Religion

Annemarie Pieper: «Den Übermann brauche ich nicht mehr»

In einem neuen Buch beleuchtet Annemarie Pieper die Rolle von Gott.

In einem neuen Buch beleuchtet Annemarie Pieper die Rolle von Gott.

Kirchenmänner waren für Annemarie Pieper alles andere als Vorbilder. Ihre Vorbilder fand sie bei den Philosophen. Im Interview mit der bz erklärt die Philosophieprofessorin, warum sie Gott nicht mehr braucht.

Annemarie Pieper, mit einem schlechten Religionsunterricht und einer spürbaren Verachtung des Weiblichen begründen Sie, dass Ihnen der christliche Glaube verleidet wurde und abhandenkam. Wäre Ihre religiöse Identitätsfindung anders verlaufen, wenn Fragen nach dem Religiösen nicht abgetan worden wären?

Annemarie Pieper: Im Alter von 14, 15 Jahren richten sich Heranwachsende nach Vorbildern aus. Wenn in dieser Entwicklungsphase wie in meinem Fall jemand Religionsunterricht erteilt, der alles andere als ein Vorbild ist, wertet man automatisch das ab, wofür er steht. Wie alle Pubertierenden wird man kritisch gegenüber Autoritäten wie Lehrern, Eltern, Politikern oder kirchlichen Instanzen. Das halte ich noch für ganz normal. Aber durch meine spätere Lektüre christlicher Schriften hat sich das Unbehagen verstärkt, zumal man die damalige Zeit der Nachkriegsjahre in Deutschland berücksichtigen muss. Frauen spielten im öffentlichen Leben und in den Kirchen keine Rolle. Doch was mir dann in der Schweiz ab 1981 an Vertretern der Kirchen begegnete, spottet jeder Beschreibung.

Sie wurden 1981 als Philosophie-Professorin an die Universität Basel berufen. Wie reagierten die Kirchenrepräsentanten denn?

Unter vier Augen wurde ich von diesen Herren, darunter befanden sich auch solche im bischöflichen Rang, beleidigt. Man wisse ja, wie eine Frau an eine solche Stelle gekommen ist ...

Wie bitte, Ihnen wurde unterstellt, Sie hätten sich hochgeschlafen?

Ja, teilweise oder auch durch andere Gefälligkeitsdienste. Angesichts dieser Erfahrungen muss ich gestehen, es hat sich trotz aller anderslautenden Beteuerungen in den Kirchen nichts geändert. Frauen sind nur zum Dienen da. Dieses Frauenbild habe ich auch erlebt, als ich in den 70er-Jahren einmal mit Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., in Regensburg auf einem Podium sass. Ratzinger wurde von seiner Mutter und seiner Schwester umsorgt, aber ansonsten wurden sie von ihm nicht beachtet. Diese verächtliche Haltung hat mich derart gekränkt, dass ich beschloss, ohne den lieben Gott auszukommen.

Ohne den lieben Gott oder ohne die Kirche?

Ohne den lieben Gott, den sie als Stellvertreter meinten, repräsentieren zu dürfen, und ohne die Kirche sowieso, da ging man in unserer Familie nur bei Hochzeiten oder Beerdigungen hin. Ansonsten besuche ich Kirchen mit grosser Freude als Kulturgüter. Ich staune immer wieder neu, wenn ich zum Beispiel den Kölner Dom betrachte. Es wäre eine Schande, wenn solche Bauwerke im Zuge atheistischer Strömungen verschwinden würden.

Was sind die Gründe, weshalb Sie sich der Philosophie zugewandt haben? Andere begabte junge Frauen studieren Medizin oder wollen Lehrerin werden ...

... so war das auch in meinem Fall. Ich habe zunächst Anglistik und Germanistik studiert, wollte aber nicht in die Schule, sondern einen Beruf, der mit Literatur zu tun hat. Mir wurde zum Staatsexamen in diesen Fächern geraten, damit ich für alle Fälle eine existenzsichernde Perspektive hatte. Voraussetzung dafür wiederum war das sogenannte Philosophikum. In den ersten Vorlesungen – aberwitzig – habe ich nichts verstanden, als es um das Sein des Seienden ging, sofern es ist.

Wie hat Sie die Philosophie aber dennoch gepackt?

