Es musste sein. Während ein Grossaufgebot von sechs Regierungsräten beider Basel am Donnerstag die Verlegung zweier universitärer Fakultäten in die Landschaft ankündigte, stapfte Andrea Schenker-Wicki über den Dreispitz. Die Rektorin der Universität Basel wollte wissen, wo in frühestens zehn Jahren die Juristen und Ökonomen lehren und forschen sollen. So konnte sie anschliessend auch über dieses Dossier sattelfest Auskunft geben, als wäre ihr das Umfeld längst vertraut.

Vor vier Jahren hat die Zürcher Wirtschaftsprofessorin den Ruf an die Spitze der Universität Basel angenommen. Als erste Auswärtige wurde sie in dieses Amt gewählt, als erste Frau dazu. Kürzlich hat die Regenz sie mit 95 Prozent Zustimmung für eine zweite Amtszeit bestätigt. Sie sagt, es sei ein Risiko gewesen, sich in Basel zu bewerben. Der Sparhammer hing bedrohlich über der Hochschule, zwischen den Bildungsdirektoren der Trägerkantone pendelte eine Stimmung zwischen Verachtung und Trotz. Ihr Vorgänger Antonio Loprieno hatte die Universität gleichermassen in die Höhe wie in ein Vakuum gepusht.

«Ich will es gut machen»

Schenker-Wicki hatte sich trotz Risiko beworben. Die Wahrscheinlichkeit in Basel zu scheitern, war für sie kleiner als der Ehrgeiz, der sie antreibt. Sie hatte zuvor interimistisch die Zürcher Universität in schwieriger Zeit geführt, als Rektorin war sie dort nicht gewollt. Sie stand vor einer Sackgasse. So ist sie Rektorin in Basel geworden, der ältesten Universität der Schweiz, wie sie stets betont. Und sie sagt, «ich will es hier gut machen.»

In Basel macht sie einen brillanten Job, wenn gilt, wie sie über den grünen Klee gelobt wird. Finanzdirektorin Eva Herzog sagt: «Sie ist ein Glücksfall für unsere Universität». Grossrat Jürg Stöcklin (Grüne), Mitglied der interparlamentarischen Aufsichtskommission, sagt: «Ich bin ehrlich beeindruckt.» Das Lob findet sich ungeteilt auf der Landschaft und von bürgerlicher Seite wieder. Landrätin und ebenfalls Kommissionsmitglied Caroline Mall (SVP) sagt: «Sie ist eine Schlüsselfigur, eine Bereicherung, ein Vorbild.» Landrat Daniel Altermatt (GLP) sagt: «Pointiert und authentisch bringt sie die Universität ohne professorale Allüren auf Trab.»

Innerhalb der Universität setzt sich der Lobgesang fort. Uniratspräsident Ueli Vischer betont «ihre Führungskraft und ihren Elan». Regenz-Vorsteher Thomas Sutter-Somm sagt: «Sie vertritt die Interessen der Universität nach innen und aussen hervorragend.» Daniela Thurnherr, Dekanin der Juristen, lobt die Freiheit, die sie den Fakultäten gebe. Selbst Studentenvertreter Giuliano Borter (Skuba) sagt: «Sie hat für uns immer ein offenes Ohr.»

Geschaffenes Wohlwollen

Die Rektorin hat viel in die gute Stimmung investiert. Mit der Baselbieter Bildungsdirektorin Monica Gschwind suchte sie intensiv den Kontakt, bis daraus ein Gespräch wurde. Sie zeigte sich zugänglich an öffentlichen Anlässen in der Landschaft, tingelte durch die Rotarier-Vereine. In Basel war sie bei den Zünften zu Gast und liess sich davor beraten, welche informellen Hierarchien bei den Zusagen zu berücksichtigen sind. Sie umkurvt Fettnäpfe umsichtig und erwischt treffsicher den richtigen Ton. Die Steifheit, die sich aufgrund von Äusserlichkeiten vermuten lässt, verfliegt, wenn sie ihre Gesprächspartner mit Energie überschwemmt. Ein Professor sagt: «Sitzungen mit ihr sind einfach inspirierend.»

