Zahlreiche Arten

An der Uni Basel erforscht José Gilgado Tausendfüssler – und macht dabei diverse Erstfunde

Auf der Suche nach Kleingetier: José Gilgado (rechts) mit seinem Assistenten Ian Bobbitt (links) im Botanischen Garten Basel.

Auf der Suche nach Kleingetier: José Gilgado (rechts) mit seinem Assistenten Ian Bobbitt (links) im Botanischen Garten Basel.

Der Biologe José Gilgado hat zahlreiche Tausendfüssler-Arten entdeckt, die zuvor in der Schweiz nicht nachgewiesen waren. Er ist hierzulande der einzige Spezialist in diesem Fach seit Jahrzehnten.

Die schwüle Hitze, die sie umgibt, scheinen die beiden Männer gar nicht zu bemerken. Sie schieben mit ihren Pinzetten in den riesigen Pflanztöpfen im Gewächshaus des Botanischen Gartens Basel konzentriert herabgefallene Blätter zur Seite und sammeln darunter geschickt vielbeinige Wesen, die sie sorgsam in kleinen Plastikdosen versorgen.

«Das ist Cylindrodesmus hirsutus, typisch für Gewächshäuser.  Dieser hier gehört zu einer invasiven asiatischen Art, Oxidus gracilis, die sich in Gewächshäusern wohlfühlt und mittlerweile auch in Gärten ausbreitet», erklärt Ian Bobbit. Für seine Masterarbeit in Ökologie sucht er Schweizer Gewächshäuser nach Spinnen, Ameisen, Würmern, Schnecken, Asseln, Hundertfüsslern und Käfern ab – und nach Tausendfüsslern. Alle werden später an der Uni geduldig sortiert und mit Hilfe von Fachexperten unter dem Mikroskop bestimmt.

José Gilgado, sein Betreuer, hilft ihm bei der Bestimmung der Tausendfüssler «Das wird die erste Übersichtsarbeit über all die Kleinlebewesen, die sich in den Gewächshäusern der Botanischen Gärten in der Schweiz tummeln», sagt Gilgado. Noch stecken die beiden mitten in der Auswertung. Aber sie können bereits mehrere Spinnenarten, einen Pseudoskorpion und mehrere Tausendfüsslerarten vermelden, die alle bisher nie in der Schweiz nachgewiesen wurden.

Die letzte Tausenfüssler-Spezialistin starb in den 90er-Jahren

Das mit den neuen Tausendfüsslerarten ist vor allem Gilgados Leidenschaft für diese winzigen Gliederfüsser zu verdanken. Regelmässig findet er neue Arten, von denen man noch gar nicht wusste, dass sie in der Schweiz überhaupt vorkommen, so genannte Erstnachweise. Sechs Arten hat er in den gut zwei Jahren, in denen er an der Uni Basel tätig ist, bereits  erstmals nachgewiesen.

Aber das sei, so findet er bescheiden, weniger spektakulär, als es auf den ersten Blick scheinen mag. «Es hat auch wirklich schon sehr lange keiner mehr gezielt nach Tausendfüsslern gesucht. Ich bin seit Jahrzehnten der erste Spezialist auf diesem Gebiet. Die letzte Tausendfüsslerspezialistin der Schweiz, Ariane Pedroli-Christen, ist in den 1990er Jahren verstorben – und auch sie war damals landesweit  die einzige Expertin», räumt er ein.

Auch in Spanien, wo er vorher tätig war, war Gilgado lange der einzige

Dass er Entomologe werden wollte, war für ihn schon immer klar, das mit den Tausendfüsslern allerdings nicht. Zum Glück hätten die Eltern das von Anfang an unterstützt und seine Bibliothek willig mit Bestimmungsbüchern gefüllt. «Als ich mit zehn dann unbedingt eine Tarantel haben wollte, hat meine Mutter mir die gekauft. Ich habe ihr trotz meiner Begeisterung angemerkt, wie viel Überwindung es sie gekostet hat», erinnert sich Gilgado.

Im Studium konnte er sich noch nicht auf eine Tiergruppe festlegen und arbeitete mit, wo immer man ihn brauchte. Für seine Abschlussarbeit an der Universität von Alcala untersuchte er schliesslich Lebensgemeinschaften an Geröllhängen.

Zur Bestimmung vieler Arten war er dabei auf die Hilfe erfahrener Kollegen angewiesen. Die Tausendfüssler bereiteten am meisten Schwierigkeiten – es gab in ganz Spanien niemanden, der sich damit auskannte. Teilweise sind die entscheidenden Merkmale nur mit viel Erfahrung unter dem Mikroskop zu erkennen, so dass ein Bestimmungsbuch allein nicht weiterhalf.

Tausendfüssler sind wichtig für die Humusbildung

Schliesslich bot ein dänischer Entomologe Hilfe an – allerdings hatte er keine Zeit, die Bestimmung selbst zu übernehmen. Henrik Enghoff  versprach, ihm das Nötige beizubringen, wenn er einige Wochen nach Dänemark kommen würde.  Dort zog es ihm dann den Ärmel hinein: 11000 verschiedene Tausendfüsslerarten – und kaum Spezialisten dafür?

«Das war mir unbegreiflich. Tausendfüssler sind so vielfältig. Und so wichtig für die Humusbildung. Sie können ihre Aufgabe sogar dort noch erfüllen, wo Regenwürmer nicht leben können, weil es für sie zu trocken ist.» Sie zerkleinern die abgestorbenen Blätter und Pflanzenreste und tragen sie tiefer in den Boden, wo kleinere Bodenorganismen sie weiter aufschliessen.

Tausendfüssler sind zudem ausgesprochen ortstreu

«Sie legen keine grossen Strecken zurück. Daher sind die meisten Arten an bestimmte Vorkommen gebunden. Das geht so weit, dass man anhand der Tausendfüsslervorkommen sogar die Kontinentaldrift nachvollziehen kann. Das sind doch einfach geniale Tiere!» findet er. 

Gerade erst hat er ein Projekt abgeschlossen, in dem er mit Spezialisten für Insekten Spinnen und Würmer eine Art Mikrozensus in Basler Gärten gemacht hat – Erstfunde natürlich wieder inklusive. Er erinnert sich schmunzelnd: «Ich konnte damals noch sehr wenig Deutsch. Trotzdem versuchte ich tapfer, mit den Gartenbesitzern, meist sehr netten älteren Menschen,  zu kommunizieren.» Erst viel später habe er herausgefunden, dass es nicht angebracht sei, einfach alle Leute konsequent zu duzen.

Und Freizeit oder Arbeit – er kann das Suchen nach den vielbeinigen Lebewesen nur schwer bleiben lassen. Das bringt ihm manchmal auch wohlmeinenden Spott ein, wie er selbstironisch erzählt: Seine Partnerin frage bei seinen Vorschlägen für Reiseziele automatisch, welche Arten er dort wohl zu entdecken hoffe. Sie trägt seine Leidenschaft für Tausendfüssler mit Humor. Denn sie weiss: Er kann nicht anders.

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