Während viele schon einmal eine der beliebten Sofalesungen besucht haben, Lesungen, die in privaten Häusern und gemütlicher Atmosphäre stattfinden, sind die Rooftop-Readings noch etwas weniger bekannt. Dies, obwohl die Wahl des Ortes, hoch über den Dächern der Stadt, schwer zu toppen ist.

Kunst so nahe am Himmel, wir kennen es vom Silo-Kino, wenn es einem denn einmal wieder gelingt, einen der raren Plätze zu ergattern, hat etwas Erhebendes, Befreiendes. Ist der Körper in höchster Höhe, so klebt auch der Geist nicht so sehr an den eigenen kleinen Sorgen und es lässt sich leicht eintauchen in literarische Welten anderer.

Wie Nacht uns verändert

Das Über-den-Dächer-Sein passt auch hervorragend zu der Meta-Ebene, die einer der drei Gäste der diesjährigen ersten Rooftop-Lesung, der Kulturanthropologe Michel Massmünster in seinem Buch «Im Taumel der Nacht» eingenommen hat. Während es langsam Nacht wird über Basel, liest Massmünster auf dem Dach der Bungestrasse 28 atmosphärische Texte aus seiner Auseinandersetzung damit, wie die Nacht den Menschen verändert.

Ein Buch, das gleichzeitig so sinnlich wie reflektiert ist, dass man denkt, das Wissenschaftliche und das Literarische hätten sich darin nicht nur getroffen, sondern bei einem Long-Drink auch hervorragend verstanden.

Weiter lesen die Basler Autorin Venus Electra Ryter, deren Textsammlung «Alles ist sehr einfach» kürzlich herausgegeben wurde und Lucien Haug, Autor und Dramaturg, bekannt für seine Arbeit am Jungen Theater Basel. Gemeinsam eröffnen die drei die diesjährige Rooftop-Lesereihe.

Warum haben die Organisatorinnen Sarina Scheidegger und Nora Locher die Dächer für Lesungen ausgewählt? Die Idee sei gewesen, Literatur eine neue, andere Plattform zu geben und die Texte aus den altbekannten Räumen zu befreien, sagt Scheidegger. Es sei Ihnen auch wichtig gewesen, ein gemischtes Publikum anzusprechen. «Die Stimmung ist natürlich schon eine ganz andere, ob du vor einer weissen Wand liest oder unter dem freien, weiten Himmel», sagt Locher.

Da es sich um private Dächer handle, komme man durch die Lesungen auch an Orte, die man vorher nicht kannte, das könne verblüffend schön oder sogar skurril sein. Die Stimmung sei oft persönlich und heiter. «Over the river under the sky» heisst das Motto. Es gibt eine Bar, einen Apéro und einen Büchertisch.

2015 fand die Lesereihe auf fünf verschiedenen Basler Dächern statt, jeweils drei bis vier Autorinnen und Autoren lasen aus ihren Texten. 2016 veranstaltete Scheidegger ein Rooftop- Reading in Buenos Aires.

Dieses Jahr startet die erste Lesung heute Freitag, 14. Juli, an der Bungestrasse 28, um 19 Uhr. Am 22. August wird die nächste Lesung in der Innenstadt stattfinden. Fans von Veranstaltungen auf Dächern können sich ausserdem den 26. August vormerken. Dann findet der sogenannte Basler Rooftopday statt.