Im Treppenhaus des Theater Basel entfährt es dem neuen Intendanten Andreas Beck: «Schwieriger Start? Ein brutaler Horror-Start ist das.» Während Wochen mussten er und sein Team zittern, ob die Sanierung des Grossen Hauses rechtzeitig zum Probenstart vom 21. September fertig sein würde. Bei den Elektroinstallationen für die Licht- und Tonanlagen sowie der Netzwerke war die beauftragte Firma massiv in Rückstand geraten (die bz berichtete). Im desaströsesten Fall hätte die heutige Opernpremiere verschoben werden müssen. Kommt hinzu, dass die aktuelle Saison 2015/16 wegen der Bauarbeiten ohnehin einen Monat später als üblich beginnen kann.

Sänger in kalten Räumen erkrankt

Auch jetzt, beim vom Hochbauamt organisierten Medienrundgang durch das Haus, gestern Mittwoch, nur einen Tag vor der heutigen Opernpremiere, wird noch immer gehandwerkt, was das Zeug hält. So manche Sanierungsarbeiten werden entgegen der ursprünglichen Pläne bei laufendem Betrieb weitergehen bis Ende Jahr. Die Heizung funktionierte bis vor kurzem noch nicht; vor den neuen Damentoiletten hängt ein Absperrband. Das soll sich von gestern auf heute ändern, versichert Thomas Blanckarts, Leiter des Hochbauamts Basel-Stadt. «Sonst haben wir ein Notdurft-Problem», scherzt Beck. «Toi, toi», sagt jemand anders. «Das Publikum wird bei der heutigen Opernpremiere nichts von all diesen Problemen merken», beschwichtig später Ingrid Trobitz, Theater-Mediensprecherin.

Oder vielleicht doch? Mehrere Sänger sind während der Proben erkrankt – wahrscheinlich, weil sie sich in den ungeheizten Garderoben oder auf der zugigen Bühne erkältet haben. Beck und Trobitz hoffen inständig, dass bis heute Abend alle wieder fit sind, vor allem auch der junge Russe Pavel Yankovsky, der zum ersten Mal ausserhalb seiner Heimat auftreten soll.

Eins ist sicher: Die neue Theatercrew hat die künstlerische Leitung des Hauses zum schlimmstmöglichen Zeitpunkt seiner Geschichte übernommen. «Wir müssen nun das beste daraus machen», sagt Trobitz, selbst erkältet. Auch ihr Büro war während einiger Tage ungeheizt.

Fast so sicher wie ein AKW

Die Führung beginnt im 12. der 13 Stockwerke des Theaters. Auf dem sogenannten Schnürboden sieht man durch ein Eisengitter auf die Bühne, 26 Meter in der Tiefe. Dicke Drahtseile sind auf zahlreichen Rollen aufgespannt. Hier werden bis zu 1000 Kilo schwere Gegenstände – Teile des Bühnenbilds, Requisiten oder manchmal Menschen – rauf und runtergelassen. Da Opernsängerinnen und Sänger in der Regel nicht mit einem Schutzhelm auftreten, gelten strengste Sicherheitsrichtlinien, erklärt Joachim Scholz, Technischer Direktor am Theater Basel. Nicht auszudenken, dass jemand während einer Aufführung von einem Gegenstand erschlagen würde. «Die Sicherheitsbestimmungen sind, unübertrieben, fast so streng wie bei einem AKW», betont Scholz.

Bis Ende letzter Saison wurden die Seile noch mechanisch, teils manuell, raufgezogen und runtergelassen. Neu werde ab jetzt alles rein maschinell und computergesteuert gemacht. Mit 75 Maschinen, davon seien 53 diesen Sommer ersetzt worden. Restliche Arbeiten folgen nächsten Sommer.

Wie diese sind fast sämtliche Erneuerungen fürs Publikum nicht sichtbar. Licht, Luft, Strom und Wasser sollen besser durch neue Rohre, Leitungen und Kabel fliessen. Ausserdem ist der Erdbeben- und Brandschutz verbessert worden. Thomas Bertschmann, Abteilungsleiter der Generalplanung Grunder AG, zeigt im 11. Stock auf meterhohe grüne Metallkästen: Die neue Lüftungsanlage. In Einzelteilen zerlegt kam sie hier an und musste in einem leeren Raum aufgebaut werden.

Mehr Bein- und Ellbogenfreiheit

Der Höhepunkt des Rundgangs war schliesslich die Präsentation des erneuerten Zuschauersaals. Das Publikum darf sich auf mehr Bein- und Ellbogenfreiheit freuen. Die neuen Stühle seien auch sonst sehr bequem, lobt Beck. Und via zwei zusätzliche Zugänge sind mittige Plätze nun besser erreichbar – und verlassbar, was gerade für ältere Zuschauer wichtig sei.

Die rund 860 Klappsitze – früher waren es 1000 – sind sehr schlicht in einem gräulichen Hellbraun gehalten. Farbige Stoffe hätten schlecht zu den rötlichen Brauntönen von Boden und Decke gepasst. Nach Tests mit mehreren Farben habe man sich für diese schlichte Variante, passend zu den Wänden, entschieden, sagt der Architekt Werner Hartmann.

Das Premierenpublikum bekommt heute Abend Gelegenheit, die Bequemlichkeit der Sitze ausgiebig zu testen: Mussorgskys Oper «Chowanschtschina» dauert 3,5 Stunden. Und das Theaterteam wird nach Wochen, ja Monaten, endlich aufatmen können, wenn alles gut über die Bühne läuft.

Das Drama geht weiter

Allerdings: Die Sanierungsarbeiten der Bauetappe vom nächsten Sommer sind wieder sehr knapp kalkuliert. Das Drama am Theater Basel hört nicht auf, ob vor oder hinter der Bühne, ob bewusst inszeniert oder nicht. Vorerst wünschen wir: Toi, toi, toi!