Analyse
Der Ausbau der Regio-S-Bahn stockt: Das Herzstück ist keine Herzenssache

Mit der Planung des Tunnels zwischen Bahnhof SBB und Badischem Bahnhof gehts nur schleppend vorwärts. Beim Bau des S-Bahnnetzes ist Basel gegenüber Zürich ein halbes Jahrhundert im Rückstand. Die Gründe dafür liegen grösstenteils in der Region selber.

Hans-Martin Jermann
Hans-Martin Jermann 4 Kommentare
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Das Herzstück würde die Entwicklung der Basler Innenstadt stark prägen. Viele sehen darin eher eine Gefahr als eine Chance.

Das Herzstück würde die Entwicklung der Basler Innenstadt stark prägen. Viele sehen darin eher eine Gefahr als eine Chance.

Visualisierung: Herzog & de Meuron

Frühestens 2050, wahrscheinlich aber erst 2060 oder 2070 könnte das Herzstück – wenn überhaupt – in Betrieb genommen werden. Dies geht aus einem neuen Bericht der SBB zur Entwicklung des Bahnknotens Basel hervor. Ein Grossteil jener, die sich derzeit mit dem Bahntunnel unter der Basler Innenstadt beschäftigen, wird dessen Inbetriebnahme nicht mehr erleben. Seit 15 Jahren wird über Linienführung und Varianten gestritten. Ausser dem Beschluss des Bundesparlaments von 2019 für einen Projektierungskredit über 100 Millionen Franken liegt wenig Zählbares auf dem Tisch.

Weshalb dauert alles so lange? In Zürich sind seit Gründung der S-Bahn 1990 mehrere Durchmesserlinien und zwei Tiefbahnhöfe gebaut worden. In Basel sind wir nicht 20 bis 30 Jahre im Rückstand, wie es bisher hiess, sondern ein halbes Jahrhundert. Gewiss: Für die Region Basel ist es wegen der geringeren Bevölkerungszahl und der geografischen Randlage schwieriger, auf Bundesebene grosse Infrastrukturprojekte durchzubringen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Letztlich sind wir in der Region selber Schuld, dass es mit dem Herzstück nicht vorwärtsgeht.

Das Herzstück stösst eher auf Indifferenz denn auch Ablehnung

Entscheidungsträgerinnen wie die Basler Baudirektorin Esther Keller betonen zwar gebetsmühlenartig, dass nur mit dem Herzstück neue Durchmesserlinien möglich sind. Erst dann habe Basel eine echte S-Bahn. Aufbruchstimmung entfachen selbst solche eindringlichen Erklärungen kaum. Das Herzstück stösst noch nicht einmal auf dezidierte Ablehnung, eher auf diffuse Indifferenz.

Das hat viel mit dem Selbstverständnis Basels zu tun: Es ist jenes einer Kleinstadt, die mit Drämmli und Velowegen ausreichend erschlossen zu sein glaubt. Das Bild langer Rolltreppen, die von der S-Bahnstation am Marktplatz Dutzende Meter in den Untergrund zu den Bahnschächten führen, ist für viele Baslerinnen und Basler nicht mit der Struktur ihrer Stadt vereinbar.

Die Stadt verheddert sich im Klein-Klein, Perspektiven fürs Grosse fehlen

Basel streitet leidenschaftlich über Kaphaltestellen, Alleebäume und die Umgestaltung von Plätzen. Berechtigte Themen, die ihren Platz im Diskurs haben. Leider verheddert sich die städtische Politik zunehmend im Klein-Klein – und ist kaum noch imstande, im grösseren Massstab Perspektiven zu erarbeiten. Die Potenziale auf den Transformationsarealen sind riesig. Fast so gross sind die Unsicherheiten, was damit anzufangen wäre. Wie soll die Stadt da den Bau eines milliardenteuren Bahntunnels verkraften, der die Entwicklung der Innenstadt oder des Klybeck als eines dieser Areale stark beeinflussen würde?

