Der Dorenbachgraben

Analyse zum fundamentalen Irrtum der Baselbieter Regierung bei der Corona-Bekämpfung

Wo ist Stadt, wo Land? Am renaturierten Dorenbach wird deutlich: Die Übergänge sind fliessend und nicht zu sehen.

Wo ist Stadt, wo Land? Am renaturierten Dorenbach wird deutlich: Die Übergänge sind fliessend und nicht zu sehen.

Liegt Basel südlich des Bächleins? Oder nördlich? Ein Ortsunkundiger, am Dorenbach in Binningen stehend, könnte nicht auf Anhieb sagen, wo die Stadt endet und das so genannte Land beginnt. Allzu ähnlich sieht es auf beiden Seiten aus.

Bei der Corona- Bekämpfung trennen sich am Dorenbächlein jedoch zwei Welten. Die Pizzeria an der Basler Holleestrasse musste schliessen, das Café an der Binninger Hauptstrasse darf offen bleiben.

Die von Basel-Stadt vor einer Woche verhängten drastischen Massnahmen für die Gastro-, die Sport- und die Kulturbranche werden vor dem Hintergrund der diffusen Datenlage mit einigem Recht hinterfragt. Die Geduld der Bevölkerung und der Wirtschaft, die sich Mitsprache und starke Parlamente gewohnt sind, wird angesichts der mit der Pandemie begründeten Politik per Regierungsdekret arg strapaziert. Südlich des Dorenbachs hingegen scheint man ziemlich zufrieden mit der weniger restriktiven Politik der Regierung.

Fundamentaler Irrtum

Dabei wäre auch hier eine kritischere Haltung angebracht. Die Exekutive in Liestal unterliegt nämlich einem fundamentalen Irrtum. Sie geht davon aus, dass sich die Strukturen in den beiden Halbkantonen grundsätzlich unterscheiden: Nördlich des Dorenbachs die urbane Lebenswelt, die Enge, die Dichte. Südlich davon das, was man Land nennt, mit viel Raum und vielen Naturflächen und entsprechend einem deutlich geringeren Risiko für die Bevölkerung, sich in ihrem Lebensumfeld mit dem Coronavirus anzustecken.

Das mag für den oberen Kantonsteil durchaus zutreffen. Das Corona-Risiko ist in kleinen Gemeinden wie Roggenburg, Zeglingen oder Buus sicher kleiner als im Matthäus- oder Gundeldinger-Quartier. Und noch vor hundert oder vielleicht fünfzig Jahren hätte es auch noch im unteren Kantonsteil eine gewisse Gültigkeit gehabt.

«Grenzgebiet» am Dorenbach

Heute aber, man muss es in dieser Deutlichkeit sagen, sind die grossen Baselbieter Gemeinden rund um die Stadt Basel längst nicht mehr das, was man «Land» nennt. Sie sind in ihrer Struktur städtisch geprägt, verfügen über dicht bebaute Quartiere und grosse Wohnblock-Einheiten und sind, das beweist ein kurzer Blick auf das «Grenzgebiet» am Dorenbach, schon von aussen nicht von der Stadt zu unterscheiden.

Zwei aktuelle Beispiele aus der Raum- und Verkehrsplanung mögen dies verdeutlichen. Allschwil bekommt derzeit die Aus- und Nachwirkungen des Baubooms am Bachgraben zu spüren. Bis vor kurzem war das Gebiet zur Hauptsache noch von freien Flächen und Schrebergärten geprägt, in Kürze wird davon nichts mehr zu sehen sein. Nun muss man, in enger Absprache mit Basel- Stadt, nach Lösungen suchen, wie das künftige Verkehrsaufkommen bewältigt werden kann. Dieses Problem wurde viel zu spät angegangen. Wohl auch aus dem Grund, dass es den Landgemeinden schlicht an Erfahrung diesbezüglich mangelt, man sich nur widerwillig davon verabschiedet, definitiv im urbanen Raum angekommen zu sein.

Wachstumsschmerzen, Konflikte und Identitätssuche

Dem zugrunde liegt das Selbstverständnis, eine Gemeinde auf dem «Land» zu sein. Angesichts des unvermeidbaren Strukturwandels führt dies zu heftigen Wachstumsschmerzen, zu Konflikten und zu einem Prozess der Identitätssuche. In einer solchen Krise befindet sich auch Arlesheim. Das Nein zu einem Quartierplan, der unter anderem ein Gebäude von dreissig Metern Höhe vorgesehen hätte, illustriert die Zerrissenheit dieser Vorortsgemeinde. Eine knappe Mehrheit der Einwohner scheint die Realität ausblenden und das Bild eines idyllischen Dorfes konservieren zu wollen, das es längst nicht mehr gibt. Längerfristig wird jedoch kein Weg an den Prinzipien der Verdichtung und des In-die-Höhe-Bauens vorbeiführen.

Dies alles soll selbstverständlich keine Aufforderung dazu sein, mit dörflichen Traditionen zu brechen, sich in Musikvereinen, Fasnachtscliquen oder in Heimatschutzfragen nicht mehr zu engagieren oder nichts für das Überleben von Dorfbeizen zu tun. Ein neues, positives Selbstverständnis entsteht immer nur unter Einbezug von Traditionen.

Die Regierung in Liestal sollte in diesem Prozess ein Vorbild sein und nicht mehr nur dem Image des von der Stadt getrennten Landlebens nachhängen. Offensichtlich, das zeigt der Kampf gegen Corona, ist sie noch nicht ganz so weit.

Autor

Patrick Marcolli

Patrick Marcolli

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