Analyse
Geschlechterfragen in der Kultur: Vielfalt ja, aber bitte auch im Programm

Geschlechterfragen erleben in der Kulturbranche ein Hoch. Das ist eine erfreuliche Entwicklung, führt aber leider auch zu einem monotonen Kulturprogramm.

Mélanie Honegger
Mélanie Honegger
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Einer der Beiträge am Filmfestival Frauenstark: «Burning Memories» von Alice Schmid.

Einer der Beiträge am Filmfestival Frauenstark: «Burning Memories» von Alice Schmid.

zvg

Sie heissen «Frauenstark», «Feminist Futures» oder «Fem*Fest»: Feministische Festivals sind im Trend. Entstanden sind viele von ihnen in den vergangenen Jahren. Mindestens fünf verschiedene fixe Formate sind allein in Basel seit 2016 hinzugekommen, zudem finden zahlreiche Einzelanlässe zum Thema Diversität statt. Es vergeht kaum eine Woche, in der es in Basel nicht eine Veranstaltung zu Geschlechterfragen gibt.

Vergangene Woche beispielsweise hinterfragte der Basler Regisseur Marcel Schwald in seinem Tanztheater «Touch Isolation» in der Kaserne das heutige Männerbild. Schwald ist in der Schweiz ein Vorreiter auf diesem Gebiet, befasst sich in seinen Theater- und Tanzstücken seit Jahren mit der Auflösung traditioneller Geschlechterrollen.

Damit ist er heute aber nicht mehr Avantgarde, sondern Teil des Mainstreams, wie ein Blick aufs Basler Kulturschaffen zeigt. Die Fondation Beyeler widmet sich in der Ausstellung «Close-Up» Frauenporträts. Diese Woche eröffnet das Philosophicum im Ackermannshof seine Ausstellung zu Frauenbildern in der Literatur Dostojewskis. Am Samstag folgt die Ausstellung «Female ­abstraction» der Galerie Knoell.

Und gleichzeitig findet das Filmfestival «Frauenstark» statt, das Schicksale von Frauen beleuchtet. Auch im Programm: der Film «Mannomann». «Wann ist Mann ein Mann und wie können wir wegkommen von männlichen Rollen­klischees?», fragen die Veranstalterinnen in der Broschüre. Eine Frage, die im Anschluss bei einem Podiumsgespräch diskutiert wird ­– wie bereits am vergangenen Wochenende am Symposium zum Thema Männlichkeit(en) der Uni Basel oder Anfang November am Literaturfestival BuchBasel.

Dazu passt: Das Präsidialdepartement hat vergangene Woche seine aktualisierte Bücherliste «Himmelblau und Rosarot: Kinder- und Jugendbücher ohne Rollenklischees» veröffentlicht. Die Liste existiert bereits seit vier Jahren, stösst heute aber auf deutlich grössere Resonanz als noch zu Beginn. «Buchhandlungen melden uns, dass sie mit einer steigenden Nachfrage nach vielseitigen Jugend- und Kinderbüchern konfrontiert sind», erzählt Leila Straumann vom Basler Gleichstellungsbüro.

Die Entwicklung von Angebot und Nachfrage zeigt: Geschlechterfragen sind mitten in der Gesellschaft angekommen. Das ist erfreulich. Auch beim Kanton nimmt man diese Veränderung zufrieden zur Kenntnis. «Ich stelle mit grosser Freude fest, dass es bei den Kulturschaffenden in der Region ein hohes Bewusstsein für die Thematik gibt, und zwar in verschiedenen Sparten und Bereichen», sagt Katrin Grögel, Leiterin der Abteilung Kultur.

Vor einigen Jahren noch eine Nische, sind Geschlechterfragen heute fester Bestandteil des Basler Kulturprogramms. Beschleunigt wurde diese Entwicklung von einzelnen Ereignissen und Bewegungen, wie auch verschiedene Akteurinnen aus der Branche feststellen: 2017 MeToo, 2019 schliesslich der Schweizer Frauenstreik, 2021 das Jubiläum des Frauenstimmrechts.

So positiv die Entwicklung aus gesellschaftlicher Sicht ist, so eintönig wird das Programm der Basler Kulturschaffenden. Leider kommen diese mit ihren Veranstaltungen zu Geschlechterfragen alle zur gleichen Zeit ­– reichlich spät notabene – und tragen so zu einer allgemeinen Übersättigung bei. Denn der allgegenwärtige Fokus auf Vielfalt führt zu einer thematischen Monotonie.

Das hat wohl nicht zuletzt mit Corona zu tun. Die Covid-Krise brachte auch die Saisonplanung sämtlicher Kulturinstitutionen durcheinander. In diesem Herbst 2021, in dem die Kulturwelt wieder zum Leben erwacht und alle gleichzeitig wieder loslegen, sind daher sowohl das Jubiläum zum Frauenstimmrecht als auch der Frauenstreik 2019 prägend.

Das merken auch jene, die sich bereits vor dem Trend mit Geschlechterfragen befassten. «Bei der Gründung unseres Festivals waren wir inspiriert von den Frauenfilmfestivals in Dortmund und Köln. Damals gab es in der Schweiz noch kein Frauenfilmfestival», erzählt Serena Dankwa, deren Filmfestival Frauenstark seit 2016 existiert. «Heute sind solche Festivals viel mehr im Trend.»

Es bleibt darum nur ein Wunsch an die Basler Kulturschaffenden übrig: Debatten nicht erst dann aufzugreifen, wenn die Hälfte der Bevölkerung auf die Strasse geht, sondern eigene Schwerpunkte zu setzen. Die Avantgarde erkennt die Themen von morgen schliesslich bereits heute. Anbieten würde sich eine Auseinandersetzung mit dem Freiheitsbegriff. Der Vielfalt würde es guttun.

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