Schenker-Wicki hat allerdings nicht nur kommunikatives Wohlwollen verbreitet, sie hat es sich auch knallhart organisiert. Im Rektorat ist einzig Verwaltungsdirektor Christoph Tschumi länger im Amt als sie. Hatte dieser unter dem Geisteswissenschafter Loprieno freie Hand, ist er nun an kurzer Leine der Betriebswirtschafterin. Die Zahl der Vizerektoren hat sie nach dem Rücktritt von Hedwig Kaiser von drei auf zwei reduziert und die Verbliebenen, die selbst Ambitionen gehegt hatten, demissionierten. Sie wollten sich angeblich wieder auf ihre wissenschaftliche Arbeit konzentrieren. Schenker-Wicki besetzte neu mit Professoren ihrer Wahl.

Anders als Loprieno, der sich einen akademischen Spass daraus machte, die Fakultäten provozierend aufzuwiegeln, lässt Schenker-Wicki diese autonom agieren. Sie verlangt «Exzellenz», die Umsetzung delegiert sie, was ihr das Wohlwollen auch der Professorenschaft sichert. Selbst vom aktuellen Sparauftrag verschont sie die Fakultäten weitgehend. Vom 36-Millionen-Paket, das derzeit umgesetzt wird, fallen nur gerade sieben Millionen Franken bei ihnen an: Zehn Millionen entnimmt Schenker-Wicki den Reserven, 16 Millionen fliessen weniger in den Immobilienfonds und drei Millionen Franken werden im Überbau eingespart.

Politiker im jüngeren Trägerkanton Basel-Landschaft sind entzückt über eine Rektorin, die ohne Aufhebens ihren «Sparbefehl» umsetzt. Dass Schenker-Wicki mehr Anschein erweckt als wirklich Kosten spart, lassen sie sich gefallen. Im Gegenzug gewährt die Rektorin eine Einmischung der Politik in universitäre Belange, die unter ihrem Vorgänger undenkbar schien.

Dass die Regierungen etwa selbst Standortentscheide zu einzelnen Fakultäten treffen und diese in Abwesenheit der Universitätsleitung der Öffentlichkeit verkünden, verstösst klar gegen die Autonomie der Universität. Schenker-Wicki lässt den Affront zu, spaziert währenddessen über den Dreispitz und macht damit die politische Kaste selig.

Erster Leidtragender der führungsbetonter Laisser-faire-Strategie ist der Unirat mit seinem Präsidenten Ueli Vischer. Das auf dem Papier wichtigste Gremium in strategischen Fragen tendiert in Richtung Bedeutungslosigkeit. Nun haben ihm die Regierungen auch noch die Hoheit über die Immobilien entzogen. In zwei Jahren wird Vischer, ein Vertreter alter und bisweilen veralteter Schule, von Beat Oberlin, dem ehemaligen Chef der Baselbieter Kantonalbank, abgelöst. Profitieren wird Schenker-Wicki, die einen Gesprächspartner erhält, der unerprobt im akademischen Zirkus dieselbe Managersprache spricht.

Mit vollem Einsatz

Schenker-Wicki will es in Basel wissen. Denn ist richtig, was gemunkelt wird, hat sie sowohl Anfragen der ETH als auch des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation abgeblockt. Erreicht hat sie bisher aber bloss, was sie selbst «Stabilisierung» nennt. Was sie will, ist jedoch ein Ausbau, was heisst: mehr Geld. Dazu braucht sie Politiker, die ihr auch hörig sind, wenn sie ihr Budget für die Leistungsperiode ab 2022 präsentiert. Wenn dafür hilft, dass für zwei Fakultäten auf dem Dreispitz gebaut werden muss, ist ihr dies der Preis wert.

Ihre Musik spielt aber weder bei den Juristen noch bei den Ökonomen und schon gar nicht bei den Geisteswissenschaften. Life Science ist es, worauf sie mit Volldampf zusteuert. In diesem Bereich hat sie in den vergangenen Monaten mit Novartis und der Botnar-Stiftung 200 Millionen Franken Drittmittel für die nächsten zehn Jahre eingeworben.

Dafür setzt sie sich mit voller Energie ein. Pendelt täglich nach Basel, zumindest vier Tage die Woche. Den fünften Tag ist sie in Zürich zu erreichen, Home Office. Das muss sein.