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Am Ende der Tradition: Randerscheinung Studentenverbindungen? Ein Sittenbild in drei Akten

Die Alemannia ist eine schlagende Verbindung: Altherrenpräsident Urs Bienz und Ferienpräsident der Aktivitas Sebastian Perrig im Stammlokal.

Die Alemannia ist eine schlagende Verbindung: Altherrenpräsident Urs Bienz und Ferienpräsident der Aktivitas Sebastian Perrig im Stammlokal.

Studentenverbindungen sind immer mehr eine Randerscheinung. Die Zeiten sind vorbei, in denen fast jeder Student Mitglied einer Verbindung war. Aber die Akademische Turnerschaft Alemannia Basel hält die Fahne der Traditionen seit genau 200 Jahren hoch. Wie zeitgemäss sind die Verbindungen noch?

Zu zweit sitzen die Verbindungsbrüder an ihrem Stammtisch im Basler Restaurant Löwenzorn, vor ihnen der Schläger – die Waffe, mit der schlagende Verbindungen ihre Fechtpartien austragen. Das rot-weiss-schwarze Band am Oberkörper und die ebenso eingefärbte Mütze auf dem Kopf verraten dem Kenner: Hier sitzen zwei Mitglieder der Akademischen Turnerschaft Alemannia Basel. Den Laien mutet der Anblick eher antiquiert an, die Mütze erinnert an frühere Zeiten, die Farbenkombination weckt beim Einen oder Anderen vielleicht Erinnerungen an die Flagge des Deutschen Kaiserreichs, die von den Nationalsozialisten nach dem Zerfall der Weimarer Republik wieder zum Leben erweckt wurde. Das Zusammensein der Verbindungsmitglieder ist gespickt mit Ritualen, alten Traditionen und spielerischen Abläufen. Doch wie ernst sind diese Umgangsformen zu nehmen? Und sind sie überhaupt noch zeitgemäss?

Die zwei Herren am Tisch sind Urs Bienz, Präsident der alemannischen Altherrenschaft, und Sebastian Perrig, Ferienpräsident der Aktivitas. Die Aufteilung in Altherrenschaft und Aktivitas erfolgt strikt: Nach Abschluss des Studiums wird der Bursche zum Alten Herren – die Zeiten des Fechtens sind vorbei, das Zeitalter des Goldesels beginnt. «Eigentlich sind wir zwei Vereine in einem», sagt Urs Bienz. Während die Aktivmitglieder die Verbindung leiten, Anlässe organisieren und Neumitglieder ausbilden, sind die Altherren vor allem um die Finanzierung der Burschen besorgt. Als Student verdiene man schliesslich noch nicht genug, um sich die Reisen zu den nationalen und internationalen Anlässen leisten zu können, so Bienz.

Momentan hat die Alemannia acht aktive Mitglieder. «Heute Abend besucht uns aber ein Spefuchs», sagt Präsident Bienz erfreut. Spefüchse sind Studenten, die Interesse an einer Verbindung bekunden und den Treffen vorerst als Gäste beiwohnen. Mit dem Beitritt werden sie zum Fuchs, und damit beginnt offiziell ihre Ausbildung. Für diese sind dann insbesondere drei Personen zuständig: Der Fuchs sucht sich einen Leibburschen aus, ein Pate sozusagen. «Der Leibbursche begleitet seinen Fuchs bis zum Ende der Ausbildung und darüber hinaus. Aus den Leibverhältnissen entwickeln sich oft sehr enge Freundschaften, die fürs Leben halten», sagt der Bursche und Ferienpräsident Perrig.

Akt 1: Die Regeln des Zusammenlebens

Diverse alte Aufnahmen aus dem Archiv von Lukas M. Stoecklin. Der Basler hat während fast sieben Jahrzehnten dem Abriss geweihte Gebäude und Anlagen fotografiert.

Eine historische Aufnahme einer Basler Studentenverbindung von Lukas M. Stoecklin.

