Herr Beck, anderthalb Jahre vor Ihrem Antritt als Theaterdirektor in Basel sind Sie medial bereits sehr präsent, in einigen Artikeln werden Sie sogar angegriffen – Monate, bevor Sie überhaupt hier angefangen haben. Wie ist das für Sie?

Andreas Beck: Ich bin überrascht. Vieles ist ja nur Vermutung. «Murmel, murmel», um es mit dem schönen Stück von Herbert Fritsch zu sagen. Warten wir doch mal ab, bis wir zur Sache kommen.

Sie nehmen sich die Kritiken also nicht allzu sehr zu Herzen?

Die erste Regel ist: Wer sich auf ein Fass stellt, darf sich nicht wundern, wenn es Kommentare gibt. Das war hier in Wien am Anfang nicht anders. Irgendwann beruhigt sich das, weil die Arbeit der Künstlerinnen und Künstler in den Vordergrund tritt.

Anderseits: Es wird Unglaubliches von Ihnen erwartet.

Es müsste schon ein Theaterwolpertinger (bayrischer Ausdruck für «eierlegende Wollmilchsau, Anm. d. Red.) richten: Auf der einen Seite will man einen richtig brutalen Rowdykünstler, mindestens so kontroversiell wie Lars von Trier. Der sich aber in seinem inszenatorischen Kunstgriff nicht über den Werktreuebegriff Franco Zeffirellis hinauswagt, und gleichzeitig ein Publikumsmagnet vom Schlage Hansi Hinterseers ist. Das liegt an unserer Zeit. Wir erwarten uns immer ein Fest. Die Schwierigkeit ist bloss: Im Saal sitzen einige hundert verschiedene Leute, die nicht alle dieselbe Party ausrichten würden. Statt eines grossen Wunschkonzertes habe ich lieber die Verführung durch die unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstler.

In Kommentaren wird gewünscht, dass Sie das Theater Basel wieder zu einem «kulturellen Kraftort» machen, der weitherum für Gesprächsstoff sorgt. Ist das überhaupt möglich? Sie können das Theater ja nicht neu erfinden.

Gegenfrage: Kann das eine Kulturorganisation heute noch alleine leisten, oder geht es nicht um eine Vernetzung vor Ort? Ich denke, das Theater Basel sollte ein polyfoner Ort sein, den unterschiedlichste Menschen für sich entdecken können. Aber es geht auch um Zusammenarbeit mit anderen Kulturträgern.

Sie haben sich am Schauspielhaus Wien auf zeitgenössische Autoren und Dramatik konzentriert. Werden Sie in Basel den Fächer öffnen?

Weil ich ein Spezialist für Gegenwartsdramatik bin, wird vermutet, dass das die einzige für mich denkbare Ausrichtung für dieses Haus wäre. Das ist natürlich Kokolores. Warum sollte ich in Basel wiederholen, was ich in Wien schon getan habe? Die Pflege des Erbes, der Tradition, ist mir wichtig und reizt mich an meiner neuen Aufgabe besonders. Die Frage ist nur: Setze ich zuerst den Klassiker oder überlege ich, welche Künstlerinnen oder Künstler, welche Strömungen der Gegenwart faszinieren mich, um aus diesen Überlegungen heraus einem Künstler der Gegenwart einen klassischen Repertoiretext gegenüberzustellen? Ein Theater, das nicht die eigene Gegenwart reflektiert, ist museal. Stücke müssen aus unserer Zeit reflektiert werden. Das sollte allerdings überzeugend passieren und kann nicht über ein Requisit wie ein Handy schon erledigt sein.

Sie sprechen viel vom Verführen. Wie machen Sie es bei den Baslern?

Dialogisch. Für mich ist Theater immer Dialog: mit dem Kunstwerk, den Künstlern und ganz besonders mit dem Publikum.

Widersprüchlich ist, dass der Verwaltungsratspräsident des Theaters Basel ein eher konservatives, populäres Verständnis hat von Theater, das möglichst viele Menschen unterhalten soll; derweil Sie hier Modernes und Verrücktes wagen.

Ich habe am Burgtheater gelernt; da hatten wir jeden Abend 2000 Plätze zu füllen. Die Burg habe ich fünf Jahre erfolgreich mitprogrammiert. Aber was meint Unterhaltung? Ich persönlich unterhalte mich auch sehr gut, wenn ich Künstlerinnen und Künstlern beim Denken zusehe, wenn ich etwas lerne und neue Fragen mitnehmen kann.