Basler Stadtgeschichte(n) – Teil 24

Alte Pläne: Eine Markhalle auf dem Rhein - weg mit der mittelalterlichen Altstadt

So sah der Plan von 1899 für das Rhein-Brücken-Project mit Markt- & Volkshalle aus.

So sah der Plan von 1899 für das Rhein-Brücken-Project mit Markt- & Volkshalle aus.

Einen kecken Plan entwarf er da, der Architekt Friedrich Keck, an der Schwelle vom
19. ins 20. Jahrhundert. Anstelle eines Neubaus der alten Rheinbrücke am bisherigen Standort schlug er vor, eine doppelte Brücke zu errichten. Auf und zwischen den beiden Brücken läge eine Markt- und Volkshalle, nutzbar für Wochenmärkte wie für Konzerte, Maskenbälle und viel mehr. Die Zeichnungen, die dem Projekt beilagen, bestechen durch die Grösse wie die Leichtigkeit des Vorhabens zugleich, und noch heute kann man sich zu Recht fragen, ob Basel da nicht eine Chance verpasst hat.

Doch die Markthalle war in Kecks städtebaulicher Vision nur eine willkommene Nebennutzung. Ihm ging es im Grunde um einen radikalen Umbau der Innenstadt. Das zeigen die schriftlichen Erläuterungen zum Projekt, die wie der Plan im Basler Staatsarchiv überliefert sind.

Weg mit der mittelalterlichen Altstadt

Die neue Lage der Rheinbrücke hätte nämlich weitreichende Folgen gehabt. Beim Grossbasler Brückenkopf wären die Baulinien im Bereich zwischen Eisengasse-Fischmarkt-Schifflände grossflächig gestrafft worden. Auf der Kleinbasler Seite wollte Keck noch mehr – den Abriss des gesamten Quartiers zwischen unterer Rheingasse, Webergasse, Ochsengasse und Klingental. Diese mittelalterliche, verwinkelte Altstadtstruktur sollte vollumfänglich durch neue Blockbebauungen ersetzt werden.

Originalton Keck: «Es verschwinden im Kleinbasel durch die Korrektion auch eine Anzahl Gässchen und minderwertiger Bauten, deren Entfernung ja schon längst aus hygienischen Gründen wünschenswert ist.»

Alte Rheinbrücke war baufällig geworden

Sein Brückenprojekt ermögliche eine Stadtsanierung, die für alle rentieren würde. Es läge im Interesse der Eigentümer, ihre «alten minderwertigen Häuser» der Rentabilität wegen abzubrechen und neue Gebäude zu erstellen. Diese würden «der Gegend zum Vorteil reichen».

Nun war Friedrich Keck ja kein Immobilienmakler, sondern interessiert an einer städtebaulichen Innovation. Er versprach sich von seiner Idee eine einfache und konsequente Lösung für das eigentliche Problem: Die alte Rheinbrücke war baufällig geworden und den Anforderungen des aufkommenden Verkehrs nicht mehr gewachsen. Genauso wenig wie die historische Baustruktur der Altstadt. Zwar bestanden zum Ende des 19. Jahrhunderts mit der Johanniter- und der Wettsteinbrücke bereits zwei Entlastungsbrücken. Doch die Achse Marktplatz-Rheinbrücke-Claraplatz diente nach wie vor als zentrale Passage. Immer mehr Fahrzeuge, Fuhrwerke und neu auch Trams quetschten sich durch die schmalen Strassen.

Entwürfe für eine moderne Stadtgesellschaft

Einen derart radikalen Umbau der (Kleinbasler) Altstadt vertrat in den Folgejahrzehnten niemand mehr. Doch die Kecksche Vision war mit ihrem Grundanliegen Teil einer langen Stadtentwicklungs-Debatte, die bis tief ins 20. Jahrhundert hinein andauerte. Und manche Visionen waren durchaus noch kecker. So zum Beispiel der Vorschlag im Gesamtverkehrsplan von 1958, den gesamten Tramverkehr in der Innenstadt unter das Strassenniveau zu verlegen. Oder der in den 1930er-Jahren entworfene Plan einer breiten Talentlastungsstrasse durch Schneidergasse und Gerbergässlein, der erst 1974 definitiv verworfen wurde.

Jede dieser Visionen war nicht nur eine technische Studie, sondern auch ein Entwurf für eine moderne Stadtgesellschaft. Ein frischer Blick auf Basels Baugeschichte, wie ihn die neue Stadtgeschichte vorhat, kann hier viel entdecken.

 

*Daniel Hagmann ist Dr.phil. Historiker / Erinnerungspfleger, Mitarbeiter am Staatsarchiv Basel-Stadt. Interessen: Regionalgeschichte, Biografie, Erinnerung, Identität, Visual history

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