Ausländerdebatte
«Also mir gefällt die Schweizer Flagge»

Seconda Hürriyet Özbey kritisiert die «menschenverachtende» Kampagne der SVP. «Mich stört die böswillige Absicht, die vermittelten Feindbilder und die Ausgrenzung.»

Hans-Martin Jermann
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Es ist Wahlkampf – die SVP hat die Ausländer und die Einwanderung zum Top-Thema gemacht. Mit der von Raben, Schafen und Minarett-Raketen bekannten, provozierenden Bildsprache und ebensolchen Slogans («Schweizer wählen SVP», «Masseneinwanderung stoppen») heizen die Rechtsbürgerlichen den flauen Wahlkampf auf. Als wäre die Stimmung nicht aufgeladen genug, hat ein Vertreter der Vereinigung Secondos Plus Schweiz den Vorschlag eingebracht, die Schweizer Flagge, deren Kreuz stark an ein christliches Symbol erinnert, durch eine multikulturelle, bunte Flagge zu ersetzen. Die bz nimmt die aktuelle Ausländerdebatte zum Anlass für ein Interview mit einer jungen Basler Seconda, die nicht im Wahlkampf mitmischt: Was sagt Hürriyet Özbey, Schweizerin mit kurdischen Wurzeln, zu den SVP-Plakaten, zu Xherdan Shaqiri und zu einem Burka-Verbot?

Frau Özbey, was halten Sie von der Schweizer Flagge?

Zur Person

Hürriyet Özbey (30) kam 1991 mit Mutter und Schwester im Rahmen eines Familiennachzugs in die Schweiz. Nach einem Jahr Deutschkurs besuchte sie bereits das Gymnasium. Özbey hat an der Uni Basel Rechtswissenschaften und arbeitet nun als Juristin. Seit ihrem 18. Lebensjahr ist die in Basel wohnhafte Özbey Schweizer Bürgerin. Sie hat - wie viele Basler Einwanderer aus der Türkei - kurdische Wurzeln und gehört zur Glaubensgemeinschaft der Aleviten. Diese haben zwar den Koran als Grundlage, sie gehen aber nicht in Moscheen. Sowohl unter sunnitischen Muslimen, die in der Türkei die Mehrheit stellen, als auch unter Aleviten ist umstritten, ob sie unter das Dach des Islam gehören. Özbey engagiert sich in der Organisation Café Secondas, die Frauen mit Migrationshintergrund bei Fragen in Beruf und Alltag unterstützt und als Kontaktplattform dient. (haj)

Hürriyet Özbey: (lacht) Sie fragen mich das sicher wegen der Idee, die Flagge zu ersetzen. Also mir gefällt die Schweizer Flagge. Das Kreuz erinnert an die Geschichte der Schweiz als ein vom Christentum geprägtes Land. Als christliches Symbol – wie etwa ein Christuskreuz, das an einer Wand hängt, – nehme ich das Schweizerkreuz aber nicht wahr.

Soll die Schweizer Flagge durch eine multikulturelle ersetzt werden?

Das weisse Kreuz auf rotem Grund steht für mich nicht zur Disposition. Ich denke, bei Secondos Plus ging es nicht darum, die Schweizerfahne abzuschaffen. Soviel ich weiss, entstand die Diskussion aus der Feststellung, dass viele arabische Staaten religiöse Symbole in ihren Flaggen führen und dies auch in der Schweiz so ist. Dann wurde bemerkt, dass die helvetische Fahne aus den Farben rot, grün und gelb bestand. Es handelt sich also um ein Missverständnis.

Die SVP hat die Forderung ernst genommen und mit einer weiteren Kampagne reagiert: «Masseneinwanderer immer unverschämter»:

Es überrascht mich nicht, dass die SVP hier auf die Gegenseite reagiert und das Thema provokant aufgebauscht hat, wie es ja sonst ihr politischer Stil ist.

Was halten Sie von den omnipräsenten SVP-Plakaten «Masseneinwanderung stoppen»?

Grundsätzlich finde ich es menschenverachtend, wie die SVP beim Ausländerthema polarisiert. Anstatt sich darüber nerven, reagieren mittlerweile viele mit lustigen Gegenplakaten im Internet.

Die SBB haben am Zürcher Bahnhof die Plakate aber verboten.

Das einzelne Plakat halte ich, abgesehen vom irritierenden Inhalt, nicht für problematisch. Deren Häufung an Bahnhöfen hingegen schon. Die Plakate könnten auf Reisende aus dem Ausland oder auf hier lebende Ausländer beunruhigend wirken. Ich fand es angemessen, dass die SBB in Zürich auf Reaktionen aus der Bevölkerung reagiert und das Plakat aus dem Bahnhof verbannt haben. Die Plakate generell zu verbieten ist eine andere Frage. Dies muss im Kontext der Meinungsfreiheit diskutiert werden.

Vor zwei Jahren wurde in Basel ein umstritteneres Plakat der SVP verboten: Jenes mit der Burka-Frau und den Minaretten. Fühlten Sie sich durch das Plakat angegriffen?

