Es gibt einen Tag im Jahr, da werden die Fährifrauen und -männer dieser Stadt offiziell an Land gespült. Jeweils am Tag der Mitgliederversammlung des Fährivereins. Dann nehmen sie Platz an einer schön gedeckten Tafel und lauschen dem Jahresbericht des Präsidenten, bevor sie in die Köstlichkeiten auf ihrem Teller stechen dürfen. Am Donnerstag tun es ihnen etwa 110 der 4000 Mitglieder gleich. Sie wollen sich das Fährimähli auf keinen Fall entgehen lassen. Etwa Erwin aus Arlesheim, der seine Ferien im Tessin abgebrochen hat, um beim Dinner im Konferenzraum des Hotel Radisson Blu dabei zu sein.

Zwischen Hauptgang und Dessert sagt er: «Auf der Fähri bin ich befreit von Stress, von diesem durchgetakteten Leben. Da geht alles gemächlicher zu und her.» Die Basler Fähren unterstützt Erwin auch tatkräftig. Nicht nur mit seinem jährlichen Mitgliederbeitrag. Fährimaa Alex berichtet, dass Erwin ihm eine edle Peugeot-Pfeffermühle geschenkt habe, nachdem er sich mit dem rudimentären Streuer an Bord der Vogel Gryff nicht habe anfreunden können.

Fährimaa Remy und Hampe Wessels.

Fährimaa Remy und Hampe Wessels.

Wessels lacht Buh-Rufe weg

Wann immer Erwin in der Stadt ist, verbindet er den Ausflug mit einem Hin- und Zurück auf einer der vier Fähren. Mindestens. Wie lange er schon beim Verein dabei sei, wisse er nicht. Länger als Carl Miville aber sicher nicht. Der Basler Alt-Ständerat, der in diesem Sommer seinen 96. Geburtstag feiern wird, ist das dienstälteste Mitglied. «Seit 43 Jahren schon», sagt er mit wachem Blick. Und er habe noch kein Fährimähli ausgelassen. «Der Fähriverein engagiert sich für echtes Basler Kulturgut. Man vergisst, wie viele Menschen sich ehrenamtlich engagieren, damit das auch so bleibt.» Anerkennendes Nicken von Hampe Wessels. Der Bau- und Verkehrsdirektor sitzt am selben Tisch wie Miville. Er ist das erste Mal am Fährimähli, und er lacht sein berühmtes Lachen, als er bei der Vorstellungsrunde von den Mitgliedern verhalten ausgebuht wird. «Ist doch gut, wenn man polarisiert», sagt er, und spült den Moment mit einem Schluck Bier weg. Später wird er von Remy, dem Kapitän der Ueli-Fähri, getröstet: «Die haben nicht gebuht, das war höchstens ein Räuspern!»

Auch Tourismusdirektor Daniel Egloff ist da. Er wird begeistert beklatscht. Remy klopft ihm auf die Schulter und meint, er solle doch mithelfen, ein Fährifest zu organisieren. «Du hast gutes Karma und gute Leute.» Familien, sagt Remy, sollen die Hauptzielgruppe des Festes sein. «Unsere Mitglieder sterben bald aus, es braucht Nachwuchs.» Darum wohl wird an diesem Abend die Marketing-Frau Martina Meinicke von den Mitgliedern als neue Präsidentin gewählt – bei einer Enthaltung. Mit ihr sollen die Fähren in den Sozialen Medien Wellen schlagen. Sie löst übrigens Remo Gallacchi ab, der den Verein ad interim gesteuert hat und sich am Fährimähli prompt einen Fauxpas leistet: Zur Begrüssung werden zwar all die Promis aus Politik und Wirtschaft vorgestellt, inklusive Grossratspräsident Joël Thüring, die wirklich Wichtigen aber nicht: die Fährifrauen und -männer.

Später, Schlag 22 Uhr, erhebt sich Carl Miville langsam von seinem Platz, winkt zum Abschied staatsmännisch. Und dann fliesst plötzlich alles dem Ausgang zu. Auf ein Neues im kommenden Jahr. Mit hoffentlich mehr Mitgliedern. Rahel Koerfgen