Auszeichnung

«Angst, dass sich das eigene Leben verändert»

Souvenir vom Ausnahmezustand: Ein Freiwilliger aus «Volunteer» trocknet vor seinem Schweizer Zuhause die Arbeitskleidung. (zvg / Sulaco Film)

Souvenir vom Ausnahmezustand: Ein Freiwilliger aus «Volunteer» trocknet vor seinem Schweizer Zuhause die Arbeitskleidung. (zvg / Sulaco Film)

Der Basler Filmpreis 2019 geht an den Dokumentarfilm «Volunteer» über Freiwilligenhilfe für Bootsflüchtlinge in Griechenland. Das Regie-Team Anna Thommen und Lorenz Nufer hatte dafür am diesjährigen Zurich Film Festival schon den Publikumspreis erhalten. Der Basler Filmpreis für den besten Langfilm geht an die Doku «Volunteer». Er schildert die Rückkehr von Flüchtlingshelfern.

Ein Berner Viehbauer, eine gut betuchte Tessinerin, ein Entertainer und ein frisch verheiratetes Paar, das eigentlich nur seine Flitterwochen geniessen wollte: Der grossartige Dokumentarfilm «Volunteer» erzählt davon, wie Schweizer Freiwillige auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise nach Griechenland reisen und dort nicht nur Menschen retten, sondern – in einem gewissen Sinn – auch ihre eigene Menschlichkeit. Ein Gespräch mit den beiden Filmemachern Anna Thommen («Neuland») und Lorenz Nufer.

Ich verstehe «Volunteer» als einen Film über den Mut, sich der eigenen Feigheit zu stellen. Wie sehen Sie das?

Lorenz Nufer: Feigheit? Das finde ich zu hart. Es geht eher um die eigene Empörung über Zustände, die nicht akzeptabel sind. Um Wege, das zu ändern.

Anna Thommen: Wobei ... Ich verstehe diese Frage schon. Es geht ja darum, dass man sich an der eigenen Nase nimmt. Startpunkt zu diesem Projekt war für mich, dass ich zu Hause sass und dem Flüchtlingsdrama zuschaute. Und ja, ich hatte Angst davor, mich dem auszusetzen. Man ist zwar entrüstet und findet, dass das nicht so sein darf. Aber man hat Angst, dass sich das eigene Leben verändert: Wenn man einmal aus der Komfortzone draussen ist, kann man nicht mehr zurück. Die freiwilligen Helferinnen und Helfer wissen das und gehen trotzdem. Das ist sehr mutig.

In «Neuland» haben Sie sich bereits mit einer Basler Integrationsklasse beschäftigt. Ist «Volunteer» die logische Fortsetzung davon?

Thommen: Ich war für das Thema sicher schon sensibilisiert, ich konnte mir denken, was für Schicksale dahinterstecken. Da bestand eine Nähe, das konnte mich nicht kaltlassen. Aber ich wusste in dem Moment nicht, was ich tun sollte. Ich war mit einem kleinen Kind zu Hause und schwanger und konnte nicht nach Griechenland reisen. In dieser Situation hat mich Lorenz kontaktiert und mir von seinem Cousin erzählt, der das Hilfsprojekt «Schwizerchrüz» angerissen hat. Er fragte mich, ob ich ihm helfen wolle, und da sah ich eine Möglichkeit, mich engagieren zu können.

Wie haben Sie die Freiwilligen für Ihren Film gefunden?

Nufer: Ich war mehrmals mit meinem Cousin vor Ort, in der Türkei, in Griechenland und an der serbisch-ungarischen Grenze. Durch diese Einsätze habe ich die Protagonisten in unserem Film näher kennen gelernt und ausgesucht.

Thommen: Wir fanden das eine gute Arbeitsteilung. Unser Film handelt ja vor allem auch davon, was mit den Rückkehrern in der Schweiz passiert. Lorenz war sehr involviert, auch emotional. Ich hatte dagegen mehr Distanz und konnte entscheiden, was für die Dramaturgie wichtig ist.

Viele Schweizerinnen und Schweizer empfinden Mitleid, wagen den Schritt aber nicht. Was können Sie tun?

Thommen: Die Leute im Film gehen ja nicht nur auf Einsatz, sie engagieren sich auch zu Hause weiter. Das kann jeder: einen Brief schreiben, ins Bundeshaus gehen und mit Politikern Kontakt knüpfen. Ich war selber überrascht, wie einfach das ist.

Nufer: Man kann auch einfach den Flüchtlingen, die es zu uns geschafft haben, begegnen. Es gibt niederschwellige Angebote wie zum Beispiel Gemeinschaftszentren, in denen Deutschkurse angeboten werden. Man kann sich also im ganz alltäglichen Leben der Flüchtlinge engagieren. Auch das hilft.

In Ihrem Film gibt es keine Heldinnen und Helden. Trotzdem oder eben deswegen ist er sehr inspirierend.

Thommen: Ich habe von ganz vielen Leuten gehört, die sich nach diesem Film für ein kleines Engagement entschieden haben. Meine Mutter zum Beispiel ist Handarbeitslehrerin. Sie stellt jetzt mit Frauen ihres Dorfes wiederverwendbare Binden her – für flüchtende Frauen.

Gewinnerinnen und Gewinner des Basler Filmpreises 2019
Dirk Koy und Max Philipp Schmid (Medienkunst), Patricia Wenger (Kurzfilm), Anna Thommen und Lorenz Nufer (Langfilm).

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