Das nicht. Ich besuche selber keine Moscheen, von da her fühlte ich mich nicht direkt angesprochen. Allerdings spürte ich, dass ich von anderen als Angehörige dieser Religion wahrgenommen werde. Mich stören vielmehr die böswillige Absicht der SVP, die vermittelten Feindbilder und die Ausgrenzung. Das hat mit Schweizer Werten nichts zu tun.

Was mögen Sie an der Schweiz?

Ich finde die Staatsform der Schweiz toll, die halbdirekte Demokratie. In der Schweiz bestimmt das Recht das staatliche Handeln, nicht die Willkür.

Diesbezüglich wird immer wieder Kritik an der Türkei laut.

Die Türkei hat hier im Vergleich zur Schweiz einiges aufzuholen. Wer dort den Staat kritisiert, wird gleich als Verräter abgestempelt. Ein wesentlicher Unterschied zur Schweiz ist auch der Umgang mit Minderheiten: In der Türkei war es den Kurden bis vor wenigen Jahren verboten, ihre eigene Sprache zu sprechen. In der Türkei ist man sich noch nicht bewusst, welcher kulturelle Reichtum im eigenen Land vorhanden ist.

Themawechsel: Sagt Ihnen der Name Xherdan Shaqiri etwas?

Ja, das ist doch dieser Fussballer der Schweizer Nati.

Genau, beim FC Basel spielt er auch. Shaqiri, dessen Familie aus dem Kosovo stammt, hat mit seinen drei Toren gegen Bulgarien die Nati vor dem Untergang gerettet. Gleichzeitig diskutieren wir über messerstechende Kosovaren.

Ich verstehe, worauf Sie hinauswollen. Schiesst Shaqiri Tore für die Schweiz, so sind seine Wurzeln kein Thema. Es käme auch niemandem in den Sinn, wegen Shaqiris Qualitäten darauf zu schliessen, dass alle Kosovaren besonders gute Fussballer wären. Begeht ein Kosovare hingegen ein Verbrechen, so ist die Verallgemeinerung nicht weit weg vom Einzelfall: Die Kosovaren tun solche Dinge. Es ist gefährlich, die Taten einzelner einer ganzen Bevölkerungsgruppe in die Schuhe zu schieben.

Die Medien scheinen auch eine Rolle zu spielen: Darf eine Zeitung mit der Schlagzeile «Kosovare schlitzt Schweizer auf» titeln?

Die Formulierung in diesem Fall finde ich sehr primitiv. Die Frage ist eine andere: Titelt dieselbe Zeitung im umgekehrten Fall mit derselben Formulierung: «Schweizer schlitzt Kosovaren auf»? Kaum. Die Medien sollten sich bewusst sein, was solche Schlagzeilen auslösen. Sie schüren Ängste und Aggressionen.

Zur Basler Integrationspolitik: Diese ist neu stark auf die Expats, die hoch qualifizierten Einwanderer ausgerichtet. Wie finden Sie das?

Gut finde ich, dass man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Um die Einwanderer der 1970er und 1980er Jahren hat man sich nicht gekümmert. Deswegen haben wir die oft erwähnten Altlasten: Menschen, die seit 30 Jahren hier leben und für unsere Wirtschaft viel geleistet haben, aber trotzdem mangelhaft Deutsch können. Ich begrüsse, dass der Kanton bei den Expats seine Willkommensanstrengungen verstärkt hat. Zwar ist bei ihnen die Gefahr klein, dass sie das Sozialsystem belasten. Doch auch sie könnten hier Jahre in einer Parallelgesellschaft leben. Mittlerweile hat man erkannt, dass auch diese Expats – wie die Gastarbeiter vor 30 Jahren – nicht bloss ein paar Monate oder wenige Jahre bleiben und dann wieder gehen. Viele bleiben in der Schweiz.

Die Debatte um radikale Muslime ist etwas abgeklungen. Trotzdem die Frage: Sind in Basel Radikale und Hassprediger am Werk?

Diese Angelegenheit wurde im Zuge des Dokumentarfilms des Schweizer Fernsehen ziemlich aufgebauscht. Der im Film erwähnte Basler Moslem, der seine Kinder nicht in den Schwimmunterricht schickt und das Schlagen von Frauen gutheisst, ist ein Einzelfall. Er ist einschlägig bekannt. Er wird sogar von traditionellen Muslimen kritisiert.

Wie stehen Sie zu einem Burka-Verbot? Abgesehen davon, dass die Ganzkörperschleier zahlenmässig bei uns kein Problem darstellen.

Als Frau bin ich grundsätzlich gegen eine Totalverschleierung. Mich stört es, wenn eine Frau nicht als Individuum wahrgenommen wird. Das ist nicht primär eine Frage der Religion. Zudem: Mich stört ein Ganzkörperschleier in der Schweiz ebenso wie in einem muslimischen Land. Allerdings sehe ich keinen Grund, deswegen ein Verbot zu erlassen. Schwierig zu beurteilen ist auch, ob diese Frauen freiwillig einen solchen Schleier anziehen. Da gibt es vermutlich die unterschiedlichsten Facetten.