An die Fasnacht zu gehen, ohne eine Plakette zu tragen, gehört zu den absoluten «No-gos» in Basel. Wer sich dennoch erdreistet, «die drey scheenste Dääg» plakettenlos zu feiern, wird zum «Stopfen» freigegeben: Dem Schuldigen wird die Kleidung mit Händen voll «Räppli» gepolstert.

Um herauszufinden, wie gefährlich es an der Fasnacht wirklich zu- und hergeht, mache ich mich auf, um selber Opfer einer «Stopf»-Attacke zu werden. Tatort ist der Cortège am Montagnachmittag, eines der grossen Highlights der Basler Fasnacht. Meine Plakette trage ich (so viel Anstand behalte ich bei) gut versteckt unter meiner Jacke. Damit bin ich ein dankbares Ziel für jeden herumwütenden Waggis in der Stadt.

Verkaufszahl ist ein Geheimnis

«Me het e Blaggedde» lautet das Motto unmissverständlich. Vor allem am Bahnhof standen sich die Verkäufer in den letzten Wochen gegenseitig auf den Füssen, um mit mahnendem Blick sicherzustellen, dass auch ja an keinem Mantelkragen die bronzene, silberne oder sogar goldene Plakette fehlt.

Trotzdem scheinen viele Fasnachtsbesucher ihre Plakette erst auf den letzten Drücker zu kaufen. Zum Beispiel bei Pascal Galland, der am Barfüsserplatz einen kleinen Stand betreibt. «Es läuft tipptopp», sagt der Obmann der WWWaggis. Wie viele Plaketten er schon losgeworden ist, will er erst nicht sagen, weil das Fasnachts-Comité traditionell ein Geheimnis aus den Verkaufszahlen macht. Dann rückt er es aber dennoch raus: über tausend Stück.

«Am meisten Spass macht es, den Ausschnitt zu stopfen»

Unterwegs treffe ich drei Mädchen, die sich gerade die Räppli aus den Kleidern schütteln. Laura, Louisa und Gabrielle tragen keine Plakette und wurden gerade gestopft. Den 15-jährigen Schülerinnen ist es aber egal – eine Blume haben sie trotzdem gekriegt. Während sie lachend davonziehen, wird mir klar, dass dieses Schicksal schon bald auch mir droht.

Da treffe ich auch schon auf Markus Rüegger, der mit seinem Freund einen Einkaufswagen mit einem grossen Sack schwarzer Räppli durch die Menge schiebt. Die beiden zeigen auf ein Opfer, nicken und drücken ihm von hinten Räppli in die Jacke.

«Am meisten Spass macht es, diese in den Ausschnitt zu stopfen», sagt der 14-Jährige mit der markanten Waggis-Larve. «Wenn mir grad jemand sagt, dass jemand ohne Plakette unterwegs ist, stopfe ich den natürlich. Aber sonst schaue ich nicht jedes Mal.» Zum Schluss kriege auch ich meine Ladung ab. Ich protestiere nicht – der Jungfasnächtler macht schliesslich nur seinen Job.

Stopfen ist keine Strafe

Es fällt auf, dass ich als Nicht-Plakettenträger in der Minderheit bin. Ob nun beim Verkehrspolizisten, Wurstverkäufer oder asiatischen Touristen mit grossen Kameras: An den meisten Fasnachtsbesuchern ist bei näherem Hinschauen eine Plakette zu erkennen.

Jene, die keine tragen, sind oft Auswärtige, wie Rolf Laubacher aus Zürich. Er ist zum ersten Mal an der Basler Fasnacht und findet den Cortège «überwältigend». Dass er sich ohne Plakette zum gefundenen Fressen für die Waggis macht, weiss er nicht. Er verspricht jedoch, sich noch eine zu kaufen.

«Eine offizielle Haltung zum Stopfen gibt es nicht», erklärt Andreas Albrecht vom Fasnachts-Comité lachend. «Es ist keine Strafe, es gehört einfach zum Spiel», meint er weiter. Der Verkauf der Plaketten sei auch dieses Jahr wieder hoch erfreulich gelaufen. Für die Fasnacht ist das überlebenswichtig, denn schliesslich sichert der Plakettenverkauf das Comité finanziell ab.

Räppli in allen Regenbogenfarben

Dann ist es auch für mich so weit. Ich stelle mich an den Strassenrand und strecke meine Arme erwartungsvoll in Richtung des vorbeiziehenden Wagens. Die Waggis lassen sich nicht zweimal bitten: Gnadenlos pfeffern sie mir eine geballte Ladung weisse Räppli ins Gesicht.

Es sollte mir an diesem Nachmittag noch oft so gehen. Zurück in der Redaktion fallen Papierfetzchen in allen Regenbogenfarben aus meinen Kleidern. Beim Schreiben jucken die Räppli unter meinem Pullover. Ab jetzt werde ich meine Fasnachts-Blaggedde wieder für alle schön sichtbar tragen. Versprochen.