Basel im Gespräch
«Anarchie gehört zur Fasnacht»

Gibt es für die Basler Fasnacht humoristische und satirische Grenzen oder muss alles möglich sein?

Tobias Gfeller
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Die Basler Bebbi sind als Clique, die gerne mal Aussergewöhnliches probiert, bekannt.

Die Basler Bebbi sind als Clique, die gerne mal Aussergewöhnliches probiert, bekannt.

Kenneth Nars

Die Begeisterung für die Fasnacht war bei den Podiumsteilnehmenden am Dienstagabend in der Offenen Kirche Elisabethen von Beginn weg spürbar. Ob Fasnachts-Comité Mitglied Pia Inderbitzin, Theologe und Drummeli-Sprecher Thierry Moosbrugger, Komiker und Schauspieler David Bröckelmann oder SRF-Querschnitt-Redaktor Michael Luisier – sie alle sind in verschiedenen Rollen mit der Fasnacht verbunden.

In «Basel im Gespräch» diskutierten sie unter Leitung von Frank Lorenz, Geschäftsführer der Offenen Kirche Elisabethen, engagiert über mögliche Grenzen des Humors und der Satire an der Basler Fasnacht. Gibt es diese überhaupt oder ist wirklich alles erlaubt, was gerade Laune und Spass macht?

Auf das «Wie» kommt es an

Für Thierry Moosbrugger ist es gerade in schwierigen Zeiten wie heute wichtig, dass man sich über das lustig macht, was einem persönlich Angst macht. «Diese Möglichkeit bietet nur die Basler Fasnacht. Genau so kann sie über die drei Tage hinaus wirken.» Alle waren sich einig, dass eigentlich alles erlaubt ist. Es komme nur darauf an, so David Bröckelmann, wie ein Thema umgesetzt wird. «C’est le ton qui fait la musique», stimmte ihm Pia Inderbitzin zu. Fasnächtler würden dies bis auf marginale Ausnahmen auch beherrschen.

Zu diesen marginalen Ausnahmen gehörte vor Jahren die Clique Alti Stainlemer, die mit wenigen antisemitischen Versen auf der Laterne die Israelitische Gemeinde Basel verärgerte. Diese hat daraufhin das Comité aufgefordert, den Zug aus dem Verkehr zu ziehen oder die Laterne zu verdecken. Doch das Comité ging nicht darauf ein. «Zensur gibt es bei uns nicht. Wir haben dies nach der Fasnacht mit allen beteiligten Parteien geklärt», erinnert sich Inderbitzin.

Im vergangenen Jahr gab der Auschwitz-Schnitzelbangg der Dreydaagsfliege zu reden.

An der Vorfasnacht am Drummeli brachten die Bänggler den Vers in Absprache mit den Organisatoren nicht. An der Fasnacht hingegen schon. Für SRF-Redaktor Michael Luisier ist dies auch gut so. Er schätzt den satirischen Aspekt der Fasnacht. «Es muss nicht immer eine Pointe haben», stellt er klar. Ein Vers müsse auch mal zum Nachdenken anregen.

Wie im von ihm geschriebenen Prolog zum diesjährigen Pfyfferli, als er den toten Flüchtlingsjungen am Strand von Griechenland thematisiert. Für Luisier gibt es kein Thema, das an der Fasnacht nicht behandelt werden darf. Gemäss Thierry Moosbrugger ist es sogar wichtig, dass die Fasnächtler das Risiko eingehen, auch mal zu übertreiben: «Wenn man sich dies nicht getraut, kommt man auch nicht an den Punkt, an dem es richtig gut wird.»

Gefahr von Anschlägen?

Nach dem Attentat auf die französische Satirezeitung «Charlie Hebdo» wurde intensiv darüber diskutiert, was Satire alles darf und ob sie in Extremfällen auch gefährlich sein kann. Moderator Frank Lorenz stellte deshalb die Frage in den Raum, ob die Basler Fasnacht aufgrund ihres teils bissigen Humors sogar der Gefahr von Anschlägen ausgesetzt sei.

Ausschliessen könne man nie etwas, waren sich die vier Experten einig. Thierry Moosbrugger ist aber überzeugt, dass es in Basel gerade wegen der Fasnacht leichter fällt, mit heiklen Themen umzugehen. «Wir sprechen die Themen bereits an der Fasnacht an. Das entschärf die Debatte im Alltag markant.» Genauso beim politischen Diskurs, glaubt Michael Luisier. «Dank der Fasnacht haben wir in Basel ein unverkrampftes politisches Niveau.» Für Pia Inderbitzin ist dies eine der grossen Stärken der Fasnacht. Für die ehemalige Schnitzelbängglerin ist klar: «Anarchie gehört zur Fasnacht!»