Diverse alte Aufnahmen aus dem Archiv von Lukas M. Stoecklin. Der Basler hat während fast sieben Jahrzehnten dem Abriss geweihte Gebäude und Anlagen fotografiert.

Die anderen beiden Leitfiguren während der Ausbildung sind der Fuchsmajor und der Fechtlehrer. Ersterer ist für die Einführung ins Verbindungsleben zuständig. In Lektionen lehrt er den Füchsen alles, was zur Vollmitgliedschaft notwendig ist. Dazu gehören unzählige Regeln, die genaustens vorschreiben, wie das Zusammenleben innerhalb der Verbindung auszusehen hat. Perrig ist ein grosser Fan der Vorschriften: «Regeln sind etwas Tolles. Sie geben einem einen Rahmen, in dem man sich entfalten kann». Seiner Meinung nach sind Regeln auch ausschlaggebend für den respektvollen Umgang miteinander. Bevor ein Fuchs endgültig aufgenommen und zum Burschen wird, muss er sich neben den Regeln und Umgangsformen vor allem Wissen über die Strukturen der Verbindung und über deren Geschichte aneignen.

Diese beginnt in den frühen Jahren des 19. Jahrhunderts. 1819 bildeten Basler Bürger und Studenten den Turnverein Basel. Rund dreissig Jahre später erfolgte die Spaltung – die Studenten hoben sich zum Akademischen Turnverein Basel ab. 1885 nahm der Verein dann jene Struktur an, die er heute noch besitzt: Auf Wunsch vieler Mitglieder vollzog die Vereinigung den Wandel zur Lebensverbindung – eine, in der man bis zum Austritt oder Tod bleibt. Dies habe Konsequenzen nach sich gezogen, wie Bienz erzählt: Die Studenten, welche vorher schon Mitglied einer Verbindung gewesen waren, mussten sich nun zwischen den zwei Verbindungen entscheiden. Eine gleichzeitige Mitgliedschaft in zwei Studentenverbindungen sei nämlich bis heute nicht möglich: «Man wäre nur hin und her gerissen. Rein vom Zeitaufwand her wäre es nicht möglich», so Perrig.

Was die Farben der Bänder betrifft, gibt Bienz Entwarnung: Schwarz-weiss stehe für die Stadt Basel, rot-weiss für die Schweiz. In den 24 Jahren, während derer Bienz schon Mitglied der Turnerschaft ist, habe sich vieles verändert: «Die jungen Neumitglieder bringen immer wieder frischen Wind in die Verbindung», sagt Bienz. So bleibe die Alemannia keineswegs einfach in alten Zeiten stehen, sondern entwickle sich genauso wie der Rest der Gesellschaft weiter. Früher sei beispielsweise alles viel förmlicher gewesen, man habe nach dem Kennenlernen noch lange Zeit Distanz wahren lassen. Heute sei es hingegen nicht unüblich, einen Altherren nur kurze Zeit nach dem ersten Treffen zu duzen.

Trotzdem halten die Alemannen die Fahne der Traditionen hoch: «Traditionen sind der Grund dafür, dass wir heute so sind, wie wir sind.», sagt Perrig. Und total verkehrt können die Traditionen nicht sein – schliesslich habe sich unsere Gesellschaft bisher nicht in eine so schlechte Richtung entwickelt. Während sich über dies wohl streiten liesse, ist auch fraglich, ob denn gerade das Aufrechterhalten der Traditionen für das Produkt verantwortlich ist oder nicht eher die Weiterentwicklung, das ständige Abwägen und auch Fallenlassen von Gepflogenheiten. Grundsätzlich hat auch Perrig nichts gegen eine kritische Haltung einzuwenden: «Man sollte jede Tradition hinterfragen», sagt er. Eine der Traditionen, die den Alemannen nicht erhalten geblieben ist, ist die des Turnsports: Zwar besuche die Verbindung immer noch jährlich das eidgenössische Turnfest, regelmässige turnerische Betätigung sei aber kein Thema mehr. Einen Ersatz haben die Aktivmitglieder der Studentenverbindung schon längst gefunden: Seit 1893 ist die Alemannia nämlich pflichtschlagend; Fechtstunden sind für Aktivmitglieder ein Obligatorium.

