Anklage
15-Jährige mit Methadon vollgepumpt und dann sterben gelassen

Eine Jugendliche schluckte im März 2019 eine Überdosis Methadon-Tabletten. Nun müssen sich zwei Personen vor Gericht verantworten, weil sie das Mädchen trotz klarer Warnsignale im Stich liessen.

Jonas Hoskyn
Drucken
Teilen
Methadon wird auch von Jugendlichen als Droge konsumiert.

Methadon wird auch von Jugendlichen als Droge konsumiert.

pixabay.com

26 Methadontabletten zu 5 mg hatte die damals 15-Jährige geschluckt, als sie in den frühen Morgenstunden des 19. März auf dem Sofa einer Freundin einschlief. Die Jugendliche war ein paar Tage zuvor mit einer Freundin aus dem Heim im Kanton Bern, in dem sie platziert waren, abgehauen und hatte in Riehen in der Wohnung einer Freundin Unterschlupf gefunden.

Offenbar war es durchaus üblich, dass Teenager in der Wohnung übernachteten. Die Mutter, eine heute 46-jährige Sozialhilfebezügerin, kümmerte das nicht. Ein heute 22-Jähriger wohnte quasi fix dort. Der Mann konsumierte gemäss Anklageschrift das synthetisch hergestelltes Opioid Methadon und hatte auch in der Vergangenheit mehrfach Minderjährige mit Tabletten versorgt. Woher er die Drogen hatte, bleibt unklar. Eine Vermutung ist, dass er sie bei seiner Mutter mitgehen liess.

Drei «Portionen» – jede alleine schon lebensgefährlich

Auch den Teenagern, die am Sonntagabend anwesend waren, hatte der Mann bereits früher Methadon besorgt. Dem einen Mädchen übergab er zwei Mal acht und dann noch zehn Tabletten. Laut der Staatsanwaltschaft wäre bereits eine dieser «Portionen» gesundheits- oder gar lebensgefährlich gewesen.

Schwer sediert schlief das Mädchen kurz darauf im Wohnzimmer ein. Die zweite Erwachsene, die Mutter, war den Abend über fast ausschliesslich in ihrem Zimmer und kiffte. Die Jugendlichen liess sie ohne Kontrolle oder Überwachung gewähren. Im Wohnzimmer kümmerten sich weder der Angeklagte noch die zwei anwesenden Teenager offenbar gross um den Zustand der 15-Jährigen.

Trotz klarer Warnsignale nichts unternommen

Auch als sie am Morgen feststellten, dass sich das Mädchen nicht wecken liess, und «komisch» atmete, wurde vorerst nichts unternommen. Erst nach fast zwei Stunden begannen die Jugendlichen bei Kollegen nachzufragen und zu googeln, wie man bei einer Überdosis Methadon vorgehen soll. Doch selbst als eine Kollegin, die eine Lehre in der Pflege macht, am Telefon eindringlich dazu riet, die Ambulanz zu rufen, handelte niemand. Auch die Mutter, die zwischenzeitlich mit dem Hund spazieren war, sah keinen Anlass, der Jugendlichen zu helfen. Stattdessen ging sie später einkaufen. Der heute 22-Jährige verliess gegen Mittag ebenfalls die Wohnung, ohne dass er etwas unternommen hätte.

Erst als das Mädchen anfing, nach Luft zu schnappen, ihr eine bräunlich-rötliche Flüssigkeit aus der Nase lief und die zugeschaltete Kollegin per Telefon nochmals darauf insistierte, die Ambulanz zu rufen, wurde schliesslich der Notruf gewählt. Die 15-Jährige verstarb zwei Wochen später mit schweren Organschädigungen an den Spätfolgen der Überdosis.

Der Dealer und die Mutter müssen sich im Dezember vor dem Strafgericht verantworten. Der Mann ist unter anderem wegen vorsätzlicher Tötung durch Unterlassen angeklagt, die Frau wegen Aussetzung, weil sie das Mädchen im Stich liess. Für die Teenager ist das Jugendgericht zuständig.

Aktuelle Nachrichten