Tanja F. * (Name der Red. bekannt) ist Anfang 20. Die ganze Kindheit und auch später hat sie unter der psychischen Krankheit ihrer Mutter gelitten. Wahnhafte Störungen, Depressionen und Psychosen wechselten einander ab. Als krank hat die Mutter sich nie gesehen. Schuld an Problemen oder krank waren immer die anderen: die Tochter, der Mann, Freunde ...
Selbst für eine schwere OP machte sie Tanja verantwortlich, die diese durch negative Gedanken hervorgerufen habe. 20 Jahre hat die Tochter mit niemandem über die schwierige Situation zu Hause geredet. «Als Kind und Jugendliche wusste ich, dass bei uns etwas anders war, aber als Krankheit habe ich das nie verstanden.»

Mutter hat Therapie verboten

Mit 15 Jahren wollte sie eine Therapie machen. «Aber meine Mutter hat das verboten. Sie hat gespürt, dass dann herauskommt, dass ihr Verhalten nicht normal war.» Vor gut zwei Jahren wurde es ganz schlimm. «Sie hatte Panikattacken und Verfolgungswahn. Wir sind durch die Hölle gegangen.» Erst vor einem Jahr sei Tanja klar geworden, dass es zu Hause nie eine normale Lebenssituation gab.

Heute redet sie mit Freunden und Studienkollegen darüber, dass ihre Mutter psychisch krank ist. Sie studiert Soziale Arbeit. Vorher hatte sie ihre Ausbildung für zwei Jahre auf Eis gelegt, um der Mutter zu helfen. Derzeit ist diese in der Klinik.

Das Treffen mit Tanja hat Diana Michaelis organisiert. Sie leitet die neue «Anlaufstelle für Angehörige und Kinder psychisch kranker Menschen». 15 derartige Stellen habe es in der Schweiz bereits gegeben, aber keine in Basel. «Zustande gekommen ist sie, weil sich das Gesundheits- und das Erziehungsdepartement die Kosten teilen», berichtet Michaelis. Die Stelle ist der Stiftung Rheinleben angegliedert.

Das 40 Prozent-Pensum ist für 3,5 Jahre finanziert. «Es gibt einen Riesenbedarf. Nur ein Drittel der Kinder aus Familien mit psychisch kranken Elternteilen kommt gesund heraus.» Das generiere enorme Folgekosten, weil sie Therapie brauchen oder IV beziehen. «Es gibt viele Stellen, die helfen, aber sie sind wenig bekannt.»

Tanja hat die Anlaufstelle über Google gefunden und ist froh. 22 Fachleute habe sie vorher um Hilfe angefragt. Sie wussten in der schwierigen Lage nicht weiter. «Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass ich mit meinen Problemen ernst genommen werde.» Ihr ist wichtig, dass psychische Erkrankungen enttabuisiert werden. Dazu beitragen sollen die «Aktionstage psychische Gesundheit», die Sonntag beginnen. Die Anlaufstelle hat dann ihren ersten offiziellen Auftritt.

Dokfilm über Kinder und Jugendliche psychisch Kranker mit Podiumsdisk. So, 21.10, 11-13 Uhr Kult. Kino Atelier, Theaterstr. 7, Eintritt frei.