Zu den Herren Bienz und Perrig haben sich im Löwenzorn längst andere Verbindungsbrüder gesellt. Mehr als zehn Altherren und Burschen sitzen um den Stammtisch und prosten sich zu. Unter ihnen befindet sich Thomas Schaad, der schnell auf eine der Hauptbeschäftigungen der pflichtschlagenden Verbindungen zu sprechen kommt: das Fechten. Schon in der frühen Ausbildungszeit haben die Füchse ein intensives Fechttraining zu absolvieren: Viermal in der Woche treffen sie sich eine halbe Stunde, um sich die psychischen und physischen Voraussetzungen anzueignen, die es für einen «Ernstkampf» braucht. Das Fechten – oder auch «Pauken», wie es in Insiderkreisen genannt wird – besitzt einen hohen Stellenwert in schlagenden Verbindungen. Es sei aber nicht ein Kräftemessen oder Duell im sportlichen Sinne, sondern vielmehr eine Lebensschule: «Man ficht nicht gegeneinander, sondern gegen sich selbst», so Präsident Bienz. Seinen Gegner besiegen könne man somit auch nicht. Entscheidend seien lediglich die technisch saubere Ausführung der Hiebabfolgen, die Körperhaltung und das Beweisen von Mut.

Akt 2: Wenn eine Entschuldigung nicht ausreicht

Einer der grossen Auftritte der Studentenverbindungen: Der Dies Academicus der Universität Basel.

Einer der grossen Auftritte der Studentenverbindungen: Der Dies Academicus der Universität Basel.

Nach der Fechtpartie entscheiden die Verbindungsbrüder, ob die Anforderungen erfüllt wurden. Zentral für die erfolgreiche Absolvierung einer Fechtpartie ist auch die Überwindung. Die Opponenten versuchen nämlich nicht wie im Sportfechten, mit geschickter Beinarbeit und Ausweichmanövern zu agieren, sondern haben an Ort und Stelle zu stehen. Schon ein Abdrehen der nicht-schlagenden Schulter kann ein Zeichen für fehlende Standhaftigkeit und mangelnden Mut sein. Die gesamte Arbeit wird mit dem schlagenden Arm verrichtet: Er ist für Angriff und Verteidigung gleichermassen verantwortlich.

Die Fechtkunst ist aber auch zwingende Voraussetzung, um seinen Werdegang fortzusetzen. Bei der Alemannia müssen während der gesamten Studiendauer als Voraussetzung für die spätere Aufnahme in die Altherrenschaft zwei Pflichtpartien gefochten werden, normalerweise etwa im Abstand von einem Jahr. Die dritte Partie – die Kür – ist freiwillig, werde aber von den meisten Burschen bestritten. Trotz Schutzausrüstung vom Kinn abwärts und vor den Augen können Verletzungen durchaus vorkommen – und wenn, dann im Gesicht oder auf dem Oberkopf, denn das sind die einzigen Zielregionen beim Pauken. Die Pflichtpartien werden jeweils an den Treffen bestritten, die vom Schweizerischen Waffenring oder der Schweizerischen Akademischen Turnerschaft im Halbjahrestakt organisiert werden. Die Fechtkämpfe vor den Augen unzähliger Mitglieder verschiedener Verbindungen sei eine extrem emotionale Angelegenheit: «Es ist ein unglaublich erhabenes Gefühl, man fühlt sich in diesem Moment wie die wichtigste Person der Welt», beschreibt es der Alemanne Schaad.

