Rheinhäfen
Alter Strassenbelag wird auf dem Rhein als Sondermüll verschifft

Die Rheinhäfen sind auch eine Recycling-Drehscheibe. Für die Lagerung und Behandlung von Sondermüll bedarf es umfangreicher Sicherheitseinrichtungen. Aber auch Metallschrott und Altglas werden in Birsfelden umgeschlagen.

Daniel Haller
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Der alte Belag der Reinacher Hauptstrasse wird im Birsfelder Hafen für den Weg in die Niederlande aufs Schiff verladen. Fotos: Kenneth Nars

Der alte Belag der Reinacher Hauptstrasse wird im Birsfelder Hafen für den Weg in die Niederlande aufs Schiff verladen. Fotos: Kenneth Nars

«ZH 4304» ist gesperrt. Dabei steckt auf dem Erd- und Steinhaufen in der Halle im Birsfelder Hafen nicht ein Zürcher Autokennzeichen. «ZH» heisst vielmehr «Zwischenhaufen». «Gesperrt ist er, weil derzeit die Laboranalyse läuft», erklärt Fredi Steinmann, Leiter Abwicklung Baselland und Basel-Stadt der Eberhard Recycling AG. «Analysiert wird zuerst auf der Baustelle, dann hier im Annahmezentrum und schliesslich in Holland in der Aufbereitungsanlage.»

Der Haufen 4304 stammt aus dem Areal «Alter Werkhof» in Reinach, das Eberhard derzeit saniert. Auf dem Haufen vis-à-vis liegt Koffermaterial aus Strassenbaustellen beider Basel, das mit krebserregenden polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) belastet ist. Diese waren Bestandteil älterer Asphaltbeläge und gelangten in den Unterbau der Strasse, der so zum Sonderabfall wurde. «Wer Sondermüll hört, denkt sofort an Giftfässer», meint Steinmann. «Aber wir sammeln, behandeln oder verschiffen hier nur mineralische Sonderabfälle.»

Spezielle Sicherheitsvorkehrungen

Dies ist kein Zufall: Das Klotener Familienunternehmen Eberhard wurzelt im Tiefbau und das Recycling hat nicht zuletzt zum Ziel, Baustoffe zu gewinnen. Vize-CEO Heinrich Eberhard sieht sich entsprechend als «Steinsammler». Beim Rückbau von Anlagen wie der Migrol-Tanks im Klybeck, des Hafens St. Johann oder der Deponie Kölliken ist Eberhard aber immer wieder auch mit mittel- und schwer belasteten Böden konfrontiert. Bei der Sanierung in Kölliken fördern Eberhard-Männer in Schutzanzügen in mineralischen Abfällen unter anderen Schadstoffen auch Batterien mit zentnerweise Quecksilber zutage.

Was Eberhard nicht im eigenen Netz an Aufbereitungs- und Bodenwaschanlagen in der Schweiz aufbereiten kann, geht zur thermischen Behandlung in die Niederlande. «Da werden Erde und Steine nicht verbrannt», erläutert Heinrich Eberhard. «Mit Hitze werden die Schadstoffe ausgetrieben. Nur diese werden dann verbrannt.» Das Kies hingegen landet als Rohstoff wieder auf dem Bau.

Für das Annahmezentrum für belastete Erde in Birsfelden mietete sich Eberhard bei Ultra-Brag ein. Diese durch den Hafen bedingte Firmenansiedlung war komplex. Ultra-Brag-CEO Beat Heydrich zählt die notwendigen Sicherheitseinrichtungen auf: Platzbefestigung, Ölabscheider, Schlammsammler, Wasseraufbereitung, Sprinkleranlage auf dem ganzen Platz und Glocken-Besprühungsanlage am Bagger-Greifer gegen Staub, Filteranlagen in den Baggerkabinen, Gleisentwässerung, Radwaschanlage und Benetzungsbogen für die Lastwagen. So wird das belastete Material von der Baustelle Hauptstrasse in Reinach befeuchtet an den Quai gebracht und dort in einer Mulde abgelegt, von wo der Bagger es ins Schiff befördert – immer darauf bedacht, Staub zu vermeiden.

Jährlich bearbeitet Eberhard 1 Million Tonnen kontaminiertes Material und schickt davon rund 140 000 Tonnen belastetes Erdreich zur Aufbereitung ins Ausland. Davon werden 120 000 Tonnen, also 60 bis 70 Ladungen, per Schiff transportiert. Ein grosser Teil wird mit eigenen Blockzügen oder ausnahmsweise per LKW aus der ganzen Schweiz im Birsfelder Hafen angeliefert und direkt ins Schiff umgeladen. «Bei der Sanierung St. Johann haben wir weniger als 1 Prozent per Lastwagen weggebracht», erklärt Eberhard. Dass viele über sein Geschäftsfeld die Nase rümpfen, ist ihm bewusst: «Aber all dieses Material wurde vom Schweizer Volk benutzt und dabei verschmutzt. Will man es wieder verwenden, muss man es reinigen.»

Auch Schrott und Altglas

Der Schrott, den Ultra-Brag für Stahl Gerlafingen in Birsfelden gleich neben Eberhard umschlägt, gehört ebenfalls in die Kategorie Recycling: 40 000 Tonnen kommen über den Rhein, 60 bis 80 000 Tonnen per LKW aus dem Elsass und Süddeutschland. In Birsfelden wird das Alteisen auf die Bahn umgeladen, denn Stahl Gerlafingen, das den Stahl zu 99 Prozent aus Schrott herstellt, will diesen in der Schweiz nicht auf der Strasse transportieren.

Auch in Kleinhüningen lagern am Westquai Recyclingmaterialien, darunter Altglas, das der Kran in die «Inisief» verlädt. Auf dem Schiff mieft es: Warmes Bier, abgestandener Wein, ranziges Öl und Essig dünsten aus den grünen Flaschen. Schiffer Alex Janssen hat das nicht mehr ganz neue Schiff – Baujahr 1964 – vor einem Monat gekauft. Er fuhr früher Tanker; als selbstständiger «Partikulier» ist es mit diesem Schiff die erste Fahrt: «Man nimmt an Aufträgen, was man kriegt.»

Das Altglas, das aus Reinach, Muttenz, Münchenstein und Basel-Stadt angeliefert wurde, soll nach Koblenz. Dort werden in einer Rhenus-eigenen Anlage Fremdstoffe wie Plastik, Metall oder Steine heraussortiert, teilweise von Hand am Förderband. Dann werden die Flaschen zu Granulat zermahlen und als Rohstoff an Glasfabriken verkauft. «Nach Koblenz geht nur grünes Glas», erklärt Bruno Imhof, Leiter Rhenus Port-Logistics. Weisse und braune Flaschen werden in Essen aufbereitet. «Deutschschweizer Altglas hat einen sehr guten Ruf, da beim Trennen der Farben eine gute Disziplin herrscht.»