Herzstück

Alternative Realität

«Es ist Zeit, auf der Veranda oder dem Balkon zu Hause zu sitzen und der Sonne beim Untergehen zuzusehen. Und zu träumen.»

«Es ist Zeit, auf der Veranda oder dem Balkon zu Hause zu sitzen und der Sonne beim Untergehen zuzusehen. Und zu träumen.»

Martin Dürr ist evangelischer Pfarrer und seit 2009 Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft Basel-Stadt und Baselland. Er lebt in Basel.

Wir fanden doch noch ein Ferienhaus in der Schweiz. Gross genug für den Besuch von erwachsenen Kindern und wachsenden Enkelkindern – erstaunlicherweise trotzdem bezahlbar. Die meisten Angaben der Vermieter konnten wir leicht überprüfen dank Satellitenbildern und Street View: freundliches Haus, ruhige Umgebung am Rand eines kleinen Bauerndorfs im Hinterland von Lausanne. Diese Gegend war bisher ein weisser Fleck auf meiner Schweizer Landkarte.

Hier wohnt normalerweise eine Familie mit drei Kindern. Die optimistisch mitgeschleppten zwei Papiertüten mit Büchern hätte ich mir ersparen können – unsere unbekannten Gastgeber haben eine ausgezeichnete Bibliothek. Sie sind kunstinteressiert und naturverbunden, so viel ist sicher. Beim Herumgehen im Haus – anfänglich ein wenig scheu, aber bald stellt sich ein Stück Vertrautheit ein – fallen die vielen gross- und kleinformatigen Fotos auf, die überall stehen und hängen. Hochzeit, Familienfeste und Ferien in fernen Ländern. Diese Menschen sehen sehr glücklich aus. Weil ich Romantiker und verhinderter Schriftsteller bin, male ich mir aus, dass ich sie kenne. Ich suche verwandtschaftliche Zusammenhänge in den Bildern, erfinde Geschichten, wie Freunde sich kennen gelernt haben und wie sie heute zueinander stehen.

Am Abend sitze ich auf der Veranda und schaue der Sonne beim Untergehen über der Hügelkette zu. Plötzlich kommt mir der seltsame Gedanke: Wie wäre das, wenn ich hier leben würde? Wenn dieses Haus mit seinen Erinnerungen und Geschichten mein Leben wäre? Welchen Einfluss haben Landschaft und Ausblick auf die Biografie eines Menschen? Ich bin ein Stadtmensch. Ein Leben auf dem Land kann ich mir nicht wirklich vorstellen. Aber die Aussicht, die Weite: Hat schon was. Wem die Sicht immer nur bis über die Quartierstrasse geht, der hat einen Block vor dem Kopf. Das engt den Geist irgendwann ein.

Natürlich, heute bist du dank Internet schnell überall auf der Welt. Portland, Oregon oder Hongkong: Wie schrecklich ähnlich sind die schrecklichen Bilder. Alexandria Ocasio-Cortez oder Harvey Weinstein, Rupert Murdoch oder Sarah Cooper, Holocaust-Denkmal oder Henry-Benning-Statue – auf welcher Seite stehst du eigentlich? Gehen dir Klimaschutz und Schutzmaske auf den Wecker oder hörst du einen Weckruf? Black Lives Matter – oder matte Bekenntnisse zu «irgendwie werden wir doch alle diskriminiert»?

Zu viele Fragen für eine Ferienzeit-Kolumne, ich weiss. Es ist Zeit, auf der Veranda oder dem Balkon zu Hause zu sitzen und der Sonne beim Untergehen zuzusehen. Und zu träumen. Von einem anderen Leben. Von einem neuen Anfang. Wir brauchen unerschreckbaren Mut. Wir brauchen die Fantasie der Liebe. Wir brauchen einen ganz neuen Realismus. Wer will, dass alles «normal wie früher» wird, kommt zu spät. Fotos von unserem Leben heute in zwanzig Jahren: Waren wir glückliche Menschen? Sind wir es noch oder wieder? Die Zukunft ist ein weisser Fleck auf der Landkarte des Lebens. Wir haben die Farben und Informationen, sie mitzugestalten.

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