mich».

Peter Roth (Jahrgang 1930) sieht sich zwar nicht als Verteidiger der Zeit, «aber manches muss doch wahr bleiben, was wahr ist.» Das ihm gewidmete Kapitel ist mit dem Titel «Ich kenne viele, die dabei waren und sich heute als Demokraten gebärden» überschrieben.

Abtransport der Juden gesehen

Rudolf Klauser (Jahrgang 1929) hat als Kind den Abtransport der 52 Lörracher Juden aus Lörrach gesehen. Am 22. Oktober 1940 waren 6550 Juden aus Baden, dem Saarland und der Pfalz nach Frankreich und ins Lager Gurs deportiert worden. Dem jüdischen Arzt Samuel Moses war schon im April 1933 die Zulassung von Ärzten zur Tätigkeit bei den Krankenkassen entzogen worden.

Der Vater von Ursula Straub (Jahrgang 1933) wurde verurteilt, weil er «gesinnungsmässig zu den Schweizern gehöre» und sich negativ über die Berichterstattung der NS-Presse geäussert habe, wie es im Urteil hiess. Nach dem Krieg erreichte es die Familie, dass das Urteil 1950 wieder aufgehoben wurde. Gefährlich war es auch, beim Hören des schweizerischen Senders Beromünster erwischt zu werden. Friedrich Kuhn wurde dafür zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Die Nazis versuchten, dem Sender auch mit Störsendern beizukommen.

Thematisiert wird im Buch auch die Verhaftungswelle, die nach dem Stauffenberg-Attentat gegen Hitler vom 20. Juli 1944 einsetzte – in Lörrach wurden 13 Personen verhaftet. Manche wurden nur wenige Tage im Lörracher Gefängnis festgehalten, andere landeten im KZ.

Anna Denz (Jahrgang 1923), deren Eltern zu den Zeugen Jehovas gehörten, verweigerte in der Schule den Hitlergruss. Die Eltern wurden im KZ umgebracht. Sie selbst überlebte in der Schweiz.

Das Buch besticht auch durch die zahlreichen Fotos. Eine Bildstrecke zeigt 39 Fotos von Eugen Zürcher, der als Amateur sehr professionell fotografierte.

Hansjörg Noe, «Nun kann ich darüber sprechen ...». Lörracher Hefte 22, 175 Seiten, Verlag Waldemar Lutz, Lörrach, 14.80 Euro, ISBN978-3-922107-06-4.