Ausserhalb der Pflichtpartien findet die Fechtkunst vor allem bei der unbedingten Satisfaktion Verwendung, also bei der Wiedergutmachung einer Ehrverletzung. Zumindest theoretisch: Normalerweise reiche nämlich auch schon das «unblutige» Prozedere zur Wiedergutmachung, so Schaad. Jenes spielt sich in höchstens drei Schritten ab: Im ersten Schritt kann der Ehrverletzende klarstellen, dass seine Handlung nicht als Beleidigung gemeint war. Wenn der Verletzte ihm nicht glaubt, muss eine Revokation stattfinden, also ein Zurückziehen der beleidigenden Handlungen oder Worte. Falls dies auch nicht ausreicht, folgt die Deprekation; ein Um-Entschuldigung-Bitten mit einem Ausdruck des Bedauerns. Fühlt sich das Opfer aber so stark in seiner Ehre verletzt, dass nicht einmal die Deprekation der Vergeltung Genüge zu leisten vermag, muss ein Fechtkampf stattfinden. Danach sei alles wieder in Ordnung: «Es ist wie bei Schulbuben, die Dampf ablassen müssen, einfach auf hochgestochener Ebene», sagt Schaad.

Akt 3: Von Bierstreit und Studentinnen

Bildungsdirektor Conradin Cramer mittendrin: Singen gehört seit jeher zur Tradition des Schweizerischen Zofingervereins.

Bildungsdirektor Conradin Cramer mittendrin: Singen gehört seit jeher zur Tradition des Schweizerischen Zofingervereins.

Neben Buben gehören auch Ausstudierte zu jenen Menschen, welche normalerweise nicht der alemannischen Verbindung beitreten können. Wenn ein bereits Ausstudierter aber glaubhaft machen könne, dass er wirklich unbedingt ein Alemanne werden will, dann sei eine Mitgliedschaft nicht unvorstellbar: «Es gibt immer Ausnahmen», so Bienz. Nicht jedoch bei Frauen. Diesen bleibt eine Mitgliedschaft bei der Alemannia weiterhin verwehrt: «Zwischen Männern findet einfach eine andere Art der Interaktion statt, es sind andere Themen, die einen beschäftigen», so Perrig. Für Bienz wäre besonders das Fechten ein Problem: «Stell dir vor, du stündest vor einer Frau und müsstest gegen sie pauken. Da hat man auch Hemmungen, alles zu geben.» Trotzdem stellen sie nicht das eine über das andere. Ausserhalb der Verbindung, beispielsweise an der Universität, pflege Perrig natürlich auch mit Frauen gerne Kontakt.

Ansonsten sei die Verbindung Studenten aller Konfessionen und Nationen geöffnet. Einzige Bedingung ist, dass sie an der Universität Basel oder an der Fachhochschule Nordwestschweiz studieren. Entsprechend sitzen dieses Mal am Stammtisch auch drei deutsche Verbindungsmitglieder, die beim Treffen im Löwenzorn jederzeit als Gäste willkommen sind. Sie versuchen, die hiesigen Verbindungssitten nachzuvollziehen. Vor allem was den Bierkonsum betrifft, sind jene nämlich nicht unkompliziert: Das Bierkomment – ein Büchlein, das über sämtliche Regeln und Sitten in der Kneipe informiert – sieht bei jeder Verbindung etwas anders aus. Zwar seien die Regeln sehr präzise formuliert, die Strenge der Durchsetzung obliege aber dem Ranghöchsten am Tisch, wie Bienz berichtet.

Das Ganze verläuft wie ein grosses Trinkspiel, das sich durch den ganzen Abend zieht: Trinken darf man nur zu zweit, auf einen Zug muss ein Drittel des Glases ausgetrunken werden, wer Fehler macht, wird mit Strafschlucken bestraft. Plötzlich erheben sich zwei Burschen zum sogenannten Bierstreit. Wenn dieser gefordert wird, muss angenommen werden. Das schreibt der Komment vor. Unter der Leitung eines Dritten muss das gesamte Bier so schnell wie möglich getrunken werden. Vielleicht ist es das, was Studentenverbindungen heute noch sind: ein lustiges Spiel.

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