Analyse
Umgang mit Ungeimpften: Wer diskriminiert, sägt am eigenen Ast

Je stärker die Corona-Fallzahlen wieder steigen, desto schärfer werden die Debatten zum Umgang mit jenen, die nicht geimpft sind. Eine liberale Gesellschaft muss einen möglichst diskriminierungsfreien Rahmen bieten.

Patrick Marcolli
Patrick Marcolli
Drucken
Teilen
Geimpft, genesen, getestet? FCB-Fans am Donnerstag beim ersten Spiel mit Publikum seit langer Zeit.

Geimpft, genesen, getestet? FCB-Fans am Donnerstag beim ersten Spiel mit Publikum seit langer Zeit.

Foto: Keystone (22. Juli 2021)

Eine Bar in der Steinenvorstadt, die wahrscheinlich der Ort mehrerer Corona-Ansteckungen war; zwei Basler Clubs, deren Corona-Kontrollen zu lasch waren; ein Wirt aus Reinach, der laut der Zeitung «20 Minuten» Todesdrohungen dafür erhielt, dass er «Gratiskaffee für Geimpfte» anbot; der FC Basel, der mit dem Stadionzutritt in postpandemischen Zeiten seine ersten Erfahrungen macht.

Alles Randnotizen im Sommerloch? Nein: Es sind dies die lokalen Vorboten von Debatten, die demnächst noch viel schärfer werden. Beziehungsweise bereits heute sehr scharf geführt werden. Einige Politikerinnen und Politiker nützen die aufgeheizte Stimmung rund um die Corona-Pandemie für Vorstösse, die ihnen die Aufmerksamkeit des hypersensiblen Publikums garantieren. So hat der Solothurner Nationalrat Kurt Fluri tatsächlich vorgeschlagen, dass Ungeimpfte bei einer Corona-Erkrankung die Spitalkosten selbst tragen müssen. Ob die Chefs von Fluris Partei, der traditionsreichen liberalen FDP, bei ihrem Mitglied interveniert und ihm einen Parteiaustritt nahegelegt haben?

Schwache Argumentation der Impfverweigerer

Es ist zu befürchten, dass solche zutiefst illiberalen Vorstösse mehr und mehr an Zustimmung gewinnen werden. Wenn bereits in der linksliberalen «Zeit» zwei Wirtschaftsethiker aus St. Gallen darüber reflektieren, dass eine «Diskriminierung von Ungeimpften ethisch gerechtfertigt» sei ­– wo führt uns das noch hin?

Ja, mich nerven die Impfverweigerer auch. Ihre Argumentation stützt sich meist auf verschwörungstheoretische Versatzstücke (globale Pharma, dunkle Mächte hinter der Politik und so) und auf der generellen Skepsis gegenüber Errungenschaften der Moderne. Hatten wir alles schon, zum Beispiel zu Beginn des 20. Jahrhunderts, und es wirkt heute nicht plausibler. Der Impfverweigerung wohnt zugleich ein Element der Verzweiflung inne: Endlich kann ich, der im Alltag Unschein- und Auswechselbare, ein Zeichen des Widerstands setzen gegen «die da oben» und meiner Individualität das Krönchen aufsetzen. Ich bin nicht geimpft, also bin ich.

Umgekehrt sind mir auch die Impfjubler zuwider, die sich in einer Position der Stärke sehen, sich moralisch überlegen fühlen und künftig in ihrem Alltag gegenüber Ungeimpften massiv bevorzugt werden möchten. Der Piks ist zwar eine grosse Leistung der Wissenschaft. Ihn zwei Mal zu erhalten, ist aber nicht mal eine Mutprobe. Viele der Impfjubler rufen nach einer Impfpflicht, einige gar nach einem Impfzwang.

Möglicherweise braucht es ein paar Zahlen und Fakten, um ihren getrübten Blick aufzuhellen. Da hilft die Perspektive des Naturwissenschaftlers Frank Scheffold, einem ehemaligen Mitglied des Nationalen Forschungsrats beim Schweizerischen Nationalfonds. In einem Beitrag für die «NZZ» zitiert er eine Studie der Universität Lausanne, die zum Schluss kommt, dass die Sterblichkeit in der Schweiz im Jahr 2020 etwas geringer war als jene im Grippejahr 2015 (natürlich ohne dass es damals Beschränkungen des öffentlichen Lebens gegeben hätte).

Der Physiker Scheffold schliesst mit den Worten: «Je mehr qualitative Studien erscheinen, desto dringlicher wird es, die Verhältnismässigkeit der Fortführung jedweder Massnahme, unter Berücksichtigung der inzwischen hohen Durchimpfungsrate, gegen die Kollateralschäden abzuwägen.» Was Scheffold damit sagt: Zumindest in unseren Breitengraden dürfte sich das Jahr der Pandemie rückblickend aus medizinischer Sicht und übers Ganze gesehen nicht als die verheerende Katastrophe erwiesen haben, die tiefste Einschnitte in unsere Freiheitsrechte rechtfertigen würde.

Benehmt Euch, Impfanhänger und Impfgegner!

Nun wird es enorm wichtig sein, dass die Politik einer möglichen Einschränkung der Freiheitsrechte für Ungeimpfte einen Riegel schiebt. Die Würde aller Menschen muss unangetastet bleiben. Dass Ungeimpfte in ihrem Freizeitverhalten ein Stückweit eingeschränkt werden und sich vermehrt testen lassen müssen, widerspricht dem nicht. Sie dürfen einfach nicht radikal ausgeschlossen werden.

Also, benehmt Euch, liebe Impfanhänger und Impfgegner, wie freiheitlich denkende Menschen! Das höchste Ziel in einer liberalen Gesellschaft ist die Wahlfreiheit. Wer meint, seine Haltung zum Impfen im Stil eines kolonialen Missionars oder militanten Sektierers kundzutun, setzt diese Wahlfreiheit bewusst aufs Spiel. Die Impf-Fans würden in einer solchen Auseinandersetzung die Oberhand behalten und unserem Idealbild eines «kerngesunden Volkskörpers» und einer bequemen, weil den Tod verdrängenden Kultur, wäre vorerst Genüge getan. Das wäre allerdings ein Pyrrhussieg. Denn nach einer solchen Spaltung der Gesellschaft wird diese nicht lange im Zustand des Friedens bleiben.

Aktuelle Nachrichten