Zwei Areale, zwei Welten

Analyse zu den Werkarealen der beiden Basler Pharmariesen Roche und Novartis

Eine neue Adresse in der Stadt: Der Roche Campus.

Eine neue Adresse in der Stadt: Der Roche Campus.

Wie hochtrabend waren die Pläne! Eine Stadt in der Stadt sollte entstehen, mit allem, was man zum Leben neben der Arbeit braucht: Läden, Restaurants, einem Fitnessstudio. Und dies inmitten von hochklassiger Architektur, platziert innerhalb eines strengen Masterplans. Für «seine» Firma konzipierte der damalige Novartis-Chef Daniel Vasella vor rund zwanzig Jahren einen Campus der Extraklasse im äussersten Westen der Stadt.

Nicht, dass aus diesem Vorhaben nichts geworden wäre. Im Gegenteil. Der in jenen Jahren frisch aus Sandoz und Ciba-Geigy zusammengeschusterte und noch gesichts- und geschichtslose Pharmakonzern hat seither eine klare Adresse, eine örtliche Verankerung. Der Campus war der Beginn einer neuen Erzählung.

Der grosse Konkurrent im Wettsteinquartier hingegen musste seine Geschichte nicht neu schreiben. Roche blickt auf eine unüblich «unfusionierte» Tradition zurück, und mit Otto Rudolf Salvisberg hatte die Firma in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen Baumeister mit Weitblick und einer klaren, in der Moderne verankerten Sprache. Roland Rohn, sein Nachfolger, blieb etwas mehr in seiner Zeit verhaftet; aber auch an der Qualität seiner Bauten lässt sich nicht viel aussetzen.

So präsentierte sich jedenfalls die Situation zu Beginn des neuen Jahrhunderts an den beiden Ufern des Rheins. Hier die Dynamik von Novartis, dort der etwas träge, konservativ anmutende Roche-Konzern. Und heute? In den vergangenen Monaten hat sich die Konstellation grundlegend verändert. Die Novartis hat sich unter ihrer neuen Führung zumindest geistig aus Basel verabschiedet.

Die Entwicklung des Campus wurde eingefroren, einzelne Gebäude werden seit neuestem gar fremdvermietet, und den Mitarbeitern wird Homeoffice auferlegt. Letzteres hat natürlich mit der Corona-Pandemie zu tun, aber es passt ins Bild eines Konzerns, der sich mehr und mehr in die abgehobenen Sphären eines gänzlich globalisierten Multis katapultiert. Roche hingegen baut und baut im Wettstein, es bleibt kaum ein Stein auf dem anderen.

Ein Fitnesscenter entsteht ebenso wie eine Coop-Filiale. Gestern stellte der Standortleiter der Roche die revidierten Pläne für das Areal zwischen Grenz­acherstrasse und Rhein vor. Die markanteste Veränderung: Anstelle von drei kleineren Hochhäusern rund um den Bau 1 soll irgendwann – mit einem Baubeginn wäre frühestens in fünf Jahren zu rechnen – ein noch höheres Hochhaus (Bau 3) mit den bestehenden beiden einen architektonischen Dreiklang bilden. Verantwortlich dafür zeichnen die aktuellen Roche-Hausarchitekten Herzog & de Meuron.

Fürs Stadtbild jedenfalls ist der Anblick von drei typologisch gleichen Hochhäusern wesentlich verträglicher als ein Sammelsurium von etwas weniger hohen Bauten. Ein Wermutstropfen wird der Abriss des Hochhauses von Roland Rohn aus den Fünfzigerjahren sein, das für so lange Zeit die Erscheinung der Firma prägte. Obwohl noch ein Unterschutzstellungsverfahren läuft, ist angesichts der real existierenden Machtverhältnisse mit einem Verdikt zu Ungunsten des Denkmalschutzes zu rechnen.

Während der Novartis Campus also einst den Beginn einer neuen Geschichte markierte und nun selbst wieder Geschichte ist, steht das Roche-­Areal für eine Firma, die sich nicht neu erfinden muss, es aber dennoch tut.

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Autor

Patrick Marcolli

Patrick Marcolli

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