2011 standen alle Zeichen auf Erfolg: Anna Aaron gewann den Basler Pop-Preis und, damit nicht genug, auch gleich noch den Publikumspreis. Die 26-Jährige hatte gerade ihr Album «Dogs in Spirit» veröffentlicht, wurde als nächste Sophie Hunger gehandelt. Nicht nur, weil sie schon in jungen Jahren als eigenständige, konzentriert arbeitende Sängerin und Songwriterin auftrat, sondern auch, weil sie vom selben Management und Label in Lausanne unter Vertrag genommen worden war: Two Gentlemen.

Die Kooperation mit diesem Label ist mittlerweile Geschichte. Was ist passiert? Anna Aaron schildert es gerne, es ist ihr ein Anliegen zu erklären, was ihr in den vergangenen Jahren widerfahren ist und warum es lange Zeit still um sie war.

Eigentlich sei sie vor vier Jahren in einem grandiosen Hoch gewesen, sagt sie bei einem Kaffee. Sie hatte in England ihr zweites Album, «Neuro», aufgenommen, mit dem Produzenten David Kosten viel gelernt und grosse Wärme und Begeisterung erfahren.

Glückshormone und Tiefschlag

«Zurück in Basel, begann die Musik aus mir auszubrechen, wie bei einem Vulkan. Es war eine Überschüttung von Glückshormonen, ich wusste nicht, wie mir geschah», sagt sie. «Es war kreative Energie, eine spirituelle Erfahrung.»

Sie schrieb Lieder über ihre Kindheit auf den Philippinen, wo die Eltern missionarisch tätig waren. Als sie eines Tages mit ihrem Bruder Alain, den man als Gitarristen von Sheila She Loves You kennt, über die Demos redete, fasste sie einen Plan: Das nächste Album wollte sie mit ihm aufnehmen.

Bereits da verspürte Anna Aaron einen Stimmungswechsel bei ihrem Label. «Ich merkte, dass man nicht wirklich an die neuen Lieder glaubte. Sie fanden sie schlecht.»

Kampf für die eigene Musik

Die Skepsis in Lausanne war auch auf eine kommerzielle Baisse zurückzuführen: «Neuro» (2014) war aufwendig produziert worden, hatte sich aber unter den Erwartungen verkauft. Ein Vertrauensverlust machte sich bemerkbar. Das negative Feedback kratzte an Aarons Selbstvertrauen, dennoch kämpfte sie für ihre neuen Lieder. «Wären diese nicht so stark gewesen, hätte ich vermutlich alles aufgegeben. So aber war ich bereit, den Karren an die Wand zu fahren und mich für die Musik, aber gegen das Label zu entscheiden.»

Denn das Label hatte vor, das Album von einem US-amerikanischen Produzenten abmischen zu lassen. Gegen Aarons Willen. «Ich sagte, dem Label, dass ich bestimmen wolle, wo es abgemischt wird. Die Antwort lautete: ‹Wenn du das machst, dann bist du ab jetzt auf dich alleine gestellt.› Ich folgte meinem inneren Gefühl. Und entschied mich fürs finanzielle Risiko.»

Widerstand und Hoffnung

Es kam zum Bruch. Aaron trug die Kosten selber. Und stand plötzlich auch vor einer existenziellen Krise. «Ich hatte sieben Jahre lang von der Musik gelebt und war nicht gegen Erwerbsausfall versichert.» Es schien, als würde ihr der Boden unter den Füssen weggezogen. Das Einzige, was ihr blieb: an die Musik zu glauben. «Aber es gab Tage, an denen ich das nicht konnte. Es kam vor, dass ich im Studio sass und nur noch heulte.»

Die Trennung von Two Gentlemen kostete Zeit, Geld und Nerven, die Suche nach einer neuen Lösung – Aaron ist nun bei der Basler Agentur Radicalis unter Vertrag – sorgte für weiteren Aufschub der Veröffentlichung.

Doch da war auch immer Hoffnung: «Ich habe viel über Psychologie, Religion und Magie gelesen und bin auf etwas gestossen, das man ‹die Krise an der Schwelle› nennt. Das kennt man zum Beispiel aus dem Buddhismus: im Moment des Todes ringst du mit deinem eigenen Ego, weil es nicht loslassen will. Es ist ein Symbol für Transformation. Darum interpretiere ich meine Erfahrung nicht als Krise, sondern als Widerstand.»

Raus aus der Comfort-Zone

Im Frühjahr 2018, man hatte sich schon gefragt, was mit Anna Aaron geschehen ist, gab sie einen Soloauftritt am BScene-Festival. Mutterseelenalleine stand sie auf der Bühne der Kasernen-Reithalle, sang und bediente zugleich Loops und Keyboards. Ein mutiges Comeback, das einem Befreiungsschlag glich. Zwei Monate hatte sie für diesen Solo-Auftritt geübt, unvorstellbar grosse Angst gehabt. Aber die Performancekünstlerin Marina Abramovic, die sie bewundert, lebt vor, dass es schmerzhaft ist, wenn man aus der Comfort-Zone rauskommen will. Nur so wachse man, sagt Anna Aaron.

«Pallas Dreams», das Album, erscheint zwar erst im Januar 2019, trotzdem ist sie ein weiteres Mal für den Pop-Preis nominiert. Das hat sie überrascht: «Ich rechnete überhaupt nicht damit», sagt sie und meint es nicht kokett. Erklären kann sie sich die Nomination damit, dass man sie offenbar wahrnimmt und hinter ihr steht. «Ich sehe die Nomination als Geste der Unterstützung. Daher bedeutet sie mir sehr viel.»

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