Grosse Würfe haben derzeit in der ganzen Region einen schweren Stand. Sie setzen voraus, dass die Bürgerinnen und Bürger übergeordnete Interessen begreifen und gutheissen. Immer seltener gelingt es den Behörden, diese zu vermitteln, wie etwa das Volks-Nein zu Grossbauprojekten und Zentrumsplanungen in Unterbaselbieter Gemeinden gezeigt hat.

Auf den ersten Blick würden vor allem die Baselbieter profitieren

Beim Herzstück wirkt zusätzlich die Kantonstrennung hinderlich: Die geplante Tunnel liegt auf Stadtbasler Boden und damit ausserhalb der direkten Einflusssphäre der Baselbieter Politik. Profitieren von den Direktverbindungen aus Liestal oder Laufen an den Marktplatz würde indes vor allem das Land. Aus Sicht vieler Baslerinnen und Basler bringt das Herzstück direkt wenig; sie sind mit dem Velo oder Tram in der Stadt unterwegs. Bildete Basel wie Zürich oder Bern mit dem Umland einen einzigen Kanton, so könnte das Herzstück einfacher als Grossprojekt im Interesse der ganzen Region verkauft werden.

Das Herzstück als weit über die Stadt hinaus strahlendes Milliardenprojekt setzt ein Bekenntnis zur Region voraus – und eines zu Wachstum. Beides ist, nimmt man Volksentscheide in beiden Basel aus jüngerer Vergangenheit zum Massstab, nicht im Überfluss vorhanden.

Wobei eine mangelnde Akzeptanz von Wachstum dieses nicht per se verhindern würde: Die beschlossenen Bauprojekte in die Bahninfrastruktur kombiniert mit dem Bevölkerungswachstum und politischen Entscheiden zur Eindämmung des Autoverkehrs in der Stadt lassen im Gegenteil darauf schliessen, dass die Fahrgastzahlen im regionalen Bahnverkehr in den kommenden Jahren markant zunehmen werden.

Der Druck auf den Bahnhof SBB, der ab 2030 mit einem Viertelstundentakt von Liestal, aus dem Birstal und vom Euro-Airport bedient werden wird, dürfte weiter zunehmen. Vielleicht führt das absehbare Chaos am grössten Bahnhof der Region in einigen Jahren zur Einsicht, dass das Herzstück für die Wirtschaft und einen umweltverträglichen Nahverkehr doch nötig sein könnte.

4 Kommentare
Kurt Seiler

Mag so sein. Die beiden Basel sind und bleiben getrennt mit allen Konsequenzen. Extrem peinlich halt nur das Festhalten am Zombie Herzstück von offizieller Seite. Da will wohl keiner den Scherbenhaufen nach über 20 Jahren Planung eingestehen. Niemand getraut sich endlich den Stecker zu ziehen und kleinere aber dafür schnellere Brötchen zu backen. Das Herzstück ist grandios gescheitert und wird immer weiter in die Zukunft durchgereicht. Es kommt nie -  es ist nicht machbar.

Gerda Serych-Meili

Kurt Seiler, Sie irren: Der nun vorliegende Bericht zeigt klar auf: Auch eine Variante ohne Herzstück wäre gleich teuer wie mit dem Herzstück-Tunnel! Warum? Weil der grösste Teil der Ausbauten vor allem im Bahnhof SBB so oder so nötig sind - und der Ausbau der Elsässerbahn viel teurer ist als der Laie meint. Lesen Sie es selbst nach! Unter diesen Vorzeichen wäre es völlig irrational, auf das Herzstück zu verzichten. Denn der Ausbau der Elsässerbahn bringt praktisch keinen zusätzlichen Nutzen, eine Haltestelle inmitten der Innenstadt hingegen sehr! Wenn beides sowieso gleich viel kostet: Dann sollten wir ganz klar die Attraktivität der Innenstadt erhöhen. Denn das hätte unsere Innenstadt mehr denn je nötig!

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