Basler Schulen
An mehreren Standorten in Basel-Stadt sind die Klassen so überfüllt, dass ein Wechsel nicht möglich ist

Die übervollen Schulklassen werden in Basel-Stadt immer mehr zum Problem – nun muss eine neue Massnahme eingeführt werden.

Jonas Hoskyn
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Eine Klasse – mehrere Niveaus: Weil die Schulen voll sind, greift Basel-Stadt zu einer ungewöhnlichen Massnahme.

Eine Klasse – mehrere Niveaus: Weil die Schulen voll sind, greift Basel-Stadt zu einer ungewöhnlichen Massnahme.

Matthias Jurt

Kommenden Montag startet das neue Semester. Bisher bedeuteten die zwei Stichtage im Jahr für viele Schülerinnen und Schüler, dass sie sich in einer neuen Klasse mit neuen Anforderungen zurechtfinden mussten. Dann nämlich, wenn sie während ihren drei Jahren in der Sekundarschule das Niveau wechseln dürfen oder müssen – je nach Zeugnis aufwärts vom A-Zug (allgemeine Anforderungen) ins E (erweiterte Anforderungen), von dort ins P (hohe Anforderungen) – oder eben den anderen Weg, falls die Anforderungen nicht erfüllt werden können.

Doch nun stehen die Verantwortlichen vor einem Problem. An mehreren Standorten sind die Schulklassen derart überfüllt, dass Wechsel schlichtweg nicht möglich sind. Deshalb haben sich die Verantwortlichen im Erziehungsdepartement vor den Weihnachtsferien zu einem ungewöhnlichen Schritt entschieden. Ein Niveauwechsel kann neu auch innerhalb der gleichen Klasse stattfinden. Der Ausdruck «sitzen bleiben» erhält damit eine ganz neue Bedeutung. Beschlossen wurde die sogenannte organisatorische Massnahme kurzfristig Ende Dezember – eine offizielle Information aller Lehrpersonen fand bisher nicht statt.

Drei E-Schüler müssten in eine A-Klasse wechseln

«Binnen-Differenzierung» lautet der Fachausdruck für diesen Vorgang: Innerhalb einer Klasse werden Schülerinnen und Schüler in unterschiedlichen Niveaus unterrichtet. Bisher ist dieses Modell vor allem aus kleinen Dorfschulen oder Spezialklassen bekannt. Auf die Sekundarstufe angewandt bedeutet dies, dass ab Montag die Lehrpersonen gewisse Schüler in der gleichen Klasse separat beschulen und auch benoten müssen. Konkret sind bisher drei Fälle an zwei Standorten bekannt, die bis im Sommer in der Klasse bleiben, aber das Niveau wechseln.

«Wir finden die jetzige und temporäre Lösung pädagogisch gangbarer»

In allen drei Fällen handelt es sich um E-Schülerinnen und Schüler, die eigentlich in eine A-Klasse wechseln müssten. Alle drei befinden sich im letzten Schuljahr. «Hätten wir neue zusätzliche Klassen gebildet, wäre das Risiko hoch gewesen, nach einem oder zwei Semestern Klassen wieder auflösen zu müssen. Wir finden die jetzige und temporäre Lösung pädagogisch gangbarer», sagt Simon Thiriet vom Erziehungsdepartement. Beim A-Zug ist die Obergrenze am tiefsten angesetzt – bei maximal 16 Schülerinnen und Schülern pro Klasse.

Dabei ist gerade das A-Niveau dasjenige, wo aktuell noch am meisten Spielraum besteht. Denn der Umstand, dass nach den coronabedingten Schulschliessungen im Frühjahr alle Promotionsvorgaben sistiert wurden und die guten Noten nicht mehr bestätigt werden mussten, hat vor allem zu vollen E- und P-Zügen geführt. Im Vergleich zum Vorjahr seien rund zehn Prozent mehr Schülerinnen und Schüler seien ins mittlere und obere Niveau eingetreten, schätzt das Erziehungsdepartement. Auch bei den zweiten und dritten Klassen habe es coronabedingt keine Niveauwechsel in einen tieferen Leistungszug gegeben.

«Bei sehr vielen Klassen die Obergrenze überschritten»

Jean-Michel Héritier, Präsident der Freiwilligen Schulsynode Basel-Stadt, sieht die Massnahme kritisch: «Für die Lehrpersonen bedeutet dies eine zusätzliche Belastung zu den schon vollen Klassen und den aktuellen Covid-Schutzbestimmungen.» Zumal das Thema der zu grossen Klassen nicht neu sei. Tatsächlich forderte die Lehrervertretung bereits im vergangenen Schuljahr Massnahmen, weil in vielen Klassen mehr Schülerinnen und Schüler sassen, als im Schulgesetz festgeschrieben. «Mittelfristig ist es dringend nötig, dass mehr Luft im System ist», sprich dass die Schulklassen nicht derart knapp am gesetzlichen Limit geplant werden, fordert Héritier.

Auch Volksschulleiter Urs Bucher äusserte sich in der neuen Ausgabe des Basler Schulblattes zum Thema: «Insbesondere an Sekundarschulen muss festgehalten werden, dass nicht nur vereinzelt, sondern bei sehr vielen Klassen die Obergrenze überschritten wurde.» Es sei sein erklärtes Ziel, diesen Missstand zu beheben, so Bucher. Das sei auch eine pädagogische Frage. Künftig werde nur noch in Ausnahmefällen einer Überschreitung stattgegeben, verspricht Bucher.