Neuzuzüger
Angebot für Gratis-Deutschkurse wird kaum genutzt

Neuzuzüger in Basel können einen Deutschkurs besuchen – offeriert vom Staat. Doch das Gratisangebot wird nur verhalten genutzt. Die Nachfrage nach den Gutscheinen hingegen ist riesig.

Mark Walther
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Die Basler Gutscheine für Deutschkurse werden oft nicht eingelöst. Bild: Deutschkurs in Ebnat-Kappel.

Die Basler Gutscheine für Deutschkurse werden oft nicht eingelöst. Bild: Deutschkurs in Ebnat-Kappel.

Sandra Ardizzone

Wer seit Mai 2015 nach Basel gezogen ist, fand in der Willkommensmappe nicht nur ein Begrüssungsschreiben, diverse Vergünstigungen und Jodtabletten, sondern auch einen Gutschein für einen Deutschkurs. Bis Ende Juli sind 4030 dieser Gutscheine in den Umlauf gelangt. Davon haben die zwölf Sprachschulen, mit denen das Basler Erziehungsdepartement (ED) zusammenarbeitet, 1032 abgerechnet. Das bedeutet: Knapp jeder vierte Gutschein wurde eingelöst.

Die tatsächliche Situation ist allerdings weniger gravierend, als diese Zahl vermuten lässt. Denn die Gutscheine können bis zu einem Jahr nach Ausstelldatum eingelöst werden. Ausserdem rechnen die Sprachschulen die Gutscheine beim ED erst am Kursende ab. Für Kurse, die erst noch beginnen, können einige Gutscheine also bereits eingelöst, aber noch nicht abgerechnet worden sein. Teresa Tschui von der Fachstelle Erwachsenenbildung des ED schätzt, dass rund 40 Prozent aller Neuankömmlinge einen Gratis-Deutschkurs in Anspruch nehmen.

«Grosses Interesse» erwartet

Das ist insofern kein berauschender Wert, als die Fachstelle in ihrem Konzept zur integrativen Sprachförderung davon ausgeht, dass ein «grosses Interesse» an Deutschkursen besteht. Tschui will aber noch kein Fazit ziehen: «Nach zwei Semestern ist es jetzt noch zu früh, um den Erfolg der Gratis-Deutschkurse zu beurteilen. Ausserdem besteht eine riesige Nachfrage nach den Gutscheinen.»

Dass diese dann mehrheitlich nicht eingelöst werden, hat laut Tschui verschiedene Gründe: Einige Neuzuzüger lernen am Arbeitsplatz Deutsch, brauchen den Kurs also nicht zu besuchen. Vielleicht gehe der Gutschein manchmal im Dschungel der Willkommensunterlagen unter, mutmasst Tschui: «Bis man sich dann eingelebt hat und den Gutschein zur Hand nimmt, ist er vielleicht schon abgelaufen.» Tschui weist darauf hin, dass nicht eingelöste Gutscheine keine Kosten verursachen.

Eine Kursteilnahme à 80 Lektionen kostet den Kanton 1200 Franken. Mit der Anzahl bisher eingelöster Gutscheine multipliziert ergibt das Kosten von 1,24 Millionen Franken.

Für 2017 budgetiert Basel für die Gratis-Deutschkurse 1,5 Millionen Franken weniger. Das liegt nicht nur an den nicht eingelösten Gutscheinen, sondern auch daran, dass man ursprünglich davon ausging, allen Neuzuzügern einen Kurs zu offerieren – und nicht nur jenen mit einer Aufenthaltsbewilligung B.

Damit hängt eine weitere Kinderkrankheit zusammen. Es sind vor allem Gutgebildete, die vom Gratisangebot Gebrauch machen. «Die Idee war es, bildungsfernen Schichten Zugang zu einem Deutschkurs zu verschaffen», erklärt Tschui. Den Grund für diese Diskrepanz vermutet sie in der Tatsache, dass nur Zuzüger mit einer Aufenthaltsbewilligung B einen Gutschein erhalten. Diese bekommt unter anderem, wer in der Schweiz für mindestens ein Jahr angestellt wird – was eher auf Gutgebildete zutrifft. «Wir analysieren genau, wer die Kurse besucht», sagt Tschui. Es sei aber verfrüht, um bereits über Korrekturen am Programm zu diskutieren.

Kursbesucher profitieren sehr

Dem Unterricht in den 205 laufenden Kursen attestiert Tschui eine hohe Qualität. 9 von 10 Kursbesuchern, die am Ende einen Fragebogen ausfüllten, gaben denn auch an, viel bis sehr viel vom Kurs profitiert zu haben. Das steht etwas in Widerspruch dazu, dass nur 6 von 10 Teilnehmern am Kursende eine Kursbestätigung erhielten, sprich mindestens 80 Prozent der Lektionen besucht haben. Zum Vergleich: Von Deutschkursteilnehmern, die der Kanton aufgrund ihres tiefen Einkommens finanziell unterstützt, erhalten 9 von 10 eine Kursbestätigung.

Kritik an Arbeitgeber

Wer die 80-Prozent-Hürde nicht schafft, gibt dafür vielfach berufliche Gründe an, sagt Tschui: «Offenbar ist es schwierig, neben der Arbeit Zeit für den Kurs zu finden. Das stört mich.» Ihre Kritik geht an die Arbeitgeber: «Es sollte möglich sein, neuen Mitarbeitern Zeit für einen Deutschkurs zu geben. Wir bieten auch Kurse über den Mittag an. Kurse um 22 Uhr, das geht leider nicht.» Nicht unterschätzen dürfe man die Integrationsfunktion der Kurse, wo man unkompliziert neue Leute kennenlerne.

Obwohl nur etwa 40 Prozent aller Gutscheine eingelöst werden, will Tschui nicht mehr Druck auf die Neuzugezogenen ausüben: «Wir sollten nicht mit einem Geschenk Druck machen. Der Gratis-Deutschkurs ist eine Geste, die zur Integration motivieren soll.»