Ich hatte in Anglistik mit einer Dissertation über Virginia Woolf angefangen. In ihren Romanen bedient sie sich der «stream of consciousness»-Methode und stützt sich dabei auf den Philosophen Edmund Husserl. Diesen Strom des Bewusstseins zu analysieren, hat mich interessiert. Von Husserl verstand ich anfangs nichts. Es ging um die Intentionalität der Bewusstseinsakte. Darum habe ich mich intensiver mit Philosophie auseinandersetzen müssen, und so bin ich peu à peu hineingerutscht. Die wohlwollende Förderung eines Philosophieprofessors tat ein Übriges. Seine Klarheit im Denken war für mich vorbildlich. Das hat mir derart imponiert, dass ich tatsächlich zur Philosophie wechselte, ohne allerdings an eine Unikarriere zu denken.

Was hat Sie bei der Philosophie gehalten?

Mit den Philosophen Platon, Kant, Kierkegaard und Nietzsche habe ich Denker mit Bodenhaftung entdeckt, die mich auch sprachlich überzeugten. Dazu gesellten sich dann Camus und Sartre. Diese Art existenzialistischer Philosophie, die im Kontext der Alltagswelt über den Sinn von Existenz nachdenkt, hat mich fasziniert. Dazu gehörten Fragen wie zum Beispiel: Was passiert nach dem Tod?

Gerechtigkeit, Güte, Weisheit, Wahrhaftigkeit: Gott ist der Name für das Wesen des Menschen, das dieser nach aussen projiziert, sagt der Philosoph Ludwig Feuerbach bereits 1841. Welchen Einfluss hat dieses Verständnis von Religion als Projektion auf Ihr eigenes Denken über Religion und Glaube?

Feuerbach hat mich unglaublich beeindruckt, weil er das präzisierte, was ich auch spürte. Er führte Religion zurück auf die Anthropologie, auf den Menschen. Das hängt mit der Suche nach Vorbildern zusammen. Was der Mensch an sich selber gut findet, versucht er sich objektiv vorzustellen. Dies wiederum kulminiert in der Vorstellung eines Idealwesens aus Fleisch und Blut, was schliesslich in eine göttliche Person hineinprojiziert wird. Wenn man sich nun vergegenwärtigt, dass alle Gottesbeweise zum Schluss kommen, mit den Mitteln der Sprache nichts über Gott aussagen zu können, liegt die Schlussfolgerung auf der Hand: Wir können von Gott immer nur das erfassen, was wir über uns selbst erfassen können. Darum wollen wir ein idealtypisches Vorbild vor Augen haben. Dass diese Vorstellung zwangsläufig in eine Gottesfigur mündet, ist nur allzu verständlich.

Was hat diese philosophisch begründete religionskritische Sicht bei Ihnen ausgelöst?

Die hierarchisch gestufte Männerwelt der Kirchen mit ihrem mittelalterlichen Weltbild – zuoberst der Gott, darunter der Mann, dann die Frau, die Kinder, noch eine Stufe tiefer die Sklaven, zuunterst die Tiere, die Pflanzen – zementiert die Vorstellung, dass Machtverhältnisse unser Leben regulieren. Ich habe begriffen: Diesen Übermann brauche ich nicht mehr. Als Vernunftwesen mit der Aufklärung im Rücken kann ich selber die für mich gültigen Normen generieren – selbstverständlich immer im Verbund mit anderen.

Religion ist für Sie nur noch eine Negativ-Folie?

Das ist schon deswegen problematisch, weil die Herleitung des Wortes Religion gar nicht so klar ist. Religio bedeutet im Lateinischen «Zweifel». Religio drückt nicht diese absolute Gewissheit aus, die mit dem Glauben verbunden wird.

Wie sehen Sie Unterschiede zwischen Religion und Glaube?

Das Wort «glauben» ist umgangssprachlich schon doppeldeutig. Zum einen heisst es für wahr halten – zum Beispiel: Ich glaube, X hat ein Verhältnis mit Y. Das hat nichts mit Religion zu tun. Religiöser Glaube bringt demgegenüber die feste Überzeugung zum Ausdruck, dass ein über- oder aussermenschliches Wesen existiert, das dafür sorgt, dass es in der Welt so zugeht, dass die Menschen es lebenswert finden, darin zu wohnen. Religion ist für mich der Ausdruck für Gemeinschaftlichkeit, die wiederum in der Institution Kirche zum Ausdruck kommt. Gemeinsam mit anderen verehrt man ein göttliches Wesen.

Glauben im religiösen Sinn bedeutet demnach die Rückbindung an ein liebenswertes, aber allmächtiges Wesen, das das Christentum Gott nennt ...

