Ängste füttern

Willi Näf
Merken
Drucken
Teilen

2016 las ich im Internet, Hillary Clinton und Barack Obama würden im Keller einer Pizzeria in Washington D.C. einen Kinderpornoring unterhalten. Quelle war ein Anonymus namens «Q.». Ein tapferer US-Bürger wollte die armen Kellerkinder retten, erschoss in der Pizzeria einen Computer und zwei Türschlösser und stellte fest, dass der Laden nicht einmal unterkellert war. Er bekam vier Jahre Gefängnis für diese Tat, und vermutlich machte er sich in seiner Zelle Vorwürfe, dass er nicht auch noch gleich im Estrich der Pizzeria nachgesehen hat, «Q.» könnte sich ja geirrt haben.

Diese Wochen sah ich im Fernsehen «Coronaskeptiker», die in Berlin demonstrierten. «Die Kanzlerin ist eine Satanistin!», rief einer. «Die Unicef entführt Kinder», raunte ein anderer. «Sie bringen sie zu den Eliten, und die essen sie, die quälen sie und trinken ihr Blut.» Einige Demonstranten trugen ein Q auf ihrem T-Shirt. Und da ja Moden wie auch Saumoden aus den USA via Deutschland schliesslich zu uns kommen, gerät man alsbald ins Grübeln über die Ernährungsgewohnheiten unserer Elite. Essen im Bundesrat nicht alle gerne rustikal? Trinken Guy Parmelin und Ignazio Cassis nicht alles, was rot aussieht? Und Simonetta Sommaruga? Am blutrünstigsten sind doch immer diejenigen, die am vegansten aussehen. Wer das nun als Unfug abtut, frage sich: In welcher Stadt arbeiten denn die Bundesräte? In Bern. Und in welcher Stadt steht der Kindlifresserbrunnen? Auch in Bern. Zufall?

An Verschwörungs-Erzählungen haben sich Mitmenschen schon früher aufgegruselt, haben ihre Gefühle von Machtlosigkeit und Angst und ihre eigenen dunklen Seiten ausgelagert auf Teufel, Dämonen, «Weltjudentum», Freimaurer, Hexen und andere Projektionsflächen. Offenbar sind die Leute trotz der Aufklärung nicht gescheiter geworden. Unzählige Konspirationisten verbreiten ihren Bockmist, im Internet anonym, unbelastet von An- und Verstand. Und je unsicherer die Zeiten sind, desto mehr arme Seelen glauben den Schmarren. Wer seine eigenen Ängste nur lang genug mit der Vorstellung von Kindli­fressern im Bundeshaus auffüttert, glaubts irgendwann wirklich. Etwas muss schliesslich dran sein, oder wieso, glauben Sie, steht der Bärengraben ausgerechnet in Bern, wenn nicht für die Verwertung der Fleischreste?