Analyse zum Bild Basels
Etwas mehr Eleganz, bitte!

Basel übt sich üblicherweise in protestantischer Strenge. Oder in ökologischer Rigidität. Früher war es die Kunstwelt, die ein Gegenbild lieferte. Heute ist es mehr und mehr die Architekturszene.

Patrick Marcolli
Patrick Marcolli
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Die Eröffnung des Pavillons auf dem südlichen Dreispitz im Rahmen der Basler Architekturwoche.

Die Eröffnung des Pavillons auf dem südlichen Dreispitz im Rahmen der Basler Architekturwoche.

Bild: zVg/Pati Grabowicz

Basel und Eleganz? Das ist nicht gerade ein Gegensatzpaar, aber auch nicht eine geläufige Verbindung. Mailand mit seiner Grandezza, Rom mit seiner Leichtigkeit, Paris mit seiner Unnahbarkeit, Wien mit seinem Schmäh. Alles elegante Städte auf ihre Art. Berlin hingegen ist cool, war aber nie elegant. Allein die Gehsteige dort: Zu holprig und uneben, um sich darauf mit kostbarem Schuhwerk leichtfüssig zu bewegen.

Basel hingegen unterhält seine Trottoirs mit Zuwendung, Geld und Präzision. Auch ist die ­kleine Stadt am Rhein keine Schwerindustrie-Malocher­metropole, wie es Berlin einst war. Hier verfärbten sich bei Verpuffungen der Chemie höchstens die Bärte der Arbeiter. Sie war und ist geprägt von auf äussere Kargheit ausgerichteter protestantischer Ethik. Und wenn selbst die Bourgeoisie sich kleidet, als hätte sie eine Ahnung von «Shabby Chic», ist das immer als Mischung aus Koketterie und Understatement zu interpretieren.

Eine Reminiszenz an vergangene Zeiten

Ein paar Jahrzehnte lang brachte die Kunstwelt während der Kunstmesse Art etwas Glamour. Dieser färbte davor und danach, an ein paar Vernissagen oder Premieren, ein klitzekleinwenig auf die Einheimischen ab. Alles mit der gebotenen Zurückhaltung zwar, aber immerhin. Und Modedesigner wie Fred Spillmann liessen selbst das alte Geld in Form von schrillen Kostümen etwas mehr wie Gold aussehen. Doch dieser Trend ist schon länger vorbei. Dass Edelboutiquen wie Trois Pommes oder Hermès oben an der Freien Strasse überhaupt noch existieren, ist eine nur schwer zu erklärende Eigentümlichkeit. Diese Läden scheinen wie eine Reminiszenz an eine vergangene Zeit.

Es sei hier nicht der Niedergang der Kunstszene in Basel herbeigeschrieben. Einen statistischen Beweis dafür gäbe es sowieso nicht und die Krise des Messewesens hat die Art noch nicht hinweggespült. Aber es ist doch augenfällig, dass zumindest unter dem Jahr selbst die wenigen schrillen oder bloss nobleren Erscheinungen in dieser Stadt aus dem öffentlichen Bild verschwunden sind. Ist etwa der Druck zu gross geworden, der von der aktuellen ökologisch und moralistisch geprägten Grundstimmung in Basel ausgeht? Getraut man sich gar keine «Ausfälligkeiten» mehr im oben beschriebenen Sinn? Fürchtet man die gesellschaftliche Ächtung?

Nun, ganz so weit sind wir hoffentlich doch nicht. Denn es gibt Lichtblicke. Einer davon ist die erstmals durchgeführte Architekturwoche. Noch ist nichts bekannt über die Zahl der Besucherinnen und Besucher. Aus der enormen Fülle und Breite der Veranstaltungen – dies als einziger kleiner Kritikpunkt – lässt sich kein inhaltlich kohärentes Bild zeichnen. Aber in den vergangenen fünf Tagen hat sich die hiesige Architekturszene im konkreten wie übertragenen Sinn geöffnet, hat Einblicke in ihr Schaffen gewährt.

Eine innere Haltung

Allen, denen die höchste architektonische Qualität in dieser Stadt irgendwie fremd vorkommt, zu elegant ist vielleicht, lieferten die Veranstaltungen ein genaueres, differenziertes Bild: Hochstehende Architektur ist tief im Basler Boden verwurzelt, nicht zuletzt durch die Konkurrenz und das Wettbewerbswesen. Sie lebt genau so von jungen Talenten aus aller Welt wie die Forschung der Pharma. Zeitgemässe, junge Architektur, so zeigten Einblicke in zahlreiche Büros, schottet sich nicht ab vor anderen Disziplinen, sie sucht die Zusammenarbeit und hat einen Horizont, der weit über das einzelne Gebäude hinausgeht.

Was diese Szene wie nebenbei schafft: Sie gibt dieser Stadt mehr Stilsicherheit. Nein, keine Extrovertiertheit wie die Kunstszene, wenig Opulenz. Und schon gar nicht den Protz, der in Städten mit einem grossen Finanzsektor-Anteil zu beobachten ist. Aber die jungen Architekten und Designerinnen hüllen sich nicht in Sack und Asche. Sie stehen für eine Generation, die sich der glo­balen Herausforderungen bewusst ist, aber auch keinen Hehl macht aus ihren eigenen Privilegien. Das ist eine innere Haltung, die ein wichtiger Teil von Eleganz ist. Und sie tut dieser Stadt sehr gut.

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