... Glauben im religiösen Sinn heisst für mich, dass man sich auf die Existenz eines Wesens verlässt, das mich schützt, das mir in kritischen Situationen Beistand leistet und das mir in seinen Geboten zu verstehen gegeben hat, wie ich mich als anständiger Mensch zu verhalten habe. Das ist ein Glaube, den man im weitesten Sinn auch im säkularen Bereich kennt und der zum Beispiel in Sätzen wie «Ich glaube an das Gute im Menschen» zum Ausdruck kommt.

Welche Rolle spielt neben der Verantwortung gegenüber den anderen die Solidarität?

Im Fahrwasser von Camus halte ich die Solidarität für ein ganz wichtiges Bindeglied zwischen den Menschen. Der Grund liegt meines Erachtens darin, dass es kein vernünftiges Argument gibt für die Behauptung, ein anderer Mensch sei weniger wert als ich. Darum spreche ich lieber von Gleichwertigkeit, nicht von Gleichheit der Menschen. Es ist viel schwerer, jemanden als gleichwertig anzuerkennen, der aus einer anderen Kultur kommt. Ich muss mir bewusst machen, dass so jemand als Mensch nicht weniger wert ist als ich selber. Ich glaube, um das einzusehen, braucht man keinen Gott.

Was braucht man denn stattdessen? Eine mystische Ader?

Kann sein. Ich schliesse nicht aus, dass es Menschen gibt, die das genau so sehen. Aber man kann es nicht zum Modell schlechthin erheben, dass jeder die Dinge mystisch betrachten muss. Ich glaube, dass die emotionale Ebene von Natur aus immer mit im Spiel ist: Wir sind menschliche, endliche Wesen, die sich im Laufe eines Lebens immer wieder neu erfinden müssen. Meiner Erfahrung nach kann man das ganz gut ohne ein göttliches Überwesen. Aber das ist bei jedem Menschen anders, und ich hüte mich davor, zu sagen, jemand anders muss das genauso empfinden. Denn die Verabsolutierung des eigenen Standpunkts ist für mich immer ein grosses Problem. Man erwartet dann, dass der andere die eigene Position teilt, und wenn nicht, fängt man an, in irgendeiner subtilen Form Gewalt auszuüben. So schleichen sich Dominanzverhältnisse ein, die andere Menschen daran hindern, ihre Freiheit zu entwickeln.

Entsprechend ist für Sie aus ethischer Sicht das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen grundlegend. Ist der Glaube an Gott und der Glaube an Humanität für Sie ein Äquivalent, also austauschbar?

Ich gehe von einem anderen Modell aus. Wenn man von Ersatz spricht, heisst das in der Konsequenz, dass man in diese Lücke, die durch den Wegfall Gottes entsteht, etwas anderes Passendes setzt. Ich glaube aber, dass es diese Lücke gar nicht braucht. Wir müssen uns innerhalb des Menschlichen orientieren. Darum würde ich für ein Immanenzmodell eintreten wollen, bei dem Menschen nur mit sich selber und untereinander zu tun haben. Man bezieht sich in diesem Modell allerdings auf Verbindlichkeiten, die alle teilen können. Um ethische Orientierung bieten zu können, muss man diese Verbindlichkeiten universalisieren können. Das heisst, die Grundregeln des Zusammenlebens müssen von allen geteilt und getragen werden können.

Wären die Menschenrechte zum Beispiel solche für alle verbindlichen Regeln?

Ja. Wichtig ist mir dabei, dass der individuelle Mensch in den Mittelpunkt gesetzt wird. Der Einzelne ist die Kategorie, die zählt. Das ist eine wichtige Einsicht, die Kierkegaard (1813–1855) eingebracht hat. Für das Freiheitsverständnis hat er das überzeugende Bild des Sprunges gewählt. Springen muss ich immer selber über alle Hindernisse hinweg, ich kann nicht gesprungen werden. Wenn einer anpreist, ich springe Dich, ist grösste Vorsicht geboten, denn da will einer meine Freiheit annektieren. Dieses Selbstbestimmungsrecht halte ich für das Grundlegende, das wir durch die Aufklärung gelernt haben. Das Ich darf nicht im Wir untergehen, aber es darf als Ich auch nicht das Wir vergessen.

Das vollständige Gespräch findet sich im Buch «Wie hast du’s mit der Religion? Gespräche über Gott und die Welt», Benno Bühlmann, Wolf Südbeck-Baur, Martina Läubli, db-Verlag 2015, 206 Seiten, Fr. 32.80.

Meistgesehen

Artboard 1