Dieser eine Ölscheich hätte sehr viel Geld bezahlt. Eugen Urfer liess sich trotzdem nicht überreden: «Das Schwänlikarussell verkaufe ich nicht!», sagte der inzwischen verstorbene Bahnbesitzer. Und der Scheich reiste ohne Schwäne in die Heimat zurück.

Wie auf dem Münsterplatz symbolisiert auf fast allen Plätzen der Herbstmesse mindestens ein Fahrgeschäft oder ein Stand das Gefühl, das der ganze Ort vermitteln soll. Im «Familienparadies» am Münsterplatz sind tatsächlich mehr Kinderwagen zu sehen als anderswo und Eltern, die schwärmen: «Ich war als Kind selber auf dem Schwänlikarussell.

Vorweihnachts-Geborgenheit

Der Münsterplatz vermittelt vorweihnachtliche Geborgenheit – und das Riesenrad trägt seinen Teil dazu bei. Das offizielle Wahrzeichen stand früher allerdings jahrelang am Barfüsserplatz. Dem Ort, der einst alles bot, es heute aber schwer hat, ein Gefühl rüberzubringen, das über «ich geh ne Wurst essen» hinausgeht. 

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Keine Lust auf Gedränge? Geniessen Sie die Fahrt auf dem Riesenrad in unserem 360°-Video

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Abgesehen vom Zuckerwatten- und Spielzeugstand entlang des Trottoirs bietet der Platz wenige Konstanten. Essen gibt es zwar mehr als genug und auch Bahnen und Buden stehen da, aber in was für eine Welt wirft einen der Barfi? In eine beliebige. Da ist die Kaserne greifbarer.

Grimmig, aber nicht aggressiv

Hier verkehren die harten Jungs, die Halbstarken der Gegenwart, und lassen ihre Muskeln spielen. Ein Franken pro Schlag, ein Fünfliber für sieben Schläge. Die Messeorganisatoren übertrumpfen sich jährlich mit nie dagewesenen Bahnen – doch der Boxautomat bleibt das Highlight. Während man früher fürchten musste, auf dem Platz blöd angemacht zu werden, geht es inzwischen auch abends friedlich zu. Zwar kucken manche Kerle nach wie vor speziell grimmig in die Welt, Aggressionen kommen aber kaum mehr auf.

Wo jeder ein bisschen cool ist

Martin Schütz vom Sicherheitsdepartement bestätigt das: «Aus polizeilicher Sicht gibt es bis dato auf dem Kasernenareal mit Jugendlichen keine Schwierigkeiten.» Vor zehn Jahren klang das anders. Damals lösten Ausschreitungen bei der Kaserne eine politische Debatte aus, die ein entsprechendes Gesetz hervorbrachten.

Das Wegweisungsgesetz musste dieses Jahr allerdings noch nicht angewendet werden, wie Schütz sagt: «Es sind auf der Kaserne bis jetzt keine befristeten Platzverweise ausgesprochen worden.» 

Nichts für schwache Nerven

Nichts für schwache Nerven

Wir haben eine Fahrt mit dem Kettenkarussell auf der Kaserne gewagt und wurden mit einer unvergleichlichen Aussicht belohnt.

Trotzdem, ein Kuschelplatz wie jener beim Münster ist die Kaserne nicht. Hier ist jeder ein bisschen cool, selbst die älteren Damen aus dem Quartier, die den Hobby-Boxern fasziniert zuschauen. Es ist der Platz der ewig Jungen, vergleichbar mit der Hallenmesse. Wer in den 80ern nicht schon alt war, fühlt sich dort wieder jung. Fliegender Teppich, wenn auch nicht original, und Schüttelbecher. Da wird jeder zum Teenie.

Mulmig auf Allerweltsplatz

Dieser Rausch verschwindet jedoch schon wenige Meter weiter am Messeplatz unter dem architektonischen Loch des Messebaus. Wo sich früher das Zentrum der Herbstmesse befand, trifft man nun auf einen Allerweltsrummelplatz. Da ändert auch der neue Vegetarier-Stand nichts, der als super Neuigkeit angepriesen wurde. Der Platz ist mehr Schlauch als Piazza und kein Ort, an dem man sich gern lange aufhält. Irgendwie mulmig, das Gefühl hier. Erst auf der Rosentalanlage kommt wieder Stimmung auf. Die Anlage ist das heimliche Herz der Mäss, weil sie so pur ist.

Kein Schnickschnack, ein bisschen Grusel, ein bisschen Power, ein bisschen Tradition. Dieser Mix löst Unbeschwertheit aus, Vertrauen.

Rekordhalter mit 65 Jahren Rosental-Präsenz ist klar der «Swing Up», auch wenn die Messeverantwortlichen letztes Jahr beschlossen, das Familienkarussell mache sich auch auf dem Münsterplatz gut. Nach der Irrfahrt steht es wieder, wo es hingehört. Und die Stammkunden müssen sich nicht mehr ärgern.

Eine wohlige Grundeuphorie

Ungewissheit ist ein No-Go an der Herbstmesse, das sollten auch die Verantwortlichen wissen: Wo ist sie denn, meine Lieblingsbahn? Warum steht mein Magenbrotstand nicht mehr, wo er immer war? Das muss nicht sein. Die Herbstmesse ist, zumindest für Stammgäste, Heimat. Und Heimat verändert sich nicht – im Märchen jedenfalls.

Und was ist die Herbmesse, wenn nicht ein Märchen? Jedes Mal spannend, obwohl jeder weiss, was kommt. Eine Rosentalanlage ohne «Swing Up» wäre wie ein Petersplatz ohne Käskiechli von Wacker & Schwob. Das ist keine Werbung, sondern wahr. Teufelskrallen-Balsam, Alternativschmuck, Putz-Steine und Nackenmassage-Geräte braucht es genauso wie das Käskiechli. Doch das wohlige Gefühl, das der Petersplatz mehr als alle anderen Plätze bietet, kann nur entstehen, wenn alle Sinne angesprochen werden.

Es gibt so viel zu riechen, anzufassen und zu probieren, dass eine Grundeuphorie gegeben ist. Aggressionen bleiben auch am «Petis» aus, das ist irgendwie logisch. Laut Isabelle Urfer vom «Schwanensee» gilt dies neuerdings aber für alle Plätze: «Früher war es rauer, gröber, lauter. Die Leute sind friedlicher geworden, ruhiger.» So ist das eben im Märchen.