Musiktheater

Am Basler Musikbahnhof werden grosse Reden geschmettert

Es geht um Menschenrechte, Politik, Macht und die Asymmetrie unserer Weltordnung.

Es geht um Menschenrechte, Politik, Macht und die Asymmetrie unserer Weltordnung.

Der Basler Gare du Nord zeigt das politisch-poetische Musiktheater «RedenSingen» von Till Löffler.

Der Titel ist so gemeint, wie er geschrieben steht: Hier werden Reden gesungen. Reden, die real gehalten wurden von den Wichtigen und Mächtigen dieser Welt, von Angela Merkel oder George W. Bush, von Jean Ziegler oder Greta Thunberg. Oder auch von der jugendlichen pakistanischen Aktivistin Malala Yuosafzai, die sich gegen das Mädchen- und Frauenbild der Taliban auflehnte, dafür um ein Haar umgebracht worden war und 2014 für ihr Engagement den Friedensnobelpreis erhielt.

Es geht um Menschenrechte in diesem Musiktheater, um Politik und Macht und um die Asymmetrie unserer Weltordnung. Ein Podest macht deutlich, wo oben ist, wo unten. Ein Wald aus Mikrofonen verstellt die Bühne. Darin bewegen sich in der Inszenierung von ­Ursina Greuel die Sängerin Anna Kovách, der Sänger Tamás Henter und der Schauspieler Michael Wolf. Begleitet werden sie von einer Cellistin, einem Pianisten und einem Sound-Designer, der mit Ausschnitten aus den originalen Reden die Klangcollage erweitert.

Dem deutschen Komponisten und Theatermusiker Till Löffler, der seit 2009 an der Zürcher Musikhochschule lehrt, geht es weniger um die Botschaften dieser Reden. Er will ihren musikalischen Gehalt herausmodellieren: Sprache als Musik, Rhetorik als Rhythmus. Löffler lässt die Musik unterlaufen und dekonstruiert so, was in diesen Reden als Botschaft, Sinn oder emotionale Absicht enthalten ist.

Rhetorische Meisterwerke, flapsige Statements

Dabei zitiert er nicht nur die rhetorischen Meisterwerke ambitionierter Politiker, die auf den Eingang in die Geschichtsbücher hoffen. Löffler entlarvt auch flapsige Statements, etwa eines Bill Clinton: «Ich habe nie jemanden angestiftet, für mich zu lügen.» Oder er entdeckt die musikalische Komponente in «How dare you?», der fast tonlosen, aber umso heftigeren Empörung, die Greta der UN-Nomenclatura entgegenschleuderte.

Die Produktion, die im September im Zürcher Sogar-Theater uraufgeführt wurde, stammt vom Ensemble «Matterhorn Produktionen» um Ursina Greuel und Guy Krneta. Sie passt bestens in die aktuelle Reihe «Musiktheaterformen» des Gare du Nord. Der Basler Musikbahnhof tut sich seit Jahren immer wieder damit hervor, die Möglichkeiten des Musiktheaters bis in seine extremsten Formen auszuloten und den Künstlern eine Plattform für ihre experimentellen Ideen zu bieten.

So blubberten kürzlich im alchemistischen Musiktheater des Italieners Stanislas Pili zu einem wilden musikalischen Stilmix die farbigsten Tricks, die sich ein Chemie-Herz ausdenken kann. Und im Dezember wird das Musikkabarett «no pills» von Isabel Klaus zu sehen sein. «RedenSingen» ist vergleichsweise traditionelles Theater mit klaren Stellungnahmen zu den virulenten Fragen, wie die Menschen dieser Welt miteinander umgehen – 80 «aufschlussreiche und poetische» Minuten, wie Radio SRF 2 fand: «Ein Stück das aufrüttelt, die Sinne schärft und ­relevante Fragen aufwirft.»

«RedenSingen». Gare du Nord, 18.–20. November 2020, jeweils 20 Uhr.

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