Die Atmosphäre war anders. Am Podium «Basel im Gespräch» in der Offenen Kirche Elisabethen waren die Leute nervöser, die Stimmung angespannter, und auch die Diskussionen schienen hitziger als bei anderen Themen. Sechs Sicherheitsleute kontrollierten am Dienstagabend die Besucher, Taschen mussten sogar abgegeben werden. Das Thema «Islam.Zukunft.Schweiz.» zog rund 250 Leute in die Kirche.

Unter den fünf Teilnehmern wurde viel über die Rolle der Frau im Islam gesprochen. Die individuelle Interpretation des Korans spielte dabei eine grosse Rolle.
Vor allem Seyran Ates, Frauen- und Menschrechtsaktivistin und Anwältin, brachte vermehrt ihre Meinung zu diesem Thema ein. Sie ist die Gründerin einer offenen Moschee in Berlin. Dort dürfen Frauen mit oder ohne Kopftuch beten und vor allem auch vorbeten, was in streng orthodox-muslimischen Kreisen nie denkbar wäre.

Für ihren Mut zahlt Ates einen hohen Preis. 1984 überlebte sie ein Attentat auf ihre Person, seit der Gründung der Moschee steht sie unter Personenschutz. Auch in ihrer Rolle als Anwältin trifft sie vermehrt auf muslimische Mandantinnen, welche aufgrund ihrer Religion von Männern schlecht behandelt werden.

Auch Jasmina El Sonbati Gymnasiallehrerin und Autorin («Gehört der Islam zur Schweiz?») kämpft für eine zeitgerechte Interpretation des Islam.

Dem Geschäftsführer der Vereinigung der Islamischen Organisation und stellvertretendem Imam der Bosnischen Moschee in Schlieren Muris Begovic, stellte El Sonbati die Frage, ob es möglich sei, mit einigen Frauen in seine Moschee zu kommen und dort ohne Kopftuch zu beten - vielleicht sogar vorzubeten. Seine Antwort blieb im Raum stehen und liess viel Interpretationsraum offen: «Bei uns in der Moschee dürfen sogar christliche Jugendliche Theater spielen, wieso sollten sie dort also nicht beten können?». Die Frauen in der Runde ignorierten die Antwort, auch aus dem Publikum kamen über das «offene Mikrofon» keine Voten dazu. Sonst wurde das Angebot jedoch rege genutzt. Viele Zuhörer taten ihre Meinung kund.

Empörung im Publikum

Nicht nur Leute muslimischen Glaubens hatten etwas zu sagen. Atheisten, Pfarrer und Grossräte brachten sich in die Diskussion ein. Ates musste sich gegen diverse Aussagen aus dem Publikum verteidigen. Eine kopftuchtragenden Basler Muslimin stand empört auf, streckte den Koran in die Höhe und sagte: «Ich habe kein Problem mit Ihnen Frau Ates. Ich habe nur ein Problem damit, dass Sie Ihr Tun muslimisch nennen.»

Nachdem die Diskussion zwanzig Minuten lang ein wenig dahinplätscherte, liess Ates die Katze aus dem Sack: «Sprechen wir Klartext. Wir haben ein grosses Polizeiaufgebot vor Ort und Sicherheitspersonal muss die Veranstaltung begleiten». Dies sei der Fall, weil viele Moslems ihre Interpretation für die einzig wahre halten würden. Im Koran stehe jedoch beispielsweise nirgends geschrieben, dass eine Frau beim Beten ein Kopftuch tragen müsse.

Kerem Adigüzel, Redaktor bei Alrahman, Mitglied der Koranforschungsgruppe Istanbul und Autor, fasste die Diskussion zusammen: «Ich finde es schwierig, wenn Leute von «dem» oder «ihrem» Islam sprechen. In der Religion gibt es kein richtig oder falsch».

Zukunftsfragen

Zum Schluss liess Lorenz die Diskutanten in die Kristallkugel blicken und stellte die Frage: Wie sieht die Zukunft des Islams im Jahr 2065 in der Schweiz aus? Yavuz Tasoglu, Mitglied der Basler Muslim Kommission, antwortete: «Ich hoffe, wir haben dann eine muslimische Bundesrätin, bei der es egal ist, ob sie nun ein Kopftuch trägt oder nicht.» Und Ates meinte: «Ich wünsche mir, dass niemand mehr andere Menschen aufgrund seiner Religion oder Überzeugung abschlachtet.»